B u n d e s v e rw a l t u ng s g e r i ch t
T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l
T r i b u n a l e am m in i s t r a t i vo f e d e r a l e
T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l
Abteilung I
A-1956/2014
U r t e i l v o m 2 . O k t o b e r 2 0 1 4
Besetzung
Richter Jürg Steiger (Vorsitz),
Richterin Claudia Pasqualetto Péquignot,
Richterin Marie-Chantal May Canellas,
Gerichtsschreiberin Laura Bucher.
Parteien
Eidgenössische Technische Hochschule Zürich
(ETH Zürich),
c/o Studienadministration, HG FO 22.1,
Rämistrasse 101, 8092 Zürich,
Beschwerdeführerin,
gegen
A._______ , (…)
Beschwerdegegner,
ETH-Beschwerdekommission,
Postfach 6061, 3001 Bern,
Vorinstanz.
Gegenstand
Zulassung zum Bachelor-Studiengang Physik.
A-1956/2014
Seite 2
Sachverhalt:
A.
A._______ bewarb sich im am 26. April 2013 an der Eidgenössischen
Technischen Hochschule (ETH) Zürich für die Zulassung zum Bachelor-
Studiengang Physik. Mit Verfügung vom 24. Mai 2013 verweigerte die
ETH Zürich A._______ die Zulassung, weil er im Jahr 1970 das Vordip-
lom Physik zweimal nicht bestanden hatte. Gegen diese Verfügung erhob
A._______ am 29. Mai 2013 Beschwerde bei der ETH-
Beschwerdekommission.
B.
Mit Entscheid vom 4. März 2014 hiess die ETH-Beschwerdekommission
(nachfolgend: Vorinstanz) die Beschwerde gut und hob die Verfügung der
ETH Zürich auf. A._______ sei zum Bachelor-Studiengang Physik zuzu-
lassen. Der Beschwerdeführer verfüge über die notwendige Studierfähig-
keit und sei qualifiziert, ein Studium in Angriff zu nehmen. Es bestehe kei-
ne Gefahr, dass er ein Langzeitstudierender werde. Der zweimalige
Misserfolg liege bereits Jahrzehnte zurück und es stelle sich die Frage,
ob der Ausschluss verjährt sei. Dies umso mehr, als sich die Studiengän-
ge seit der Einführung des Bologna-Systems massgeblich verändert hät-
ten. Die Vergleichbarkeit der Studiengänge sei deshalb fraglich. Vorlie-
gend würden triftige Gründe bestehen, vom Wortlaut der Zulassungsver-
ordnung abzuweichen und den Beschwerdeführer mit Rücksicht auf Sinn
und Zweck der Bestimmung zum Bachelor-Studiengang Physik zuzulas-
sen.
C.
Gegen diesen Entscheid erhebt die ETH Zürich (nachfolgend: Beschwer-
deführerin) am 10. April 2014 Beschwerde beim Bundesverwaltungsge-
richt. Die Beschwerdeführerin beantragt, den Entscheid der Vorinstanz
aufzuheben und die Verfügung vom 24. März 2013 zu bestätigen. An der
ETH Zürich gelte das Grundprinzip, dass jeder Studierende pro Studien-
richtung eine Möglichkeit habe, den Studienabschluss zu erreichen. Be-
stehe man eine Prüfung zweimal nicht, bleibe man von der Immatrikulati-
on in ein Bachelor- oder Masterstudium derselben oder einer vergleichba-
ren Studienrichtung ausgeschlossen. Eine Verjährung des Ausschlusses
sei nicht vorgesehen. Dieses Prinzip gelte grundsätzlich auch an jeder
anderen Universität der Schweiz. A._______ sei auch an der Universität
Zürich infolge zweimaligen Nichtbestehens ausgeschlossen worden. Zu-
dem habe er kein abgeschlossenes Studium, welches eine Zulassungs-
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grundlage bilden könnte. Die abgelegte Aufnahmeprüfung, welche auf-
grund seines französischen Baccalaureats Zulassungsvoraussetzung wä-
re, sei abgelaufen. Die Nichtzulassung zum Studium sei im vorliegenden
Fall nicht mit einem beruflichen Nachteil verbunden.
