2013/38 Nichtigkeit einer Verfügung
584 BVGE / ATAF / DTAF
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Auszug aus dem Urteil der Abteilung I
i.S. A. AG, B. AG und C. SA gegen
Schweizerisches Seeschifffahrtsamt
A‒5410/2012 vom 28. Mai 2013
Nichtigkeit einer Verfügung betreffend die Aberkennung als
Prüfungsstelle für den schweizerischen Hochseeausweis.
Art. 53 ZGB. Art. 643 und Art. 933 Abs. 2 OR.
Die Verfügung gegenüber einer im Handelsregister gelöschten
Gesellschaft ist – mangels Rechtspersönlichkeit der Verfügungs-
adressatin – nichtig (E. 4).
Nullité d'une décision concernant la révocation de la reconnaissance
comme organe d'examen pour le certificat suisse de conduite en mer.
Art. 53 CC. Art. 643 et art. 933 al. 2 CO.
Nullité d'une décision à l'encontre d'une société radiée du
registre du commerce, en raison du défaut de la personnalité
juridique du destinataire de la décision (consid. 4).
Nullità di una decisione concernente la revoca del riconoscimento
della qualità di ente esaminatore per il rilascio di una licenza
svizzera di navigazione.
Art. 53 CC. Art. 643 e art. 933 cpv. 2 CO.
Nullità di una decisione contro una società cancellata dal registro
di commercio per mancanza di personalità giuridica del desti-
natario della decisione (consid. 4).
Die H. Holding AG ist eine Aktiengesellschaft mit Sitz in I., welche den
Erwerb und die Verwaltung von Beteiligungen an Unternehmen in der
nautischen Branche aller Art in der Schweiz und im Ausland bezweckt.
Die H. Holding AG hielt beziehungsweise hält Beteiligungen an
mehreren Tochtergesellschaften, so insbesondere an der X. AG in
Liquidation, der A. AG, der B. AG und der C. SA. Des Weiteren ist auch
das Institut Z. mit dem Konzern verbunden.
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Am 15. März 2010 verfügte das Schweizerische Seeschifffahrtsamt
(SSA, nachfolgend: Vorinstanz), dass die H. Holding AG als Prüfungs-
stelle für die Prüfung und Ausstellung schweizerischer Hochseeausweise
anerkannt wird und die Anerkennung auch für die « X. AG, das Institut
Z. sowie für weitere Seefahrtsschulen der H. Holding AG » gilt.
Am 14. Februar 2012 wurde die H. Holding AG im Handelsregister des
Kantons S. von Amtes wegen gelöscht.
Nachdem die Vorinstanz von der Löschung der H. Holding AG im
Handelsregister des Kantons S. Kenntnis erhalten hatte, gelangte sie mit
E-Mail vom 4. Juli 2012 an den einzigen Verwaltungsrat der H. Holding
AG, D., sowie mit Schreiben vom 29. August 2012 erneut an die H.
Holding AG, wies darauf hin, dass beim Untergang eines Unternehmens
auch die Anerkennung als Prüfungsstelle entfalle, und ersuchte um
Stellungnahme.
Da seitens der H. Holding AG keine Stellungnahme eingereicht wurde,
verfügte die Vorinstanz am 13. September 2012, der H. Holding AG
werde gemäss Art. 16 Abs. 2 der Hochseeausweis-Verordnung vom
20. Dezember 2006 (SR 747.321.71) mit sofortiger Wirkung die Aner-
kennung als Prüfungsstelle entzogen. Gleichzeitig werde der H. Holding
AG untersagt, weitere Hochseeausweise auszustellen.
Gegen diese Verfügung erheben die A. AG, die B. AG und die C. SA
(nachfolgend: Beschwerdeführerinnen) am 13. Oktober 2012 Beschwer-
de beim Bundesverwaltungsgericht und beantragen sinngemäss, die
Verfügung vom 13. September 2012 sei dahingehend anzupassen, dass
nur der H. Holding AG, der X. AG in Liquidation und dem « Institut Z. »
die Bewilligung als Prüfungsstelle zu entziehen sei, nicht jedoch den drei
Beschwerdeführerinnen.
