Markenschutz 2010/47
BVGE / ATAF / DTAF 657
47
Auszug aus dem Urteil der Abteilung II
i. S. TMS TrademarkSchutzrechtsverwertungsgesellschaft mbH
gegen Eidgenössisches Institut für Geistiges Eigentum
B2419/2008 vom 12. April 2010
Markenschutz. Absolute Ausschlussgründe. Sittenwidrigkeit
religiöser Sinngehalte. Berücksichtigung aller vier Landessprachen.
Art. 2 Bst. d MSchG.
1. Art. 2 Bst. d MSchG erfasst Rechtswidrigkeit,
Ordnungswidrigkeit und Sittenwidrigkeit als drei nebeneinander
stehende Kategorien (E. 2.3).
2. Im Rahmen der Prüfung der Sittenwidrigkeit einer Marke sind
die freiheitlichdemokratischen Grundentscheidungen der
Verfassung zu berücksichtigen. Demnach ist das religiöse
Empfinden eines Teils der Gesellschaft gegen die durch die
Wirtschaftsfreiheit geschützten Interessen der Markenanmelder
abzuwägen. Die in Frage stehenden verfassungsrechtlich
geschützten Rechtsgüter sind in einer Art und Weise in Einklang
zu bringen, dass jedes von ihnen bestmöglich verwirklicht wird
(E. 2.4).
3. Es genügt, wenn ein Zeichen in einer Sprachregion als anstössig
empfunden wird, um es als schutzunfähig zurückzuweisen
(E. 3.2).
4. Bei der Prüfung der Eintragungsfähigkeit im Lichte von Art. 2
Bst. d MSchG ist nicht auf das Verständnis der Abnehmer im
Sinne eines Verkehrskreises, sondern auf dasjenige der
allgemeinen Öffentlichkeit beziehungsweise « weiter
Volkskreise » abzustellen. Dabei ist auch auf Minderheiten
Rücksicht zu nehmen, wobei das Empfinden übertrieben
empfindlicher Randgruppen, beispielsweise religiöser Fanatiker,
nicht massgebend sein kann (E. 3.3).
5. Im italienischsprachigen Kanton Tessin mit seiner mehrheitlich
römischkatholischen Bevölkerung wird « Madonna » in erster
Linie als religiöse Bezeichnung zur Anrufung der Muttergottes
verstanden. Andere Sinngehalte sind für die Frage, ob der
Ausschlussgrund der Sittenwidrigkeit eingreift, nicht
massgeblich, da es ausreicht, wenn eine von mehreren
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Bedeutungen geeignet ist, das religiöse Empfinden zu verletzen
(E. 4.5).
Protection des marques. Motifs absolus d'exclusion. Atteinte aux
bonnes mœurs au sens religieux. Prise en considération des quatre
langues nationales.
Art. 2 let. d LPM.
1. L'art. 2 let. d LPM englobe l'illégalité, l'atteinte à l'ordre public
et l'atteinte aux bonnes mœurs comme trois catégories
juxtaposées (consid. 2.3).
2. Dans le cadre de l'examen du caractère contraire aux bonnes
mœurs d'une marque, il faut tenir compte des principes
fondamentaux de la Constitution en matière de liberté et de
démocratie. Il faut donc mettre en balance la sensibilité religieuse
d'une partie de la société, d'une part, et les intérêts protégés par
la liberté économique des déposants de marques, d'autre part.
Ces biens juridiques protégés constitutionnellement doivent être
conciliés de sorte que chacun d'eux puisse se réaliser au mieux
(consid. 2.4).
3. Il suffit qu'un signe soit perçu comme inconvenant dans l'une des
régions linguistiques pour qu'il soit exclu de la protection et
refusé (consid. 3.2).
4. L'examen du caractère enregistrable au titre de l'art. 2 let. d
LPM doit être basé non pas sur la perception des consommateurs
concernés, mais sur celle du public en général ou de « larges
parties de la population ». Les minorités doivent aussi être prises
en considération, sans toutefois donner une importance
déterminante à la sensibilité de groupes marginaux, tels que les
fanatiques religieux par exemple (consid. 3.3).
