ECLI:DE:BGH:2016:171116BAK54.16.0 BUNDESGERICHTSHOF BESCHLUSS AK 54/16 vom 17. November 201 6 in dem Strafverfahren gegen wegen Kriegsverbrechen gegen Personen u.a. - 2 - Der 3. Strafsenat des Bundesgerichtshofs hat nach Anhörung des Generalbu n- desanwalts sowie des Angeschuldigte n und seines Verteidigers am 17. November 2016 gemäß §§ 121, 122 StPO beschlossen: Die Untersuchungshaft hat fortzudauern. Eine etwa erforderliche weitere Haftprüfung durch den Bundesg e- richtshof findet in drei Monaten statt. Bis zu diesem Zeitpunkt wird di e Haftprüfung dem Oberlandesg e- richt Düsseldorf übertragen. Gründe: Der Angeschuldigte wurde am 6. April 2016 aufgrund des Haftbefehls des Ermittlungsrichters des Bundesgerichtshofs vom 30. März 2016 (4 BGs 33/16) festgenommen und befindet sich seitdem in Untersuchungshaft. Gegenstand des Haftbefehls ist der Vorwurf, der Angeschuldigte habe zu nicht näher bekannten Zeitpunkten im September und im Oktober 2012 in Aleppo (Syrien) im Zusammenhang mit einem dort herrschenden nichtinter - nationalen bewaffne ten Konflikt durch 41 rechtlich selbständige Handlungen eine nach dem humanitären Völkerrecht zu schützende Person grausam und unmenschlich behandelt, indem er ihr erhebliche körperliche oder seelische Schäden zugefügt, insbesondere sie gefoltert habe (Kri egsverbrechen gegen Personen); außerdem habe er durch sechs rechtlich selbständige Handlungen geplündert (Kriegsverbrechen gegen Eigentum und sonstige Rechte), strafbar 1 2 - 3 - gemäß § 8 Abs. 1 Nr. 3, Abs. 6 Nr. 2 und Nr. 3, § 9 Abs. 1 Variante 1, § 4 Abs. 2 Satz 1 VStGB, § 53 StGB. Wegen der dem Angeschuldigten mit dem Haftbefehl zur Last gelegten Kriegsverbrechen gegen Personen sowie wegen weiterer Vorwürfe hat der G e- neralbundesanwalt - mit abweichender konkurrenzrechtlicher Bewertung - unter dem 24. Oktober 20 16 vor dem Oberlandesgericht Düsseldorf Anklage erh o- ben; von der Verfolgung der im Haftbefehl angeführten Kriegsverbrechen g e- gen Eigentum und sonstige Rechte hat er gemäß § 154 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 StPO abgesehen. Die Voraussetzungen für die Fortdauer der Untersuchungshaft über sechs Monate hinaus liegen vor. 1. Der Senat lässt im Hinblick auf die zwischenzeitliche Verfolgungsb e- schränkung dahinstehen, ob wegen der Kriegsverbrechen gegen Eigentum und sonstige Rechte hinreichender Tatverdacht besteht. Der Angeschuldigte ist j e- denfalls der ihm mit dem Haftbefehl zur Last gelegten Kriegsverbrechen gegen Personen dringend verdächtig; bereits dies trägt den weiteren Vollzug der U n- tersuchungshaft. a) Insoweit ist nach dem gegenwärtigen Ermittlungsstand im Sinn e eines dringenden Tatverdachts im Wesentlichen von folgendem Sachverhalt ausz u- gehen: aa) Die seit Februar 2011 in Syrien gegen die Regierung des Staatspr ä- sidenten Bashar al - Assad schwelenden Proteste eskalierten ab dem 15. März 2011 aufgrund des repress iven und gewaltsamen Vorgehens syrischer Siche r- heitskräfte, Milizen und Armee gegen Demonstranten und Oppositionelle. Die 3 4 5 6 7 - 4 - dadurch bewirkte Militarisierung der Protestbewegung entwickelte sich zu e i- nem bewaffneten Aufstand, der Anfang 2012 schließlich weite Teile des La n- des erfasste und sich zu einem großflächigen Bürgerkrieg ausweitete. Späte s- tens seit dieser Zeit herrschte in Syrien ein nichtinternationaler bewaffneter Konflikt. Zu Beginn des Bürgerkrieges trat auf Seiten der bewaffneten