ECLI:DE:BGH:2017:171017B3STR109.17.0 BUNDESGERICHTSHOF BESCHLUSS 3 StR 109/17 vom 17. Oktober 201 7 in der Strafsache gegen wegen Volksverhetzung u.a. - 2 - Der 3. Strafsenat des Bundesgerichtshofs hat nach Anhörung des Beschwerd e- führers und des Generalbundesanwalts am 17. Oktober 20 17 gemäß § 349 Abs. 4 StPO einstimmig beschlossen: Auf die Revision des Angeklagten wird das Urteil des Landgerichts Gera vom 14. September 2016 mit den Feststellungen aufgeh o- ben. Die Sache wird zu neuer Verhandlung und Entscheidung, auch über die Kosten d es Rechtsmittels, an eine andere Strafkammer des Landgerichts zurückverwiesen. Gründe: Das Landgericht hat den Angeklagten wegen schwerer Verunglimpfung des Staates und seiner Symbole in drei Fällen, davon in zwei Fällen in Tatei n- heit mit Volksverhetzu ng, zu einer Gesamtfreiheitsstrafe von einem Jahr veru r- teilt und deren Vollstreckung zur Bewährung ausgesetzt. Außerdem hat es a n- geordnet, dass vier Monate der Gesamtfreiheitsstrafe als vollstreckt gelten, und eine Einziehungsentscheidung getroffen. Dagege n wendet sich der Beschwe r- deführer mit seiner auf die Rügen der Verletzung formellen und materiellen Rechts gestützten Revision. Das Rechtsmittel hat mit der Sachrüge Erfolg, so dass es auf die Verfahrensrügen nicht ankommt. 1 - 3 - I. Nach den vom Landgericht getroffenen Feststellungen verschickte der Angeklagte drei von dem gesondert verurteilten I . verfasste Briefe und e i- nen von einer Person namens L . verfassten Text in Kenntnis des jeweiligen Inhalts, indem er diese einscannte und so dann per E - Mail unaufg e- fordert an mindestens 500 Personen versandte, von denen ihm nur ein Teil b e- kannt war. Alle Briefe hatten einen die Bundesrepublik Deutschland oder ihre verfassungsmäßige Ordnung beschimpfenden Inhalt. In zwei Briefen sowie dem Text v on L . (Taten II.1. und II.3. der Urteilsgründe) wurde zudem der Holocaust geleugnet. Das Landgericht hat dies jeweils als schwere Verunglimpfung des Sta a- tes und seiner Symbole gemäß § 90a Abs. 1 Nr. 1, Abs. 3 StGB, in zwei Fällen in Tateinheit mit V olksverhetzung nach "§ 130 Abs. 1 Nr. 1, Abs. 2 Nr. 1, Abs. 3 und Abs. 5 (i.d.F. vom 16.03.2011) StGB", gewertet. II. 1. Der Schuldspruch wegen schwerer Verunglimpfung des Staates und seiner Symbole (§ 90a Abs. 3 StGB) hält rechtlicher Überprüfung nicht stand. a) Das Landgericht ist zwar rechtsfehlerfrei zu der Bewertung gelangt, dass die von dem Angeklagten weitergeleiteten Texte einen die Bundesrepublik Deutschland beschimpfenden Inhalt im Sinne des § 90a Abs. 1 StGB aufwe i- sen. Die Urteilsgründe bele gen jedoch nicht, dass sich der Angeklagte durch 2 3 4 5 - 4 - die Taten absichtlich für Bestrebungen gegen den Bestand der Bundesrepublik Deutschland oder gegen Verfassungsgrundsätze eingesetzt hat (§ 90a Abs. 3 StGB). Bestrebungen gegen den Bestand der Bundesrepubl ik Deutschland sind gemäß § 92 Abs. 3 Nr. 1 i.V.m. Abs. 1 StGB solche, die die Freiheit von fre m- der Botmäßigkeit aufheben, die staatliche Einheit beseitigen oder ein zur Bu n- desrepublik gehörendes Gebiet abtrennen wollen. Bestrebungen gegen Verfa s- sungsgrund sätze entfaltet, wer einen der in § 92 Abs. 2 StGB enumerativ g e- nannten Grundsätze beseitigen, untergraben oder außer Geltung setzen will (§ 92 Abs. 3 Nr. 3 StGB). Hier lässt sich weder den Feststellungen noch dem Gesamtzusamme n- hang der Urteilsgründe ent nehmen, dass diese Voraussetzungen