5. Dans le Tessin, canton de langue italienne à la population
majoritairement catholiqueromaine, « Madonna » est en
premier lieu un terme religieux, en ce sens qu'il renvoie à
l'invocation à la Vierge Marie. Il suffit que l'une des
significations soit propre à blesser la sensibilité religieuse pour
que soit retenu le motif d'atteinte aux bonnes mœurs, quelles que
soient les autres significations (consid. 4.5).
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Protezione dei marchi. Motivi assoluti di esclusione. Contrarietà ai
buoni costumi di segni dal significato religioso. Considerazione delle
quattro lingue nazionali.
Art. 2 lett. d LPM.
1. L'art. 2 lett. d LPM comprende l'illegalità, la contrarietà
all'ordine pubblico e la contrarietà ai buoni costumi come tre
categorie giustapposte (consid. 2.3).
2. Nell'ambito dell'esame della contrarietà ai buoni costumi di un
marchio è necessario tenere conto dei principi fondamentali
liberaldemocratici della Costituzione. È dunque necessario
soppesare il sentimento religioso di una parte della società e gli
interessi protetti dalla libertà economica dei depositanti di
marchi. Tali beni giuridici protetti dalla Costituzione devono
essere conciliati in modo tale che ciascuno di essi sia realizzato al
meglio (consid. 2.4).
3. È sufficiente che un segno venga percepito come sconveniente in
una delle regioni linguistiche perché sia respinto in quanto non
proteggibile (consid. 3.2).
4. Nell'ambito dell'esame della registrabilità di un marchio alla luce
dell'art. 2 lett. d LPM è necessario basarsi non sulla percezione
dei consumatori nel senso di una cerchia commerciale
interessata, bensì su quella del pubblico in generale o di una
« larga parte della popolazione ». Anche le minoranze vanno
prese in considerazione, senza però che il sentimento di gruppi
marginali esageratamente sensibili, quali ad esempio i fanatici
religiosi, possa essere determinante (consid. 3.3).
5. In Ticino, cantone italofono con una popolazione a maggioranza
cattolica romana, « Madonna » ha in primo luogo una
connotazione religiosa quale invocazione alla Vergine Maria.
Altri significati non sono determinanti per la questione a sapere
se il motivo di esclusione della contrarietà ai buoni costumi è
realizzato, in quanto è sufficiente che uno tra più significati sia
idoneo a ledere il sentimento religioso (consid. 4.5).
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Gestützt auf eine deutsche Basiseintragung wurde die Wortbildmarke IR
855'013 « Madonna (fig.) » am 15. Dezember 2004 unter anderem mit
Schutzanspruch für die Schweiz im internationalen Register eingetragen
und am 25. August 2005 von der Organisation Mondiale de la Propriété
Intellectuelle (OMPI) dem Eidgenössischen Institut für Geistiges
Eigentum (Vorinstanz) mitgeteilt. Die Marke hat folgendes
Erscheinungsbild mit dem Farbanspruch dunkelrot und silbergrau:
Sie ist für Waren der Klasse 3, Klasse 9, Klasse 14, Klasse 18, Klasse 20,
Klasse 21, Klasse 24, Klasse 25, Klasse 26 und Klasse 28 registriert.
Mit Notifikation vom 24. August 2006 eröffnete die Vorinstanz der
Hinterlegerin einen Refus provisoire total (sur motifs absolus) mit der
Begründung das Zeichen « Madonna (fig.) », als italienisches Wort zur
Bezeichnung der Jungfrau Maria und Mutter Jesu, sei geeignet, die
religiösen Gefühle der Konsumenten zu verletzen, welche einer
christlichen Glaubensgemeinschaft angehören. Aufgrund dieses
Umstandes sei das Zeichen als gegen die guten Sitten und das
moralische, religiöse und kulturelle Empfinden nicht unmassgeblicher
Bevölkerungskreise verstossend einzustufen und die Schutzgewährung
daher zu verweigern.