D.
In seiner Stellungnahme vom 7. Mai 2014 beantragt A._______ (nachfol-
gend: Beschwerdegegner), die Beschwerde abzuweisen. Er macht gel-
tend, er habe nie bestritten, dass er keinen Studienabschluss im Sinne
des Schweizer Systems habe, dies sei jedoch für die Anmeldung zum
Bachelorstudium auch nicht verlangt. Er habe in Frankreich parallel zur
Berufstätigkeit den Titel "docteur d'Université sciences mathématiques"
erworben, was jedoch nicht mit dem "doctorat d'état" zu verwechseln sei.
Die Universität Montpellier habe ihm mündlich zugesichert, dass der Titel
für ganz Europa gelte. Es bestehe wohl kaum die Gefahr, dass die ETH
mit "Scharen von Greisen", die vor 40 Jahren eine nicht mehr existieren-
de Prüfung zweimal nicht bestanden hätten, überschwemmt werde. Mit
Schreiben vom 13. Mai 2014 beantragt die Vorinstanz unter Verzicht auf
weitere Erwägungen ebenfalls, die Beschwerde abzuweisen.
E.
Auf die weiteren Ausführungen wird – soweit entscheidrelevant – in den
Erwägungen eingegangen.
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005
(VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden
gegen Verfügungen nach Art. 5 des Bundesgesetzes vom 20. Dezember
1968 über das Verwaltungsverfahren (VwVG, SR 172.021). Entscheide
der ETH-Beschwerdekommission sind beim Bundesverwaltungsgericht
anfechtbar (Art. 37 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die Eidgenössischen
Technischen Hochschulen vom 4. Oktober 1991 [ETH-Gesetz, SR
414.110] i.V.m. Art. 33 Bst. f VGG). Eine Ausnahme, was das Sachgebiet
angeht, ist nicht gegeben (Art. 32 VGG). Das Bundesverwaltungsgericht
ist daher für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde zuständig. Das
Verfahren richtet sich nach dem VwVG, soweit das VGG nichts anderes
bestimmt (Art. 37 VGG).
A-1956/2014
Seite 4
1.2 Zur Beschwerde ist nach Art. 48 Abs. 1 VwVG berechtigt, wer vor der
Vorinstanz am Verfahren teilgenommen hat oder keine Möglichkeit zur
Teilnahme erhalten hat, durch die angefochtene Verfügung besonders be-
rührt ist und ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung oder Än-
derung hat. Beschwerdebefugt sind ferner Personen, Organisationen und
Behörden, denen ein anderes Bundesgesetz dieses Recht einräumt
(Art. 48 Abs. 2 VwVG). Nach Art. 37 Abs. 2 des Bundesgesetz über die
Eidgenössischen Technischen Hochschulen vom 4. Oktober 1991 (SR
414.110, nachfolgend: ETHG) sind der ETH-Rat, die ETH und die For-
schungsanstalten berechtigt, gegen Beschwerdeentscheide Beschwerde
zu führen, wenn sie in der gleichen Sache als erste Instanz verfügt ha-
ben. Die Beschwerdeführerin, die vorliegend als erste Instanz entschie-
den hat, ist somit zur Erhebung der vorliegenden Beschwerde legitimiert.
1.3 Auf die frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde (Art. 50 und
52 VwVG) ist folglich einzutreten.
2.
Das Bundesverwaltungsgericht entscheidet grundsätzlich mit uneinge-
schränkter Kognition. Es überprüft die angefochtene Verfügung oder das
angefochtene Urteil auf Rechtsverletzungen – einschliesslich unrichtiger
oder unvollständiger Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts
und Rechtsfehler bei der Ausübung des Ermessens – sowie auf An-
gemessenheit (Art. 49 VwVG).
3.