Opposition die s og. Freie Syrische Armee (im Folgenden: FSA) als Hauptakteur in E r- scheinung, die als Dachvereinigung eine Vielzahl inhomogener Kampfverbände und Gruppierungen mit unterschiedlichsten Motivationslagen zu vertreten ve r- suchte. Die unter ihrem Verbund agierend en Milizen verfolgten teilweise sehr unterschiedliche Interessen und Ideologien und begannen bereits zu einem frühen Zeitpunkt des Aufstandes damit, sich auch untereinander zu bekämpfen. Im Laufe einer zunehmenden Radikalisierung der nichtstaatlichen Gewal takte u- re, u.a. auch von Gruppierungen, die sich zunächst der FSA angeschlossen hatten, wurde diese ab dem Jahr 2013 von nunmehr dominierenden islamist i- schen Milizen - u.a. von der "Jabhat al - Nusra" und dem sog. Islamischen Staat - bekämpft und aus großen T eilen der von ihr bis dahin kontrollierten G e- biete verdrängt. Dem syrischen Regime mit offizieller Armee, Polizei, Siche r- heitskräften und zivilen Milizen steht gegenwärtig eine Vielzahl von kämpfenden Gruppierungen gegenüber, die zumeist islamistisch motiv iert sind und ihrerseits keine einheitliche Front bilden; demgegenüber spielt die FSA im Kriegsgebiet nur noch eine untergeordnete Rolle. Im Rahmen der intensiv geführten kriegerischen Auseinandersetzungen wurden in zunehmendem Maße von allen Konfliktpar teien gravierende Verle t- zungen des humanitären Völkerrechts begangen, unter anderem schwerste Verbrechen gegen über nicht an den Kampfhandlungen beteiligten Personen. 8 9 - 5 - bb) Der in Aleppo aufgewachsene und jedenfalls bis Anfang August 2013 dort wohnhafte A ngeschuldigte war zumindest von September bis Anfang Dezember 2012 als Anführer einer örtlichen Miliz maßgeblich in den auch in Aleppo herrschenden Bürgerkrieg verwickelt. Er führte in dieser Zeit unter se i- nem Kampfnamen "A . " eine mindestens 150 - kö pfige Miliz mit wechsel n- den Namen, die eine Untereinheit der bewaffneten Gruppierung "Ghoraba ash - Sham" (übersetzt: "Die Fremden von Syrien") bildete. Diese Gruppierung g e- hörte offiziell der FSA an und beteiligte sich spätestens ab dem Sommer 2012 an dem b ewaffneten Kampf gegen syrische Sicherheitskräfte, regierungsnahe Milizen und die reguläre syrische Armee in Aleppo. Die Einheit des Angeschu l- digten kontrollierte zunächst den im Nordosten der Stadt gelegenen Stadtteil Sakhour. Der Angeschuldigte nutzte die durch den militärischen Einsatz seiner Gruppierung und die Kriegswirren gewonnene Herrschaftsgewalt aus, um sich und seine Miliz in den von ihr kontrollierten Gebieten durch Plünderungen zu bereichern, zunächst in Sakhour, in der Folgezeit aber auch i n benachbarten Stadtteilen wie Bustan al - Pascha. Dort raubten der Angeschuldigte und die A n- gehörigen seiner Miliz vor allem Geschäfte von christlichen Inhabern aus, die unter Zurücklassung ihres Hab und Guts aus Aleppo geflüchtet waren, weil sie sich nach dem Rückzug der Regierungskräfte der Willkür der zumindest auch islamistisch motivierten Milizen hilflos ausgesetzt gesehen hatten. Personen, die sich den Plünderungen widersetzten, sich der durch Wa f- fengewalt begründeten Herrschaft des Angeschuldigten nicht bedingungslos unterwarfen oder ihm aufgrund anderer Umstände missliebig waren, wurden durch seine Milizionäre gefangengenommen und in von ihm geführte Gefän g- nisse in den Stadtvierteln Sakhour und Bustan al - Pascha verschleppt. Dort 10 11 12 - 6 - wurden sie körperli ch misshandelt