Die Beschwerdeführerin machte demgegenüber geltend, « Madonna » sei
mehrdeutig, da es neben dem Synonym für die Mutter Gottes ein
Vorname sei, den auch die weithin bekannte amerikanische Sängerin
Madonna trage, aber auch die Bezeichnung von Maria mit dem Jesuskind
in der darstellenden und bildenden Kunst. Zudem handle es sich bei der
Mutter Jesu nicht um eine zentrale Figur der Religion. Eine besondere
Anstössigkeit aufgrund der beanspruchten Waren sei nicht zu erkennen,
da das Publikum an die Marke bereits gewöhnt sei. In der Schweiz werde
heutzutage durch eine Marke « Madonna » niemand mehr in seinem
religiösen Empfinden verletzt.
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Mit Verfügung vom 13. März 2008 bestätigte die Vorinstanz ihren Refus
provisoire total.
Gegen diese Verfügung erhob die Hinterlegerin am 15. April 2008
Beschwerde vor Bundesverwaltungsgericht (BVGer) und beantragte die
Aufhebung der Verfügung, die Marke in der Schweiz zuzulassen und der
OMPI entsprechend Mitteilung zu machen.
Das BVGer weist die Beschwerde ab. Am 22. September 2010 wies das
Bundesgericht eine dagegen gerichtete Beschwerde in Zivilsachen ab
(BGE 136 III 474).
Aus den Erwägungen:
2.2 Als Zurückweisungsgrund kann die Vorinstanz angeben, dass
die Marke gegen die guten Sitten oder die öffentliche Ordnung verstosse
(Art. 5 Abs. 1 des Madrider Abkommens über die internationale
Registrierung von Marken, revidiert in Stockholm am 14. Juli 1967 [SR
0.232.112.3] i. V. m. Art. 6quinquies Bst. b Ziff. 3 der Pariser Übereinkunft
vom 20. März 1883 zum Schutz des gewerblichen Eigentums, revidiert
in Stockholm am 14. Juli 1967 [SR 0.232.04]). Dieser
zwischenstaatlichen Regelung entspricht Art. 2 Bst. d des
Markenschutzgesetzes vom 28. August 1992 (MSchG, SR 232.11).
Lehre und Praxis zu dieser Norm können somit herangezogen werden
(vgl. den Entscheid der Eidgenössischen Rekurskommission für geistiges
Eigentum [RKGE] « Siddhartha » vom 5. Oktober 2000, veröffentlicht
in: Zeitschrift für Immaterialgüter, Informations und Wettbewerbsrecht
[sic!] 1/2001 31 E. 2, nachfolgend: RKGE « Siddhartha »).
2.3 Art. 2 Bst. d MSchG schliesst den Markenschutz für Zeichen
aus, welche gegen die öffentliche Ordnung, die guten Sitten oder
geltendes Recht verstossen. Dabei wird gelegentlich auf die
Rechtsprechung und Lehre zu Art. 19 Abs. 2 des Obligationenrechts vom
30. März 1911 (OR, SR 220) verwiesen (MICHAEL NOTH, in: Michael
Noth/Georg Bühler/Florent Thouvenin [Hrsg.], Markenschutzgesetz
[MSchG], Bern 2009, Art. 2 Bst. d N. 5). DAVID geht noch davon aus,
dass es für die Kategorien in Art. 2 Bst. d MSchG den Oberbegriff der
sittenwidrigen Zeichen gebe (LUCAS DAVID, in: Heinrich Honsell/Nedim
Peter Vogt/Rolf Watter [Hrsg.], Kommentar zum schweizerischen
Privatrecht, Markenschutzgesetz, Muster und Modellgesetz, 2. Aufl.,
Basel/Frankfurt am Main 1999, Art. 2 N. 70). Diese Systematik
entspricht indessen nicht mehr dem geltenden Markenrecht. Vielmehr
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sind Rechtswidrigkeit, Ordnungswidrigkeit und Sittenwidrigkeit drei
nebeneinander stehende Kategorien (Richtlinien in Markensachen des
Eidgenössischen Instituts für Geistiges Eigentum vom 1. Juli 2008,
Teil 4 Ziff. 6 und 7; ebenso MATHIS BERGER, Sittenwidrige Zeichen sind
nicht schutzfähig, in: sic! Sondernummer 2005, S. 41 ff.).