erfüllt sind. Das Landgericht hat lediglich im Rahmen der Beweiswürdigung ausgeführt (UA S. 29 f.), dass die - nicht näher konkretisierte - Motivation des Angeklagten mit derjenigen des gesondert verfolgten I . überei nstimme und sich aus an I . gerichteten Briefen des Angeklagten ergebe, in denen dieser das Ende des "bundesdeutschen Krisensystems" bzw. die "Endzeitstimmung" in Bezug auf dieses "Regime" befürwortet habe. Aus den Urteilsgründen ergibt sich außerdem, dass der Angeklagte die Legitimation der Bundesrepublik anzweifelt und den Fortbestand des Deutschen Reiches propagiert. Dem mag sich zwar entnehmen lassen, dass der Angeklagte die Freiheit der Bundesrepublik Deutschland von fremder Botmäßigkeit leugnet . Eigene oder von dem Angeklagten unterstützte aktiv - tätige Bemühungen im Sinne e i- nes Hinarbeitens auf einen derartigen Zustand ergeben sich daraus jedoch nicht (vgl. dazu BGH, Beschluss vom 4. Mai 2016 - 3 StR 392/15, StV 2017, 6 7 8 - 5 - 379, 380). Auch eine etwaig e durch die Briefe an I . vermittelte Vorfreude des Angeklagten auf einen Zusammenbruch oder ein Ende der Bundesrepublik in ihrer gegenwärtigen Form lässt keine eigenen Aktivitäten in diese Richtung erkennen. Solche werden auch nicht durch die hier in Rede stehende Verbre i- tung der Briefe von I . durch den Angeklagten belegt. Denn Grundtenor all dieser Briefe war, dass das Verbot der Holocaustleugnung als Sondergesetz gegen die Meinungsfreiheit verstoße und die darauf gestützte strafrechtliche Verf olgung ein Verbrechen sowie Willkür bedeute. Dass einer der in § 92 Abs. 2 StGB genannten Verfassungsgrundsätze beseitigt, außer Geltung g e- setzt oder untergraben werden solle, ergibt sich daraus nicht. Schließlich ve r- mögen auch die Ausführungen der Strafka mmer im Rahmen der rechtlichen Würdigung, wonach sowohl der Angeklagte als auch I . "seit Jahren recht s- radikales Gedankengut verbreiten und die freiheitlich - demokratische Grundor d- nung der Bundesrepublik Deutschland bekämpfen" (UA S. 34), die Annahme de s Qualifikationstatbestandes nicht zu tragen, weil diese Einschätzung nicht durch Tatsachen belegt ist. b) Da nicht auszuschließen ist, dass weitergehende Feststellungen g e- troffen werden können, die eine Verurteilung des Angeklagten nach § 90a Abs. 3 St GB tragen, hebt der Senat den Schuldspruch wegen schwerer Veru n- glimpfung des Staates und seiner Symbole auf. Dies erfasst notwendig auch die tateinheitliche Verurteilung des Angeklagten wegen Volksverhetzung in den Fällen II.1. und II.3. der Urteilsgründe, wenngleich das Landgericht insoweit rechtsfehlerfrei eine Leugnung des Holocaust im Sinne des § 130 Abs. 3 StGB bejaht hat. 2. Im Hinblick auf die neue Hauptverhandlung weist der Senat auf Fo l- gendes hin: 9 10 - 6 - a) Die Verunglimpfung des Staates und seiner Symbole gemäß § 90a Abs. 1 StGB ist - ebenso wie die Leugnung des Holocaust nach § 130 Abs. 3 StGB - ein persönliches Äußerungsdelikt. Die Wiedergabe fremder Äußerungen ist nur dann tatbestandsmäßig, wenn sich der Täter die Äußerung ausdrücklich oder konkl udent derart zu eigen macht, dass er selbst beschimpft oder böswillig verächtlich macht. Ob sich der Täter eine Äußerung auf solche Weise zu eigen macht, gehört zur Auslegung, die aufgrund einer Gesamtwürdigung aller U m- stände des Einzelfalls vorzunehmen is t. Die Bewertung des Inhalts einer Äuß e- rung richtet sich ebenso wie die Frage des Zu - Eigen - Machens