und in der Regel erst gegen eine Geldza h- lung entlassen. Der Angeschuldigte hatte insoweit als Anführer die oberste B e- fehlsgewalt in den von seiner Miliz unterhaltenen Gefängnissen. An den Mis s- handlungen nahm er entweder selbst teil oder er h ielt seine Untergebenen zu diesen Taten an. Die Misshandlungen hatten in erster Linie den Zweck, Wide r- stände gegen die Miliz des Angeschuldigten zu brechen und deren Her r- schaftsanspruch in den von ihr kontrollierten Gebieten zu sichern. Opfer solcher Missh andlungen wurden insbesondere die Zeugen H . , As . , S . sowie die Brüder N . , B . , T . und M . . D . . (1) H . und As . stammten aus Bustan al - Pascha und gehörten einer bewaffneten Gruppierung an, die es sich zum Ziel gesetzt hatte, ihren Stadtteil nach dem Abzug der syrischen Sicherheitskräfte vor Plünderungen zu schü t- zen, namentlich die aufgrund der Kriegswirren verwaisten Geschäfte. Sie übten deshalb in Bustan a l - Pascha polizeiähnliche Tätigkeiten aus. Dabei hielten sie an einem nicht näher feststellbaren Tag zwischen dem 16. September und dem 24. Oktober 2012 Milizionäre, die entweder der Miliz des Angeschuldigten oder einer Miliz angehörten, die dem Angeschuldi gten zumindest nahe stand und mit ihm zusammenarbeitete, unter Vorhalt von Waffen davon ab, Geschäfte zu plündern. Deshalb wurde H . kurze Zeit später von bewaffneten Kämpfern g e- fangengenommen und im Beisein des Angeschuldigten in eines von dessen G efängnissen in Sakhour gebracht. Dort schlugen und traten der Angeschuldi g- te sowie seine Begleiter auf H . ein. Sie warfen ihm vor, die Regierung zu unterstützen, Kurde zu sein sowie geplündert, Alkohol getrunken und G e- schlechtsverkehr mit zwei unverhe irateten Frauen gehabt zu haben. H . 13 14 - 7 - wurde sodann über einen Zeitraum von vier bis fünf Tagen in mindestens vier Fällen von Milizionären des Angeschuldigten und von diesem persönlich getr e- ten sowie mit Kabeln, Ketten, Wasserschläuchen und Stöcken auf den ganzen Körper geschlagen. Unter anderem wurde H . auf Füße und Fußsohlen g e- schlagen, nachdem er mit dem Rücken auf einen klappbaren Tisch gefesselt worden war. Der Angeschuldigte und einer seiner Milizionäre traten ihm auch auf den Kopf. In einem F all wurde überdies der Kopf von H . so lange in e i- nem Wasserbassin unter Wasser gedrückt, bis er fast ertrank. Kurze Zeit nach der Gefangennahme von H . nahmen Angehörige der Miliz des Angeschuldigten in dessen Beisein und auf dessen Befehl unte r Ei n- satz von Schusswaffen auch As . aus dem gleichen Grund wie H . fest. As . wurde ebenfalls in das Gefängnis in Sakhour verschleppt und dort in de r- selben Zelle wie H . eingesperrt. Er wurde etwa 40 Tage lang dort festgeha l- ten. Während dies er Zeit wurde er mindestens 30 Mal mittels eines etwa einen Meter langen, abgeschnittenen gummiummantelten Kupferkabels mit einem Durchmesser von etwa 2,5 Zentimetern geschlagen, getreten sowie mit einem Elektroschockstab oder auf andere Weise misshandelt, und zwar wiederholt in Anwesenheit des Angeschuldigten sowie teilweise von diesem selbst. As . erlitt dadurch gravierende Schmerzen und Verletzungen, die zu länger sichtb a- ren Narben führten. (2) S . , der in einer Bäckerei im Stadtteil Bustan al - Pascha gearbeitet und sich geweigert hatte, Brot an Kämpfer der FSA herauszugeben, weil dieses für Zivilisten und nicht für Milizionäre bestimmt sei, wurde deshalb etwa Mitte September 