Ordnungswidrig sind im Sinne eines Auffangtatbestands oder
« Notventils » (EUGEN MARBACH, in: Roland von Büren/Lucas David
[Hrsg.], Schweizerisches Immaterialgüter und Wettbewerbsrecht,
Bd. III/1, Markenrecht, 2. Aufl., Basel 2009, N. 647) Zeichen, welche
gegen die öffentliche Ordnung verstossen (etwa eine Marke « Moritz
Leuenberger »; MARBACH, Markenrecht, N. 674 Fn. 878). Dabei geht es
um den Schutz von Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, aber auch
der diplomatischen Beziehungen (« Antigerman » für englische
Desinfektionsmittel bei DAVID, a. a. O., N. 71 zu Art. 2 oder
« Maomint » für Confiseriewaren, Beispiel bei ERIKA SCHMIDT, Die
neuere Markenpraxis des schweizerischen Bundesamtes für geistiges
Eigentum, in: Gewerblicher Rechtsschutz und Urheberrecht International
1980, S. 396, 402) oder um Zeichen, die das friedliche Zusammenleben
stören. Jedenfalls sittenwidrig ist neben sexuell anstössigen
Bezeichnungen die markenmässige Kommerzialisierung religiöser
Symbole (NOTH, a. a. O., Art. 2 Bst. d N. 24; die Eintragungsfähigkeit
nur für Zeichen eindeutig religionsfeindlichen Inhalts ausschliessend
demgegenüber CHRISTOPH WILLI, Markenschutzgesetz, Kommentar zum
schweizerischen Markenrecht unter Berücksichtigung des europäischen
und internationalen Markenrechts, Zürich 2002, Art. 2 N. 262). Verletzt
das Zeichen über die Tatsache der Kommerzialisierung hinaus das
religiöse Empfinden (« Mohammed » für alkoholische Getränke) oder
wird es gar als religionsfeindlich beziehungsweise diskriminierend
wahrgenommen, wird in der Lehre teilweise Sittenwidrigkeit
angenommen (NOTH, a. a. O., Art. 2 Bst. d N. 24; vgl. zum deutschen
Recht PAUL STRÖBELE, in: Paul Ströbele/Franz Hacker/Irmgard
Kirschneck/Helmut Knoll/Helga KoberDehm [Hrsg.], Markengesetz
Kommentar, 9. Aufl., Köln 2009, § 8, N. 502), wogegen andere
Lehrmeinungen diesfalls von einem Verstoss gegen die öffentliche
Ordnung ausgehen (DAVID, a. a. O., Art. 2 N. 71, ebenso für das
deutsche Recht KARLHEINZ FEZER, Markenrecht, 4. Aufl., München
2009, § 8 N. 586; vgl. zur Beschränkung des Sittenwidrigkeitsbegriffs
auf die « konsensfähige Konventionalethik » etwa ERNST A. KRAMER,
Inhalt des Vertrages, Art. 1922 OR, in: Berner Kommentar,
Schweizerisches Zivilgesetzbuch, Das Obligationenrecht, Bd. VI, 1. Abt.