3.1 Die Beschwerdeführerin macht im Wesentlichen geltend, ein Wieder-
eintritt des Beschwerdegegners in das Bachelor-Studium Physik sei ge-
stützt auf Art. 40 Abs. 1 Bst. a der Verordnung der ETH Zürich über die
Zulassung zu den Studien an der ETH Zürich vom 30. November 2010
(SR 414.131.52; nachfolgend: Zulassungsverordnung) sowie auf die Wei-
sung "Einschränkung der Studienwahl, Studiengangwechsel, Wiederein-
tritt in die ETH Zürich und Anrechnung von Studienleistungen" der Schul-
leitung der ETH Zürich vom 18. Februar 2011 (nachfolgend: Weisung)
nicht möglich. Mit dem zweimaligen Nichtbestehen einer Prüfung habe
der Beschwerdeführer sein Recht, zu diesem oder einem vergleichbaren
Studiengang zugelassen zu werden, verwirkt. Falls das Gericht im unbe-
fristeten Ausschluss einen Verstoss gegen das Prinzip der Verhältnis-
mässigkeit erkennen würde, müsste die ETH Zürich eine Befristung in der
Verordnung vorsehen. Die Vorinstanz pflichtet dem insoweit bei, als sie in
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ihrem Entscheid ausführt, dass wenn man einzig auf den Wortlaut von
Art. 40 Abs. 1 Bst. a Zulassungsverordnung abstellen würde, der Be-
schwerdegegner zu Recht nicht zum Bachelor-Studiengang Physik zuge-
lassen worden sei. Der Wortlaut sei jedoch auszulegen und zu prüfen, ob
er mit Sinn und Zweck der Bestimmung übereinstimme. Im vorliegenden
Fall würden triftige Gründe für die Abweichung vom Wortlaut der Bestim-
mung bestehen, die Frage der Verjährung könne deshalb offen bleiben.
Der Beschwerdegegner macht geltend, die Prüfung, die vor 40 Jahren
zum Ausschluss von der ETH Zürich geführt habe, existiere nicht mehr.
Man solle bei ihm eine Ausnahme machen und ihn zum Bachelor-
Studium Physik zulassen.
3.2 Nachdem im vorliegenden Beschwerdeverfahren die Anwendung von
Art. 40 Abs. 1 Bst. a Zulassungsverordnung sowie der erwähnten, sich
auf diese Bestimmung stützende Praxis und insbesondere die Zulässig-
keit der Unverjährbarkeit eines Ausschlusses sowie das Fehlen einer
Ausnahmebestimmung in Frage stehen, sind im Folgenden die entspre-
chenden Regelungen vorfrageweise auf ihre Gesetz- und Verfassungs-
mässigkeit zu prüfen.
4.
4.1 Nach dem Grundsatz der Gesetzmässigkeit bedarf jedes staatliche
Handeln einer gesetzlichen Grundlage (Art. 5 Abs. 1 der Bundesverfas-
sung der Schweizerischen Eidgenossenschaft vom 18. April 1999 [BV,
SR 101]). Inhaltlich gebietet das Gesetzmässigkeitsprinzip, dass staatli-
ches Handeln insbesondere auf einem Rechtssatz (generell-abstrakter
Struktur) von genügender Normstufe und genügender Bestimmtheit zu
beruhen hat (BVGE 2011/13 E. 15.4, Urteil des Bundesverwaltungsge-
richts A-3479/2012 vom 8. Januar 2013 E. 2.1.1; HÄFE-
LIN/MÜLLER/UHLMANN, Allgemeines Verwaltungsrecht, 6. Aufl., Zürich/St.
Gallen 2010, Rz. 381 ff.). Werden Rechtssetzungskompetenzen des Ge-
setzgebers auf den Verordnungsgeber übertragen, spricht man von Ge-
setzesdelegation. Der Gesetzgeber ermächtigt damit im (formellen) Ge-
setz die Exekutive zum Erlass von gesetzesvertretenden Verordnungen.
Die Gesetzesdelegation gilt als zulässig, wenn sie nicht durch die Verfas-
sung ausgeschlossen ist, in einem Gesetz im formellen Sinn enthalten ist,
sich auf ein bestimmtes, genau umschriebenes Sachgebiet beschränkt
und die Grundzüge der delegierten Materie, d.h. die wichtigen Regelun-
gen, im delegierenden Gesetz selbst enthalten sind (Art. 164 Abs. 1 BV;
BGE 134 I 322 E. 2.4 und 2.6.3, 133 II 347 E. 7.2.1, 128 I 113 E. 3c; Urteil
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des Bundesverwaltungsgerichts A-3950/2011 vom 12. April 2012 E. 4.4;
HÄFELIN/MÜLLER/UHLMANN, a.a.O., Rz. 407 mit weiteren Hinweisen).