2012 von Milizionären des Angeschuldigten auf offener Straße in Aleppo unter Einsatz von Waffen gefangengenommen und in einem Kellerg e- fängnis an einem unbekannten Ort in Aleppo eingesperrt. Nach zwei Tagen 15 16 - 8 - wurde er in ein von dem Angeschuldigten unterhaltenes Gefängnis in Sakhour gebracht und dort weitere 22 Tage lang festge halten. Die Leitung dieses G e- fängnisses hatte der Angeschuldigte seinem Cousin Ar . übertr a- gen. Dieser zwang S . wenige Stunden nach dessen Ankunft, sich nackt auszuziehen. Anschließend trat er ihn und schlug mit einem zusammengeflo c h- tenen, etwa einen Meter langen Kabel auf dessen Rücken ein. S . wurde vorgeworfen, Spion der syrischen Regierung und "ungläubig" zu sein. Ab der zweiten Woche seiner Gefangenschaft wurde S . in mindestens zwei Fällen erneut misshandelt, indem M ilizionäre des Angeschuldigten ihn an den Händen jeweils bis zu zwei Stunden lang mit Eisenketten an einem Haken an der Decke fesselten und ihn daran hochzogen, so dass seine Füße nur noch mit den Z e- henspitzen, zeitweise gerade nicht mehr den Boden berührt en. Sodann wurde er geschlagen und getreten, während des ersten dieser beiden Vorfälle auch von dem Angeschuldigten persönlich. Bei einer der insgesamt mindestens drei Misshandlungen wurde S . durch einen Tritt oder Schlag ins Gesicht die Nase gebroc hen. (3) N . , B . , T . und M . D . wurden einige Tage nach der Gefangennahme von H . und As . im Beisein des Angeschuldi g- ten in das Gefängnis in Sakhour gebracht, weil sie sich gegen die Plünderung ihrer Bäckerei und ihres Obstladens in Bustan al - Pascha durch die Miliz des Angeschuldigten gewehrt hatten. Sie wurden noch am Tag ihrer Inhaftierung unter anderem von dem Angeschuldigten persönlich so lange und brutal g e- schlagen, bis der Raum voller Blutspuren war; auf grund der dadurch erlittenen Verletzungen waren alle vier zwei Tage lang nicht in der Lage zu sprechen. Auch ihnen wurde vorgeworfen, Spione der Regierung zu sein. 17 - 9 - b) Die Erkenntnisse über die Entwicklung des syrischen Bürgerkrieges beruhen auf den Gu tachten der Sachverständigen Dr. St . und Dr. K . . Der dringende Tatverdacht hinsichtlich der dem Angeschuldigten zur Last gelegten Misshandlungen ergibt sich im Wesentlichen aus Zeugenvernehmu n- gen. Nach den übereinstimmenden Angaben versc hiedener Zeugen, insb e- sondere denjenigen von As . , dessen Cousin Mo . und H . , war es allgemein bekannt, dass der Angeschuldigte in Sakhour eine Stad t- teilmiliz der "Ghoraba ash - Sham" anführte, der schließlich etwa 150 Mil izionäre angehörten. Aus den Zeugenaussagen ergibt sich auch, dass der Angeschu l- digte die Befehlsgewalt in den von ihm geführten Gefängnissen innehatte. As . , H . und S . haben zudem die jeweils zu ihrem Nachteil begang e- nen Taten sowie die Bet eiligung des Angeschuldigten daran im Einzelnen g e- schildert. Die Bekundungen von As . und H . werden durch diejenigen von Mo . bestätigt, der seinen Angaben zufolge bereits einen Tag früher als As . und H . gefangengenommen worden war und deren Misshandlungen dann miterlebte. As . und H . haben zudem die in ihrem Beisein begang e- nen Taten zum Nachteil von N . , B . , T . und M . D . geschildert. Die den Angeschuldigten belastenden Zeugenauss agen werden durch Erkenntnisse gestützt, die im Rahmen der Telekommunikationsüberwachung sowie durch den Einsatz einer Vertrauensperson und von Verdeckten Ermittlern gewonnenen