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Allgemeine Bestimmungen, Unterteilband 1a, Bern 1991, N. 174 zu
Art. 1920 OR; CLAIRE HUGUENIN, in: Basler Kommentar,
Obligationenrecht I, Allgemeiner Teil, 4. Aufl., Zürich/Basel/Genf 2007,
N. 32 f. zu Art. 1920 OR, und BERGER, a. a. O., S. 43 f.). So wurde der
Marke « Ste Marie » für Leintücher die Eintragung verweigert
(SCHMIDT, a. a. O., S. 402). Sittenwidrig ist nach dem Gesagten nicht erst
die allenfalls problematische Aussage (diese könnte bei Gefährdung des
religiösen Friedens je nach Konzeption auch ordnungswidrig sein),
sondern schon die Wahl des Zeichens zum Zwecke einer kommerziellen
Verwendung als solche (MARBACH, Markenrecht, Rz. 663 mit Fn. 869;
NOTH, a. a. O., Art. 2 Bst. d N. 24).
2.4 Mit der Sittenwidrigkeit als Tatbestandselement des Art. 2
Bst. d MSchG wird vom Richter bei der Normanwendung eine
Abschätzung der Stimmungslage im massgebenden Teil der Bevölkerung
zu einem Zeichen verlangt (vgl. PETER SALADIN, Das Recht auf
Werbung und seine öffentlichrechtlichen Schranken, Diss. Bern 1969,
S. 236). Zugleich hat er den freiheitlichdemokratischen
Grundentscheidungen der Verfassung Rechnung zu tragen (vgl. zur
öffentlichen Sittlichkeit BGE 106 Ia 267 ff. E. 3, insbes. S. 274, und zum
Ganzen PIERRE TSCHANNEN, « Öffentliche Sittlichkeit »: Sozialnormen
als polizeiliches Schutzgut? in: Mélanges en l'honneur de Pierre Moor,
Bern 2005, S. 563). Als Teil der verfassungsmässigen Ordnung sind bei
der Auslegung solch generalklauselartiger Normen die berührten
Grundrechte zu gewährleisten. Vorliegend stehen dem religiösen
Empfinden eines Teils der Gesellschaft die durch die Wirtschaftsfreiheit
geschützten Interessen der Markenanmelder gegenüber (vgl. zum
Schutzbereich der Wirtschaftsfreiheit und zur Abgrenzung derselben
gegenüber der Meinungsäusserungsfreiheit BGE 128 I 295 E. 5
S. 308 ff.). Verfassungsrechtlich ist die Abwägung der widerstreitenden
Interessen im Sinne der praktischen Konkordanz geboten (vgl. zu dieser
Konzeption grundlegend KONRAD HESSE, Grundzüge des
Verfassungsrechts der Bundesrepublik Deutschland, 20. Aufl.,
Heidelberg 1999, N. 72 und N. 317 f., und für die Schweiz etwa ULRICH
HÄFELIN/WALTER HALLER/HELEN KELLER, Schweizerisches
Bundesstaatsrecht, 7. Aufl., Zürich/Basel/Genf 2008, Rz. 319). Dies
bedeutet, dass die anzuwendende Norm in einer Weise zu interpretieren
ist, mit welcher die verfassungsrechtlich geschützten Rechtsgüter auf
eine Art und Weise in Einklang gebracht werden, dass jedes von ihnen
bestmöglich verwirklicht wird.
2.5 (…)
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3. (…)
3.1 Schweizerische Gerichte hatten bislang kaum über
sittenwidrige, das religiöse Empfinden verletzende Zeichen zu
entscheiden. Im Zusammenhang mit dem Zeichen « Siddhartha » urteilte
die Rekurskommission unter Berufung auf die Zurückweisungspraxis der
Vorinstanz (RKGE « Siddhartha » in: sic! 1/2001 31, E. 4 mit Hinweis
auf « Lady Buddha » für Uhren und « Mohammed » für alkoholische
Getränke; Beispiele bei DAVID, a. a. O., Art. 2 N. 72; « Islam »,
« Mekka », « Medina » und « Deus » für Waren aller Art; Aus der Praxis
des Amtes für Geistiges Eigentum, in: Schweizerische Mitteilungen für
Immaterialgüterrecht [SMI] 1951 S. 157; Bundesamt für Geistiges
Eigentum, in: SMI 1974, S. 199 « Buddha » für Tee; SCHMIDT, a. a. O.
ebenda « Jesus Christ Superstar » ebenfalls für Schallplatten), dass es
darauf ankomme, ob die Angehörigen der betroffenen Religion in ihren
religiösen Gefühlen verletzt werden können, wobei auch den Zeichen
religiöser Minderheiten Respekt entgegen zu bringen sei (…).