4.2 Das Bundesverwaltungsgericht kann auf Beschwerde hin vorfrage-
weise Verordnungen auf ihre Gesetz- und Verfassungsmässigkeit prüfen
(konkrete Normenkontrolle). Der Umfang der Kognition hängt dabei da-
von ab, ob es sich um eine unselbständige oder aber um eine selbständi-
ge Verordnung handelt (MOSER/BEUSCH/KNEUBÜHLER, Prozessieren vor
dem Bundesverwaltungsgericht, 2. Aufl. 2013, Rz. 2.177 f.). Bei unselb-
ständigen Verordnungen, die sich auf eine gesetzliche Delegation stüt-
zen, prüft das Bundesverwaltungsgericht, ob sich der Verordnungsgeber
an die Grenzen der ihm im Gesetz eingeräumten Befugnis gehalten hat.
Wird dem Verordnungsgeber durch die gesetzliche Delegation ein sehr
weiter Bereich des Ermessens für die Regelung auf Verordnungsstufe
eingeräumt, so ist dieser Spielraum nach Art. 190 BV für das Bundesver-
waltungsgericht verbindlich. Es darf in diesem Fall bei der Überprüfung
der Verordnung nicht sein eigenes Ermessen an die Stelle desjenigen
des Verordnungsgebers setzen, sondern hat seine Prüfung darauf zu be-
schränken, ob die Verordnung den Rahmen der im Gesetz delegierten
Kompetenz offensichtlich sprengt oder aus andern Gründen gesetz- oder
verfassungswidrig ist (BGE 131 II 562 E. 3.2, 130 I 26 E. 2.2.1, 128 IV
177 E. 2.1; Urteil des Bundesgerichts 2C_735/2007 vom 25. Juni 2008
E. 4.2; Urteil des Bundesverwaltungsgerichts A-3043/2011 vom 15. März
2012 E. 5.3). Dabei kann es namentlich prüfen, ob sich eine Verord-
nungsbestimmung auf ernsthafte Gründe stützt oder Art. 9 BV wider-
spricht, weil sie sinn- oder zwecklos ist, rechtliche Unterscheidungen trifft,
für die ein vernünftiger Grund in den tatsächlichen Verhältnissen fehlt,
oder Unterscheidungen unterlässt, die richtigerweise hätten getroffen
werden sollen. Die Zweckmässigkeit hat es hingegen nicht zu beurteilen
(BGE 131 II 162 E. 2.3, 131 V 256 E. 5.4; Urteil des Bundesgerichts
6P.62/2007 vom 27. Oktober 2007 E. 3.1; Urteil des Bundesverwaltungs-
gerichts A-142/2013 vom 27. Mai 2013 E. 2.3).
4.3 Innerhalb der unselbständigen Verordnungen werden zwei Kategorien
unterschieden: Die gesetzesvertretenden Verordnungen ergänzen oder
ändern die gesetzliche Regelung und übernehmen damit Gesetzesfunkti-
on. Solche dürfen gemäss Art. 164 Abs. 1 BV nur gestützt auf eine be-
sondere Ermächtigung des Gesetzgebers erlassen, d.h. es braucht eine
genügende Delegationsnorm im Gesetz (im vorstehenden Sinn: E. 4.1 f.).
Vollziehungsverordnungen hingegen vermögen Gesetzesbestimmungen
nur zu verdeutlichen. Sie dürfen im Vergleich zum Gesetz nicht zusätzli-
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che Pflichten auferlegen, selbst wenn diese mit dem Gesetzeszweck im
Einklang stehen. Ebenso wenig dürfen sie Ansprüche, die aus dem Ge-
setz hervorgehen, beseitigen (zum Ganzen: BGE 125 V 273 E. 6b;
TSCHANNEN/ZIMMERLI/MÜLLER, Allgemeines Verwaltungsrecht, 4. Auflage
2014, § 14 Rz. 26 f.; HÄFELIN/MÜLLER/UHLMANN, a.a.O., Rz. 136 ff.).