wurden. Aus den Äußerungen, die der Angeschuldigte in diesem Zusammenhang gemac ht hat, ergibt sich unter anderem, dass ihm die betre f- fenden Vorfälle, die sich in seinem Machtbereich ereigneten, durchaus geläufig sind. 18 19 20 - 10 - Wegen der weiteren Einzelheiten der den dringenden Tatverdacht b e- gründenden Umstände wird auf die Ausführungen in dem Haftbefehl sowie der Anklageschrift und die dort in Bezug genommenen Beweismittel verwiesen. c) Danach fallen dem Angeschuldigten in den ihm mit dem Haftbefehl vorgeworfenen Fällen mit hoher Wahrscheinlichkeit Kriegsverbrechen gegen Personen im Sinn e des § 8 Abs. 1 Nr. 3 VStGB zur Last. aa) Bei den im Tatzeitraum in Syrien stattfindenden Kämpfen zwischen der staatlichen syrischen Armee und oppositionellen Gruppierungen handelte es sich um einen nichtinternationalen bewaffneten Konflikt im Sinne de s § 8 Abs. 1 VStGB. Maßgebend für das Vorliegen eines bewaffneten Konflikts ist der Einsatz von Waffengewalt, die einer der beteiligten Konfliktparteien zuz u- rechnen ist (BGH, Beschluss vom 17. Juni 2010 - AK 3/10, BGHSt 55, 157, 166). Während ein internati onaler bewaffneter Konflikt die Anwendung von Waffengewalt zwischen Staaten voraussetzt, sind unter einem nichtinternati o- nalen bewaffneten Konflikt solche Auseinandersetzungen zu verstehen, bei denen Streitkräfte innerhalb eines Staates gegen organisierte bewaffnete Gruppen oder solche Gruppen untereinander kämpfen, sofern die Kampfhan d- lungen von einer gewissen Dauer und Intensität sind. Die Erfordernisse einer gewissen Organisationsstruktur der betreffenden Gruppen sowie der Intensität und Dauer der bewaff neten Auseinandersetzungen stellen sicher, dass bloße innere Unruhen, Spannungen, Tumulte, vereinzelt auftretende Gewalttaten und andere ähnliche Handlungen nicht als bewaffnete Konflikte eingestuft werden (vgl. zu allem BT - Drucks. 14/8524, S. 25; Werle/Je ßberger, Völkerstrafrecht, 4. Aufl., Rn. 1131, 1136, 1148 ff.; MüKoStGB/Zimmermann/Geiß, 2. Aufl., § 8 VStGB Rn. 96, 108 ff.). 21 22 23 - 11 - Die in Syrien stattfindenden Kämpfe zwischen den syrischen Streitkrä f- ten und oppositionellen bewaffneten Gruppen gingen zur T atzeit über bloße innere Unruhen und Spannungen wie Tumulte oder vereinzelt auftretende G e- walttaten weit hinaus. Sie dauerten im Herbst 2012 bereits längere Zeit an und hatten nahezu das ganze Land erfasst. Zumindest solche Konfliktparteien wie die FSA, di e "Jabhat al - Nusra" und der - damals noch so genannte - "Islam i- sche Staat im Irak und in Syrien" waren zudem in hohem Maße organisiert: Sie waren hierarchisch strukturiert, verfügten über ein großes Ausmaß an militär i- scher Ausrüstung, kontrollierten weite Landesteile und waren in der Lage, ihre Kämpfer militärisch auszubilden sowie koordinierte Angriffe durchzuführen (vgl. zu diesen Kriterien Werle/Jeßberger, aaO Rn. 1152 Fn. 194). Dementspr e- chend handelte es sich um einen bewaffneten Konflikt, der jedenfal ls zur Ta t- zeit noch als nichtinternationaler anzusehen war. Ungeachtet dessen, ob der Bürgerkrieg durch das Eingreifen ausländischer Kräfte inzwischen soweit "inter - nationalisiert" ist, dass mittlerweile von einem internationalen bewaffneten Ko n- flikt auszu gehen wäre (vgl. zur Internationalisierung nichtinternationaler bewaf f- neter Konflikte MüKoStGB/Zimmermann/Geiß, aaO Rn. 101 ff.), war dies z u- mindest im Herbst 2012 noch nicht der Fall. bb) Bei den