3.2 Die Markenprüfung erfolgt in Bezug auf alle vier
Landessprachen. Dabei kommt jeder Sprache der gleiche Stellenwert zu
(WILLI, a. a. O., Art. 2 N. 15). Es genügt, wenn ein Zeichen in einem
einzigen Sprachgebiet als anstössig empfunden wird, um es als
schutzunfähig zurückzuweisen (DAVID, a. a. O., N. 76 zu Art. 2 MSchG;
BERGER, a. a. O., S. 44).
3.3 In Bezug auf die Prüfung der Eintragungsfähigkeit im Lichte
von Art. 2 Bst. d MSchG ist nicht auf das Verständnis der Abnehmer im
Sinne eines Verkehrskreises, sondern auf dasjenige der allgemeinen
Öffentlichkeit beziehungsweise « weiter Volkskreise » abzustellen
(EUGEN MARBACH, Die Verkehrskreise im Markenrecht, in: sic! 1/2007,
S. 5; BERGER, a. a. O., S. 44 mit Fn. 32; DAVID, a. a. O., Rz. 73 zu Art. 2
MSchG). Die Bestimmung der relevanten Sichtweisen hat hier eine
etwas andere Funktion als im Rahmen von Art. 2 Bst. ac MSchG (vgl.
dazu ausführlich NOTH, Art. 2 Bst. d N. 7). Dabei ist auch auf
Minderheiten Rücksicht zu nehmen (RKGE « Siddhartha » in: sic!
1/2001 31, E. 7). Dazu ist in der Doktrin kritisch angemerkt worden, dass
das Empfinden übertrieben empfindlicher Randgruppen, beispielsweise
religiöser Fanatiker, nicht massgebend sein könne (WILLI, a. a. O., Art. 2
N. 263). Aus verfassungsrechtlicher Sicht ist demnach bei der
Beschränkung der Wirtschaftsfreiheit insoweit dem
Verhältnismässigkeitsgrundsatz Rechnung zu tragen und Art. 2 Bst. d
MSchG verfassungskonform auszulegen (vgl. dazu mutatis mutandis
Markenschutz 2010/47
BVGE / ATAF / DTAF 665
WOLFGANG KAHL, Die Konkretisierung verwaltungsrechtlicher
Sittlichkeitsklauseln. Zugleich ein Beitrag zur Bedeutung der
Demoskopie für die Rechtsanwendug, in: Verwaltungsarchiv: Zeitschrift
für Verwaltungslehre, Verwaltungsrecht und Verwaltungspolitik, Bd. 99,
Nr. 4/2008, S. 451 ff., insbes. S. 459). In diesem Sinne hält auch BERGER
fest, dass es auf die Sensibilität des Durchschnittsangehörigen der
entsprechenden Bevölkerungsgruppe (bzw. Minderheit) ankommt
(a. a. O., S. 44). MARBACH und BERGER wollen ausserdem den
Schutzausschluss in Bezug auf die Zeichen religiöser Minderheiten nur
insoweit zulassen, als jene breiten Verkehrskreisen in der Schweiz
geläufig sind (MARBACH, Markenrecht, Rz. 666; BERGER, a. a. O.,
S. 44 f.; anders wohl RKGE « Siddhartha » in: sic! 1/2001 31 E. 7; vgl.
zu den Sprachregionen E. 3.2 hiervor). Dasselbe Erfordernis müsste nach
dieser Konzeption wohl auch für Gottheiten und zentrale
Persönlichkeiten einer Religion gelten, was im vorliegenden Fall
angesichts der unbestrittenen Bekanntheit des Begriffs « Madonna »
indessen nicht weiter zu erörtern ist.