nach deren o b- jektivem Sinngehalt, der nach dem Verständnis eines unbefangenen Durc h- schnittsempfängers zu ermitteln ist. Dabei können neben dem Wortlaut und d em Kontext der Äußerung auch außerhalb derselben liegende Umstände B e- deutung erlangen (BGH, Beschlüsse vom 15. Oktober 2002 - 3 StR 270/02, NStZ 2003, 145; vom 7. Februar 2002 - 3 StR 446/01, NStZ 2002, 592). Nicht erkennbar gewordene Umstände, beispielswe ise eine weder in der Äußerung selbst noch in den Begleitumständen zum Ausdruck gekommene innere Ei n- ste l lung des Täters, sind aus Sicht des Empfängerhorizonts dagegen ohne B e- lang (vgl. BGH, Urteile vom 23. August 1979 - 4 StR 207/79, juris Rn. 7; vom 20. J uli 1961 - 3 StR 21/61, NJW 1961, 1932, 1933; vom 3. April 2008 - 3 StR 394/07, juris Rn. 8 [zu § 130 StGB, insoweit in BGHR StGB § 130 Nr. 1 Bevö l- kerungsteil 3 nicht abgedruckt]; Beschluss vom 14. April 2015 - 3 StR 602/14, NStZ 2015, 512, 513 [zu § 130 A bs. 1 StGB]). Insoweit könnte die Annahme des Landgerichts, der Angeklagte habe sich die Äußerungen von I . zu eigen gemacht, in den Fällen I.1. und I.2. der Urteilsgründe auf rechtliche Bedenken stoßen. Denn das Landgericht hat seine Bewertung in diesen Fällen im Wesentlichen auf entsprechende Bemerkungen des Angeklagten in - erst nach der dritten Tat verfassten und den Feststellu n- 11 12 - 7 - gen zufolge nicht veröffentlichten - Antwortbriefen an I . gestützt. Auch das erst im dritten Fall (Fall II.3. der Urteilsgründe) an die Empfänger der von ihm weitergeleiteten Texte gerichtete Begleitschreiben des Angeklagten ist für die Beurteilung der ersten beiden Fälle (Fälle II.1. und II.2. der Urteilsgründe) ohne Bedeutung, weil die Empfänger der weitergeleiteten Texte zum Zeitpunkt der ersten beiden Taten hiervon noch keine Kenntnis hatten. b) Nach den vom Landgericht getroffenen Feststellungen kommt als Tathandlung sowohl im Rahmen des § 90a Abs. 1 StGB als auch im Rahmen des § 130 Abs. 3 StGB neben einem Ve rbreiten von Schriften auch ein öffentl i- ches Beschimpfen bzw. öffentliches Leugnen in Betracht (vgl. BGH, Beschluss vom 19. August 2014 - 3 StR 88/14, NStZ 2015, 81, 83). c) Falls die nunmehr zur Entscheidung berufene Strafkammer wiederum zu dem Ergebni s gelangt, dass durch die von dem Angeklagten in den Fällen II.1. und II.3. weitergeleiteten Texte der Holocaust geleugnet wird (§ 130 Abs. 3 StGB) und sich der Angeklagte die Texte zu eigen gemacht hat, ergibt sich se i- ne Strafbarkeit wegen Volksverhetzung unmittelbar aus § 130 Abs. 3 StGB; eines Rückgriffs auf § 130 Abs. 5, Abs. 2 Nr. 1 Buchst. a) StGB aF bedarf es insoweit nicht. d) § 130 Abs. 5 StGB eröffnet u.a. für die weiteren Tathandlungen des Verbreitens und öffentlich Zugänglichmachens einer Sch rift mit dem in § 130 Abs. 3 StGB bezeichneten Inhalt - die nicht zusätzlich den in § 130 Abs. 2 StGB beschriebenen Inhalt aufweisen muss - den Strafrahmen des Absatzes 2, der von Geldstrafe bis zu drei Jahren Freiheitsstrafe reicht. 13 14 15 - 8 - e) Dem in Bezug auf § 90a StGB eingeschränkten Grundrecht der Meinungsfreiheit aus Art. 5 Abs. 1 Satz 1 GG ist bei der Rechtsanwendung auf allen Ebenen Rechnung zu tragen. Es verlangt daher auch bei der Strafzume s- sung für eine verbotene Meinungsäußerung Beachtung (BGH, Besc hluss vom 15. Oktober 2002 - 3 StR 270/02, NStZ 2003, 145, 146 mwN). Becker Schäfer Gericke Tiemann Hoch 16
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