4.4 Verwaltungsverordnungen (auch Weisungen, Richtlinien etc.) dienen
einer einheitlichen und rechtsgleichen Rechtsanwendung durch die Ver-
waltung. Sie stellen Meinungsäusserungen der Verwaltung über die Aus-
legung der anwendbaren gesetzlichen Bestimmungen dar (BGE 128 I
167 E. 4.3; 121 II 473 E. 2b). Abgesehen vom Fall der (echten) Lücke
dürfen sie nichts anderes vorsehen, als was sich aus dem Gesetz und
der Rechtsprechung ergibt (Urteil des Bundesgerichts vom 15. Mai 2000,
ASA 70 589 E. 5a). Sie dürfen die gesetzlichen Vorschriften bloss konkre-
tisieren (BGE 109 Ib 205 E. 2; 106 Ib 252 E. 1). Die Befugnis zum Erlass
einer Verwaltungsverordnung ergibt sich, wenn die rechtsanwendende
Verwaltungseinheit sie selbst erlässt, aus einer Kompetenz zum Geset-
zesvollzug, und wenn eine übergeordnete Verwaltungseinheit sich darin
an die untergeordnete richtet, (zudem) aus der Aufsichtsbefugnis
(TSCHANNEN/ZIMMERLI/MÜLLER, a.a.O., § 41 Rz. 11, § 14 Rz. 10 f.). In der
Regel ist keine direkte Anfechtung einer Verwaltungsverordnung, sondern
nur die vorfrageweise (akzessorische) Überprüfung anlässlich der An-
fechtung einer Verfügung möglich (BGE 128 I 167E. 4.3; TSCHAN-
NEN/ZIMMERLI/MÜLLER, a.a.O., § 41 Rz. 21 ff., 27; HÄFE-
LIN/MÜLLER/UHLMANN, a.a.O., Rz. 129). Gerichte sind an Verwaltungsver-
ordnungen nicht gebunden. Im Fall der Anfechtung einer Verfügung prüft
das Gericht im Prinzip nur, ob die Verfügung mit dem übergeordneten
Recht übereinstimmt. Allerdings soll das Gericht auch eine Verwaltungs-
verordnung bei seiner Entscheidung mitberücksichtigen, sofern sie eine
dem Einzelfall angepasste und gerecht werdende Auslegung der an-
wendbaren gesetzlichen Bestimmungen zulässt und nicht über eine blos-
se Konkretisierung des übergeordneten Rechts hinausgeht (zum Ganzen
BGE 109 Ib 205 E. 2; 121 II 473 E. 2b; Urteil des Bundesgerichts vom
26. Juli 2001, ASA 71 496 E. 2a; BVGE 2007/41 E. 3.3; 2008/22 E. 3.1.1
mit Hinweisen; HÄFELIN/MÜLLER/UHLMANN, a.a.O., Rz. 128; MO-
SER/BEUSCH/KNEUBÜHLER, a.a.O., Rz. 2.173 f. mit Hinweisen). Von Verfü-
gungen, die in Übereinstimmung mit einer Verwaltungsverordnung ergan-
gen sind, weicht das Bundesverwaltungsgericht nicht "ohne Not" ab, da
eine einheitliche und rechtsgleiche Handhabung der Verwaltungspraxis
sichergestellt werden soll (Urteil des Bundesverwaltungsgerichts A-8728/
2007 vom 8. April 2008, E. 3.1; BENJAMIN SCHINDLER, in: Au-
A-1956/2014
Seite 8
er/Müller/Schindler [Hrsg.], Kommentar VwVG, Zürich/St.Gallen 2008,
Art. 49 Rz. 14 mit Hinweisen; TSCHANNEN/ZIMMERLI/MÜLLER, a.a.O., § 41
Rz. 16).
5.
5.1 Gemäss Art. 63a Abs. 1 BV betreibt der Bund die Eidgenössischen
Technischen Hochschulen. Der ETH-Bereich wird im Bundesgesetz über
die Eidgenössischen Technischen Hochschulen vom 4. Oktober 1991 (SR
414.110, nachfolgend: ETHG) geregelt. Die Eidgenössischen Techni-
schen Hochschulen Zürich (ETHZ) und Lausanne sind autonome öffent-
lich-rechtliche Anstalten des Bundes mit Rechtspersönlichkeit, welche ih-
re Angelegenheiten selbständig regeln und verwalten (Art. 5 ETHG).