Geschädigten H . , As . , S . sowie N . , B . , T . und M . D . handelte es sich um nach dem humanitären Völkerrecht zu schützende Personen. Das ergibt sich aus § 8 Abs. 6 Nr. 2 VStGB, wonach in einem nichtinternationalen bewaffneten Konflikt insbesond e- re solche Pe rsonen als nach dem humanitären Völkerrecht zu schützende a n- zusehen sind, die nicht unmittelbar an den Feindseligkeiten teilnehmen (vgl. dazu MüKoStGB/Zimmermann/Geiß, aaO Rn. 93 mwN) und sich in der Gewalt der gegnerischen Partei befinden. Hier haben alle Geschädigten nicht unmitte l- bar an den Feindseligkeiten teilgenommen. Das gilt auch für H . und As . . 24 25 - 12 - Sie gehörten zwar ihrerseits einer bewaffneten Gruppierung an, die es sich aber nur zum Ziel gesetzt hatte, nach dem Rückzug der syrischen Sicherhei t s- kräfte in dem Stadtviertel Bustan al - Pascha polizeiähnliche Aufgaben wahrz u- nehmen und Plünderungen zu verhindern. Die Geschädigten befanden sich auch in der Gewalt der gegnerischen Partei. Das ergibt sich im Hinblick auf die Besonderheiten von nichtin ternation a- len bewaffneten Konflikten im Allgemeinen sowie diejenigen des innersyrischen Konflikts im Besonderen daraus, dass sie nicht der an den Kampfhandlungen beteiligten Gruppierung des Angeschuldigten angehörten und deren Absichten entgegen stehende Z iele verfolgten. Ein anderes Abgrenzungskriterium kommt angesichts der Komplexität des syrischen Bürgerkrieges nicht in Betracht. Das gilt insbesondere für das Kriterium der Staatsangehörigkeit, das sich bei nich t- i n ternationalen bewaffneten Konflikten rege lmäßig als untauglich erweist (Werle/Jeßberger, aaO Rn. 1185; vgl. auch BGH, Urteil vom 21. Februar 2001 - 3 StR 372/00, BGHSt 46, 292, 300 f.), sowie für das Kriterium der ethnischen Zugehörigkeit. Bei dem Bürgerkrieg in Syrien handelt es sich nicht um einen interethnischen Konflikt. Die Anzahl und die Ausrichtung der in die Kämpfe verwickelten Gruppen war und ist kaum überschaubar und wechselnd. Einzelne Gruppierungen entstehen, lösen sich wieder auf und kämpfen in wechselnden Koalitionen mal gemeinsam, mal gegeneinander. Letztlich sind die Geschädi g- ten von der Miliz des Angeschuldigten gefangengenommen worden, weil sie von ihr als der Regierung nahe stehend und deshalb als Gegner betrachtet wurden, und die Miliz des Angeschuldigten stellte sich aus der Sicht der G e- schädigten ihrerseits als Gegner dar. cc) Es besteht der dringende Tatverdacht, dass der Angeschuldigte oder Angehörige seiner Miliz die Geschädigten durch Zufügung erheblicher körperl i- 26 27 - 13 - cher oder seelischer Leiden unmenschlich behandelt haben . Das Tatb e- standsmerkmal der unmenschlichen Behandlung ist weit auszulegen. Es e r- fasst die Zufügung erheblicher körperlicher oder seelischer Schäden oder Le i- den. Die Erheblichkeit ist unter Berücksichtigung aller Umstände des Falles zu beurteilen, insbeson dere der Art der Handlung sowie ihres Kontextes. Das Ausmaß der Beeinträchtigung muss über dasjenige einer körperlichen Mis s- handlung im Sinne von § 223 StGB deutlich hinausgehen (vgl. zu allem MüKoStGB/Zimmermann/Geiß, aaO Rn. 137 f. mwN). Das ist hier auf der Grundlage des gegenwärtigen Sachstandes der Fall, ohne dass es darauf ankommt, ob sich jede einzelne dem Angeschuldigten zur Last gelegte Misshandlung als eine in § 8 Abs. 1 Nr. 3 VStGB beispielhaft a n- geführte Folterung darstellt. Die Geschädigten sind jeweils willkürlich gefa