Das Bundesverwaltungsgericht schreibt die Beschwerden der A. AG und
B. AG zufolge Gegenstandslosigkeit ab. Auf die Beschwerde der C. SA
tritt es nicht ein und stellt die Nichtigkeit der Verfügung des SSA fest.
Aus den Erwägungen:
2.3 (Feststellung der Gegenstandslosigkeit der Rechtsbegehren der
A. AG und B. AG)
3. Vorliegend richtet sich die Verfügung vom 13. September 2012
formell nicht an die Beschwerdeführerin 3 (C. SA), sondern nur gegen
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die H. Holding AG. Aus diesem Grund wird deren Beschwerdelegitima-
tion denn auch von der Vorinstanz bestritten. Es stellt sich deshalb die
Frage, ob die Voraussetzungen gemäss Art. 48 des Verwaltungsverfah-
rensgesetzes vom 20. Dezember 1968 (VwVG, SR 172.021) erfüllt sind
und die Beschwerdeführerin 3 (C. SA) zur Beschwerde legitimiert ist.
Dies kann vorliegend jedoch offengelassen werden, da aus einem
anderen Grund (vgl. E. 4 ff.) nicht auf ihre Beschwerde einzutreten ist.
4. Die Verfügung vom 13. September 2012 richtet sich an die H.
Holding AG, welche am 14. Februar 2012 im Handelsregister des
Kantons S. gelöscht wurde. Zunächst ist deshalb zu prüfen, ob diese Ver-
fügung Rechtswirkungen entfaltet und somit überhaupt ein Anfechtungs-
objekt in einem Beschwerdeverfahren darstellen kann.
4.1 Eine allfällige Nichtigkeit einer Verfügung ist von Amtes wegen
zu beachten. Eine nichtige Verfügung entfaltet keinerlei Rechtswir-
kungen und ist ex tunc sowie ohne amtliche Aufhebung rechtlich unver-
bindlich. Fehlerhafte Verfügungen sind grundsätzlich anfechtbar und nur
ausnahmsweise nichtig. Nichtig ist eine Verfügung nur dann, wenn sie
einen besonders schweren Mangel aufweist, der Mangel offensichtlich
oder zumindest leicht erkennbar ist und die Annahme der Nichtigkeit die
Rechtssicherheit nicht ernsthaft gefährdet (sog. Evidenztheorie: BGE 132
II 342 E. 2.1 und BGE 129 I 361 E. 2.1; BVGE 2008/8 E. 6.2; Urteil des
Bundesverwaltungsgerichts A‒11/2012 vom 26. März 2013 E. 4.4 ff.;
ULRICH HÄFELIN/GEORG MÜLLER/FELIX UHLMANN, Allgemeines
Verwaltungsrecht, 6. Aufl., Zürich/St. Gallen 2010, Rz. 956; PIERRE
TSCHANNEN/ULRICH ZIMMERLI/MARKUS MÜLLER, Allgemeines Ver-
waltungsrecht, 3. Aufl., Bern 2009, § 31 Rz. 13‒15; PIERRE MOOR/
ETIENNE POLTIER, Droit administratif, Bd. II, 3. Aufl., Bern 2011,
Ziff. 2.3.3.2 ff. S. 364 ff.). Schwere Verfahrensfehler, wie die Unzustän-
digkeit der verfügenden Behörde, sind Nichtigkeitsgründe (BGE 132 II
21 E. 3.1, BGE 129 I 361 E. 2.1, BGE 122 I 97 E. 3a/aa und BGE 116 Ia
215 E. 2c; BVGE 2008/59 E. 4.2 und BVGE 2008/8 E. 6.2; Urteile des
Bundesverwaltungsgerichts A‒6683/2010 vom 25. August 2011 E. 3.3
und A‒6829/2010 vom 4. Februar 2011 E. 2.2.1).
4.2 Im Zivilrecht nimmt die Lehre Nichtigkeit an, wenn ein Ent-
scheid sich an eine nicht existierende Partei richtet (vgl. FABIENNE HOHL,
Procédure civile, Bd. II, 2. Aufl., Bern 2010, Rz. 548 S. 110; WALTER J.