Art. 16 und Art. 16a ETHG regeln die Zulassungsbedingungen für das
erste Semester des Bachelorstudiums für Studierende mit einem eidge-
nössisch anerkannten Maturitätsausweis sowie für Studierende mit einem
ausländischen Vorbildungsausweis. Der Erlass von Zulassungsbedingun-
gen für den Eintritt in ein höheres Semester des Bachelorstudiums sowie
für weitere Studiengänge an den Eidgenössischen Technischen Hoch-
schulen wird an die jeweilige Schulleitung delegiert (Art. 16 Abs. 2,
Art. 16a Abs. 5 ETHG). Gestützt auf diese Gesetzesdelegation hat die
Schulleitung der ETHZ die Zulassungsverordnung erlassen. Gemäss
Art. 42 Zulassungsverordnung können sich Studierende, die aus der
ETHZ ausgetreten sind oder von der ETHZ exmatrikuliert wurden, erneut
immatrikulieren, sofern sie die entsprechenden Voraussetzungen erfüllen.
Die Einschränkung der Studienwahl bleibt allerdings bei jedem Wieder-
eintritt vorbehalten (Art. 42 Abs. 2 Zulassungsverordnung). Gemäss
Art. 40 Abs. 1 Bst. a Zulassungsverordnung werden Personen, die an der
ETHZ nach Nichtbestehen von Leistungskontrollen endgültig vom Weiter-
studium in einem bestimmten Studiengang ausgeschlossen wurden, von
einer Immatrikulation ins Bachelorstudium derselben oder einen ver-
gleichbaren Studienrichtung an der ETHZ ausgeschlossen.
Die Zulassungsverordnung stellt eine unselbständige Verordnung dar, die
auf eine Gesetzesdelegation beruht (vgl. E. 4.2). Aus dem Wortlaut der
Zulassungsverordnung selbst geht nicht eindeutig hervor, ob der Aus-
schluss von der Immatrikulation in den gleichen oder vergleichbaren Stu-
diengang unbefristet ist.
5.2 Gemäss Art. 40 Abs. 4 Zulassungsverordnung kann die Schulleitung
auf Antrag des Rektors Einzelheiten zu den Einschränkungen der Stu-
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Seite 9
dienwahl regeln. In der entsprechenden Weisung der ETHZ wird Art. 40
Zulassungsverordnung präzisiert. Diese Weisung stellt eine Verwaltungs-
verordnung dar (vgl. E. 4.4). Gemäss Art. 1 Abs. 4 der Weisung gilt der
Ausschluss unbefristet und auch für Personen, die nach dem Ausschluss
an einer anderen Hochschule einen Studienabschluss in der derselben
oder einer vergleichbaren Studienrichtung erworben haben und sich er-
neut an der ETHZ immatrikulieren möchten. Gemäss Art. 11 der Weisung
sind zudem bei jedem Wiedereintritt in die ETHZ die Einschränkungen
der Studienwahl vorbehalten. Ausnahmen von dieser Regelung sind we-
der in der Zulassungsverordnung noch in den Weisungen vorgesehen.
5.3 Im vorliegenden Fall hat der Beschwerdegegner 1970 das 1. Vordip-
lom in Physik zweimal nicht bestanden, was offenbar zum Ausschluss von
der ETHZ führte und von ihm auch nicht bestritten wird. Zudem hat der
Beschwerdegegner gemäss von der Beschwerdeführerin eingeholten
Bestätigung der Universität Zürich vom 7. April 2014 im Jahr 1979 dort
die 2. Vordiplomprüfung in Mathematik zweimal nicht bestanden und ist
von allen Studiengängen der Philosophischen Fakultät II (Mathematisch-
naturwissenschaftliche Fakultät) ausgeschlossen. Weil der Beschwerde-
gegner in den Jahren 1970 und 1979 sowohl für das Weiterstudium im
Studiengang Physik an der ETHZ als auch für das Fach Mathematik bzw.
für alle mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächer an der Universität
Zürich ausgeschlossen wurde, kann er sich gemäss der geltenden Praxis
der ETHZ nicht (erneut) für die vergleichbare bzw. identische Studienrich-
tung Physik an der ETHZ einschreiben, obwohl die Ausschlüsse über 30
Jahre zurück liegen.