n- gengenommen und unter unwürdigen Umständen festgehalten sowie in ernie d- rigender Weise brutal misshandelt worden. Dadurch sind ihnen nach Lage der Dinge gravierende körperliche und seelische Leiden zugefügt worden. dd) Die T aten sind auch im Zusammenhang mit dem bewaffneten Ko n- flikt begangen worden. Der insoweit erforderliche funktionale Zusammenhang ist gegeben, wenn das Vorliegen des bewaffneten Konfliktes für die Fähigkeit des Täters, das Verbrechen zu begehen, für seine E ntscheidung zur Tatbeg e- hung, für die Art und Weise der Begehung oder für den Zweck der Tat von w e- sentlicher Bedeutung war; die Tat darf nicht lediglich "bei Gelegenheit" des b e- waffneten Konflikts begangen werden (Werle/Jeßberger, aaO Rn. 1163 ff.). Eine Ta tausführung während laufender Kampfhandlungen oder eine besondere räumliche Nähe dazu sind hingegen nicht erforderlich (BT - Drucks. 14/8524, S. 25). 28 29 - 14 - Diese Voraussetzungen sind hier erfüllt. Der Angeschuldigte war militär i- scher Anführer einer aktiv in de n syrischen Bürgerkrieg eingebundenen Kamp f- einheit, die in ihrem Machtbereich frei schalten und walten konnte, nachdem die Regierungskräfte geflohen waren. Alle Geschädigten wurden angegriffen, weil sie sich dem Herrschaftsanspruch der Miliz des Angeschuld igten in den von ihr kontrollierten Gebieten nicht bedingungslos unterworfen hatten und deshalb aus seiner Sicht der Regierung nahestanden. ee) Schließlich ist der Angeschuldigte im Hinblick auf alle Taten als Täter anzusehen. Soweit er die Misshandlun gen nicht selbst vorgenommen hat, ergibt sich seine Verantwortlichkeit jedenfalls aus § 4 VStGB. Wenngleich er mangels rechtlicher Legitimation nicht als "militärischer Befehlshaber" seiner Einheit im Sinne des § 4 Abs. 1 VStGB angesehen werden kann, so st eht er doch gemäß § 4 Abs. 2 Satz 1 VStGB einem militärischen Befehlshaber gleich (vgl. zu dieser Differenzierung Werle/Jeßberger, aaO Rn. 640; MüKoStGB/Weigend, 2. Aufl., § 4 VStGB Rn. 19). Er übte als Anführer seiner hierarchisch strukturierten Miliz di e tatsächliche Führungsgewalt und Kontrolle aus. Der Angeschuldigte hatte zu jeder Zeit die Möglichkeit, das Verhalten se i- ner Untergebenen zu bestimmen und insbesondere die Begehung von Straft a- ten zu unterbinden. Er hielt sie jedoch dazu an, Straftaten zu begehen, und b e- teiligte sich regelmäßig auch selbst daran. d) Die Zuständigkeit des Generalbundesanwalts und damit auch diejen i- ge des Ermittlungsrichters des Bundesgerichtshofs sowie des Oberlandesg e- richts Düsseldorf ist gegeben (§ 120 Abs. 1 Nr. 8, § 1 42a Abs. 1 Satz 1 GVG, § 169 Abs. 1 Satz 2 StPO). 30 31 32 - 15 - 2. Es besteht der Haftgrund der Fluchtgefahr (§ 112 Abs. 2 Nr. 2 StPO). Der Angeschuldigte hat im Falle seiner Verurteilung mit einer hohen Freiheit s- strafe zu rechnen. Dem davon ausgehenden Fluchtanreiz stehen keine hinre i- chenden fluchthindernden Umstände entgegen. Insbesondere verfügt der A n- geschuldigte in Deutschland über keine persönlichen und familiären Bindungen, die geeignet sind, den Fluchtanreiz zu relativieren. Seine Ehefrau nach islam i- schem Ritu s, Ba . , hat sich von ihm getrennt und ist mit ihren Kindern, deren Vater nicht der Angeschuldigte ist, zu ihrem Bruder nach N e . gezogen. Gegenüber der im Ermittlungsverfahren eingesetzten Vertra u- ensperson hat er wiederholt, zuletzt im Januar 2016, geäußert, dass er sich in Deutschland sehr unwohl fühle, weil