3.4 – 4.4 (…)
4.5 Zunächst ist festzustellen, dass jedenfalls die schweizerischen
Konsumenten italienischer Muttersprache das Wort « Madonna » in
erster Linie als religiöse Bezeichnung, nämlich zur Anrufung der
Muttergottes, verwenden. Die Marienverehrung hat wie von beiden
Parteien übereinstimmend vorgetragen einen besonderen Stellenwert für
die Angehörigen der römischkatholischen Kirche. Im italienischen
Sprachgebiet der Schweiz beziehungsweise im Tessin sind gemäss der
Volkszählung im Jahre 2000 rund 75 % Katholiken (CLAUDE BOVAY,
Eidgenössische Volkszählung 2000, Religionslandschaft in der Schweiz,
Bundesamt für Statistik [Hrsg.], Neuchâtel, Dezember 2004, S. 18 f.,
Grafiken 1 und 2). Wie von der Vorinstanz belegt, befinden sich auch in
den deutsch sprechenden Teilen der Schweiz Orte, an denen Maria in
Gestalt einer Madonna verehrt wird (so etwa Schwarze Madonna von
Einsiedeln, /; Schwarze Madonna von
Iddaberg im Toggenburg,
432/; Schwarze
Madonna von Pelagiberg, . html;
Madonna von Balm in der Wallfahrtskirche Oberdorf/SO,
/pfarr_und_wallfahrtskirche.html). Der
Umstand, dass der Begriff ausserdem in der Kunstgeschichte sowie als
Name und insbesondere als Vorname einer weltberühmten Sängerin eine
Rolle spielt, ist für die Frage, ob der Ausschlussgrund der
2010/47 Markenschutz
666 BVGE / ATAF / DTAF
Sittenwidrigkeit eingreift, unerheblich, da es ausreicht, wenn eine von
mehreren Bedeutungen geeignet ist, das religiöse Empfinden zu verletzen
(sinngemäss zum beschreibenden Charakter vgl. E. 4.1 hiervor; RKGE
« Siddhartha » in: sic! 1/2001 31 E. 7 in Bezug auf den gleichnamigen
Roman von Hermann Hesse; Urteil des BVGer B7427/2006 vom
9. Januar 2008 E. 3.4 « Chocolat Pavot I »; Entscheid der RKGE
« Clearcut » vom 24. Mai 2000, in sic! 7/2000 592 E. 2). Im
vorliegenden Fall können demnach die anderen Sinngehalte
vernachlässigt werden. Die Bedeutung des Wortes als Name ist in der
Schweiz gering, wie schon die wenigen Einträge im Schweizer
Telefonbuch zeigen. In Ermangelung eines den Vor beziehungsweise
Nachnamen ergänzenden Namens, welcher dessen Natur als Namen klar
legen würde, kann ohnehin nicht von einem Namen ausgegangen werden
(vgl. in diesem Sinne auch RKGE « Siddhartha » in: sic! 1/2001 31
E. 11). Die Sängerin Madonna hat mit Sicherheit einen nicht zu
unterschätzenden Stellenwert in der Unterhaltungsbranche. Dennoch
kann nicht davon ausgegangen werden, dass die Sängerin die
Verwendung des Begriffs zur Bezeichnung der Muttergottes derart
überlagert, dass der religiöse Bedeutungsgehalt, insbesondere in den
Gebieten der Schweiz mit italienisch sprechender Bevölkerung, in den
Hintergrund treten würde. Die kunstgeschichtliche Bezeichnung ist so
eng mit der religiösen Bedeutung verknüpft, dass sie jedenfalls in der
italienischen Sprache kaum als eigenständiger Bedeutungsgehalt,
sondern eher als Ergänzung oder Fortentwicklung der religiösen
Bedeutung anzusehen ist.