Nachfolgend ist vorfrageweise zu prüfen, ob diese Praxis gesetzes- und
verfassungskonform ist. Dabei sind die genannten Einschränkungen der
Überprüfungsbefugnis zu beachten (vgl. E. 4.2 und 4.4).
6.
6.1 Die personellen und materiellen Ressourcen einer Hochschule sind
begrenzt. Deshalb besteht ein öffentliches Interesse daran, dass Studie-
rende, welche den Anforderungen eines Studiums nicht genügen und
nicht über die erforderlichen Fähigkeiten verfügen, nicht weiterhin an ihrer
Hochschule oder an einer anderen Schweizer Universität den gleichen
Studiengang belegen und staatliche (Ausbildungs-)Gelder in Anspruch
nehmen können (Urteil des Bundesverwaltungsgerichts A-3113/2013 vom
16. April 2014 E. 12.3). Ziel eines Ausschlusses nach zweimaligem Nicht-
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Seite 10
bestehen einer Prüfung ist, dass Studierende baldmöglichst erkennen, ob
sie für diese Ausbildung geeignet sind (Urteil des Bundesgerichts
2P.203/2001 vom 12. Oktober 2001 E. 5b). Die Festlegung einer Verjäh-
rung des Ausschlusses bzw. der Berücksichtigung von nichtbestandenen
Prüfungen würde diesen Interessen zuwiderlaufen und wäre damit nicht
mehr geeignet, die im öffentlichen Interesse liegenden Ziele zu erreichen.
Dasselbe gilt für den Erlass einer Ausnahmeregelung für Härtefälle. Die
Einführung einer solchen Verjährungsfrist bei der Immatrikulation in einen
Studiengang, aus dem man vor längerer Zeit ausgeschlossen wurde,
würde zudem weitere Fragen aufwerfen und Schwierigkeiten mit sich
bringen. Insbesondere erscheint es fraglich, ob es überhaupt möglich wä-
re, eine beliebige Verjährungsfrist festzulegen, welche mit dem Gebot der
Rechtsgleichheit vereinbar wäre. Auch die Einführung einer Ausnahme-
bestimmung bei den Zulassungsbedingungen würde der ETHZ eine kon-
sequent rechtsgleiche Behandlung aller Studierenden und damit die
Durchsetzung der im öffentlichen Interesse liegenden Ziele erschweren.
Deshalb decken sich der praxisgemässe Verzicht auf eine Verjährung des
Ausschlusses (vgl. Art. 1 Abs. 4 Weisung) sowie auf eine Ausnahmerege-
lung mit dem Sinn und Zweck der Regelung in der Zulassungsverord-
nung. Diesbezüglich ist die Praxis nicht zu beanstanden. Sie stützt sich
auf ernsthafte Gründe und ist damit nicht als willkürlich zu beurteilen.
6.2 Auch angewendet auf den vorliegenden Fall erweist sich die Praxis
als gesetzes- und verfassungskonform. Wie das Bundesgericht festge-
stellt hat, verletzen Zulassungsbeschränkungen zu staatlichen Bildungs-
einrichtungen sowie die Beschränkung der Wiederholungsmöglichkeit ei-
ner Prüfung die Berufswahlfreiheit nicht (Urteil des Bundesgerichts
2P.203/2001 vom 12. Oktober 2011 E. 3). Zudem bestehen kein verfas-
sungsmässiges Recht auf Bildung und kein Anspruch auf freien Zugang
zu einer Universität bzw. auf einen gewünschten Studienplatz (BGE 101 I
22 E. 2; 125 I 173 E. 3c). Weil darüber hinaus der Beschwerdegegner im
vorliegenden Fall das Pensionsalter bereits erreicht hat, dürfte er durch
die Nichtzulassung zum Bachelor-Studium Physik kaum in seinem beruf-
lichen Fortkommen eingeschränkt sein, was er auch nicht bestreitet. Zu-
dem ist an dieser Stelle festzuhalten, dass der Beschwerdegegner grund-
sätzlich die Möglichkeit hat, an den Vorlesungen des gewünschten Stu-
diengangs als Hörer teilzunehmen (vgl. Art. 39 Zulassungsverordnung).