er die Sprache nicht beherrsche, nicht a r- beiten könne und weder einen Führerschein noch genug Geld habe, um einen für ihn angemessenen Lebensstil zu führen. Er hat dabei erkennen lassen, dass er mit dem Gedanken spielt, Deutschland zu verlassen und in ein arab i- sches Land zu gehen. Der Angeschuldigte verfügt zudem über vielfältige B e- ziehungen in die Türkei und andere Länder, und zwar - wie sich aus seinen Äußerungen gegenü ber der Vertrauensperson ergibt - auch zu Passfälschern und Schleusern, sodass eine Flucht aus Deutschland für ihn leicht zu realisi e- ren wäre. In Anbetracht dessen ist zu erwarten, dass sich der Angeschuldigte, sollte er in Freiheit gelangen, dem weiteren Strafverfahren durch Flucht entzi e- hen wird. Unter diesen Umständen kann dahinstehen, ob darüber hinaus der Haf t- grund der Verdunkelungsgefahr (§ 112 Abs. 2 Nr. 3 StPO) besteht. Der Haftzweck kann nur durch den Vollzug der Untersuchungshaft e r- reicht we rden; weniger einschneidende Maßnahmen im Sinne des § 116 StPO reichen nicht aus. 33 34 35 - 16 - 3. Die besonderen Voraussetzungen für die Fortdauer der Unters u- chungshaft über sechs Monate hinaus (§ 121 Abs. 1 StPO) liegen entgegen der Auffassung des Verteidigers eben falls vor. Die besondere Schwierigkeit und der Umfang des Verfahrens haben ein Urteil bislang noch nicht zugelassen. Im Zusammenhang mit der Festnahme des Angeschuldigten am 6. April 2016 wurden mehrere Durchsuchungsbeschlüsse vollstreckt und zahlreiche Beweismittel, insbesondere Datenträger verschiedener Art, sichergestellt, deren Auswertung noch andauert. Auch eine Datenrekonstruktion, die sich als tec h- nisch aufwändig und schwierig erwiesen hat, konnte noch nicht abgeschlossen werden. Sie ist erforderl ich, weil im Rahmen von Telekommunikationsüberw a- chungsmaßnahmen bekannt geworden ist, dass der Angeschuldigte Fotos und Videos aus der Zeit in Syrien von Datenträgern gelöscht hat, und mehrere Ze u- gen bekundet haben, dass der Angeschuldigte im Besitz eines Datenträgers mit zumindest einem Video war, auf dem zu sehen ist, wie er selbst die Geschädi g- ten H . und As . misshandelte. Das Vorbringen des Verteidigers, dass es ein derartiges Video "nach Auskunft" des Angeschuldigten - der sich bislang nicht zur Sache eingelassen hat - "nie gegeben" habe, hat nicht zur Folge, dass die weitere Sachaufklärung insoweit entbehrlich ist. Überdies konnten mehrere Zeugen aus ermittlungstaktischen Gründen erst nach der Festnahme des A n- geschuldigten vernommen werden. Schl ießlich ist auch die Auswertung der E r- kenntnisse aus der Telekommunikationsüberwachung wegen deren außero r- dentlichen Umfangs noch nicht abgeschlossen. Der Angeschuldigte führte j e- den Tag eine Vielzahl von Telefonaten in arabischer Sprache, die übersetzt un d zusammengefasst werden mussten. Die Inhaltsprotokolle der aufgezeic h- neten Gespräche umfassen 35 Sachakten - Sonderordner. 36 37 - 17 - Gleichwohl ist bereits unter dem 24. Oktober 2016 Anklage beim Obe r- landesgericht Düsseldorf erhoben worden. In Anbetracht dessen ist das Verfa h- ren bislang mit der in Haftsachen gebotenen Beschleunigung geführt worden. 4. Der weitere Vollzug der Untersuchungshaft steht schließlich auch nicht außer Verhältnis zu der Bedeutung der Sache und der im Falle der Verurteilung zu erwartend en Strafe (§ 120 Abs. 1 Satz 1 StPO). Becker Gericke Tiemann 38 39
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