6.3 Aus dem Gesagten folgt, dass sich Art. 40 Abs. 1 Bst. a Zulassungs-
verordnung und die dazu bestehende Praxis auf ernsthafte Gründe stüt-
zen und auf einer gesetzlichen Grundlage bzw. auf einer zulässigen Ge-
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Seite 11
setzesdelegation beruhen. Auch unter Berücksichtigung des vom Ge-
setzgeber gewollten weiten Ermessensspielraums des Verordnungsge-
bers und der damit verbundenen eingeschränkten Prüfungsbefugnis des
Bundesverwaltungsgerichts erscheint die Regelung sinnvoll und zweck-
mässig. Ihre Anwendbarkeit ist im vorliegenden Fall deshalb nicht in Fra-
ge zu stellen.
Weil die Zulassungsbestimmungen keine Ausnahmeregelung vorsehen,
muss im vorliegenden Fall auch nicht geprüft werden, ob der Beschwer-
degegner gestützt auf eine alternative Zulassungsgrundlage – konkret
aufgrund der von der Vorinstanz geltend gemachten Studierfähigkeit so-
wie dem an der Universität Montpellier erworbenen Abschluss – zum Stu-
dium zugelassen werden könne.
6.4 Zusammenfassend ergibt sich, dass die ETHZ den Beschwerdegeg-
ner gestützt auf die nicht in Frage zu stellenden Bestimmungen der Zu-
lassungsverordnung sowie der entsprechenden Praxis zu Recht nicht
zum Bachelor-Studium Physik zugelassen hat. Bei diesem Ergebnis ist
die Beschwerde gutzuheissen, der Entscheid der Vorinstanz aufzuheben
und die Verfügung der Zulassungsstelle vom 24. Mai 2013 zu bestätigen.
7.
7.1 Kostenpflichtig wird in der Regel die unterliegende Partei, wobei un-
terliegenden Vorinstanzen keine Verfahrenskosten auferlegt werden dür-
fen (Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG). Vorliegend rechtfertigt es sich, dem
ebenfalls unterliegenden Beschwerdegegner die Verfahrenskosten zu er-
lassen (Art. 6 Bst. b des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kos-
ten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR
173.320.2]).
7.2 Weder der obsiegenden Beschwerdeführerin noch dem unterliegen-
den Beschwerdegegner steht ein Anspruch auf Parteientschädigung zu
(Art. 64 Abs. 1 VwVG i.V.m. Art. 7 Abs. 3 VGKE).
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Seite 12
Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht:
1.
Die Beschwerde wird gutgeheissen und der Entscheid der ETH-
Beschwerdekommission vom 4. März 2014 wird in Bestätigung der Verfü-
gung der ETH Zürich vom 24. Mai 2013 aufgehoben.
2.
Es werden keine Verfahrenskosten erhoben.
3.
Es werden keine Parteikosten zugesprochen.
4.
Dieses Urteil geht an:
– die Beschwerdeführerin (Gerichtsurkunde)
– den Beschwerdegegner (Gerichtsurkunde)
– die Vorinstanz (Ref-Nr. Verf.-Nr. 2013; Einschreiben)
Der vorsitzende Richter: Die Gerichtsschreiberin:
Jürg Steiger Laura Bucher
Rechtsmittelbelehrung:
Gegen diesen Entscheid kann innert 30 Tagen nach Eröffnung beim Bun-
desgericht, 1000 Lausanne 14, Beschwerde in öffentlich-rechtlichen An-
gelegenheiten geführt werden (Art. 82 ff., 90 ff. und 100 des Bundesge-
richtsgesetzes vom 17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]). Die Rechtsschrift
hat die Begehren, deren Begründung mit Angabe der Beweismittel und
die Unterschrift zu enthalten. Der angefochtene Entscheid und die Be-
weismittel sind, soweit sie der Beschwerdeführer in Händen hat, beizule-
gen (Art. 42 BGG).
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