HABSCHEID, Schweizerisches Zivilprozess- und Gerichtsorganisations-
recht, 2. Aufl., Basel/Frankfurt a.M. 1990, Rz. 459 S. 259). Denn dieser
Mangel kann nicht durch die Aufhebung des Entscheids im Beschwer-
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deverfahren geheilt werden, litte doch das Beschwerdeverfahren wieder
am gleichen Mangel, indem die nicht existierende Person in das Ver-
fahren einbezogen würde (vgl. Urteil des Bundesgerichts 6B_860/2008
vom 10. Juli 2009 E. 2.1). Nichtig sind weiter Entscheide, die gefällt
werden, ohne dass Klage erhoben worden wäre, Entscheide, die nicht
umgesetzt werden können oder eine Rechtsfolge nach sich ziehen, die
dem schweizerischen Recht unbekannt ist, solche, die zu einer
verbotenen oder gegen die guten Sitten verstossenden Leistung
verurteilen (vgl. HOHL, a.a.O., Rz. 548 S. 110 f.; HABSCHEID, a.a.O.,
Rz. 459 S. 259), und ausserdem alle Entscheide, deren Ausführung
schwer gegen die Rechtsordnung verstossen würde. Diese Grundsätze
sind gleichermassen im Strafprozessrecht anwendbar (vgl. Urteil des
Bundesgerichts 6B_860/2008 vom 10. Juli 2009 E. 2.2; ROBERT
HAUSER/ERHARD SCHWERI/KARL HARTMANN, Schweizerisches Strafpro-
zessrecht, 6. Aufl., Basel/Genf/München 2005, § 101 Rz. 20 ff., insbes.
Rz. 23 S. 497), und es ist kein Grund ersichtlich, sie nicht auf das
öffentliche Recht zu übertragen (vgl. Urteile des Bundesverwaltungs-
gerichts A‒6683/2010 vom 25. August 2011 E. 3.4, A‒6729/2010 vom
5. April 2011 E. 2.2.2 und A‒6829/2010 vom 4. Februar 2011 E. 2.2.2).
Hinzu kommt, dass auch im Verwaltungsrecht die Unmöglichkeit als
gravierender inhaltlicher Fehler zur Nichtigkeit führt (vgl. PETER
SALADIN, Die sogenannte Nichtigkeit von Verfügungen, in: Festschrift
für Ulrich Häfelin, Zürich 1989, S. 552), was bei einer gegen einen nicht
existenten Adressaten gerichteten Verfügung regelmässig der Fall sein
wird (vgl. auch den analogen Fall im Schuldbetreibungs- und
Konkursrecht, wo ein Zahlungsbefehl, in welchem als Schuldner eine
nicht existierende Person angegeben wird, nichtig ist [BGE 102 III 63
E. 2 m.w.H.]).
4.3 Im vorliegenden Fall wurde die H. Holding AG am 14. Februar
2012 im Handelsregister des Kantons S. gelöscht. Mit der Löschung
enden die Registerwirkungen der gelöschten Daten endgültig und un-
widerruflich. Obwohl eine Löschung grundsätzlich den Untergang der
Gesellschaft bewirkt, kann eine gelöschte Rechtseinheit wieder ein-
getragen werden (vgl. MARC BAUEN/ROBERT BERNET, Schweizer Aktien-
gesellschaft, Zürich/Basel/Genf 2007, Rz. 623 und 646; CHRISTOPH
STÄUBLI, in: Honsell/Vogt/Watter [Hrsg.], Basler Kommentar Obliga-
tionenrecht II, Art. 530‒964, 4. Aufl., Basel 2012 [nachfolgend: BSK-OR
II], Rz. 6 zu Art. 746; MARTIN K. ECKERT, BSK-OR II, Rz. 1 zu
Art. 938). Die Löschung bewirkt jedoch die Vermutung, dass der ein-
getragene Sachverhalt, das heisst Firma, Geschäft, Vertretungsverhält-
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nisse et cetera, zu bestehen aufgehört hat (Art. 933 Abs. 2 OR). Durch
die Löschungseintragung entfallen die Rechtsfolgen, welche die
bisherige Eintragung kraft konstitutiver Wirkung hervorgebracht hat.
Folglich verlieren Kapitalgesellschaften, wie die Aktiengesellschaft, ihre
Rechtspersönlichkeit mit der Löschung ihrer Eintragung (vgl. Art. 643
Abs. 1 OR; …; BGE 132 III 731 E. 3.1 und BGE 117 III 39 E. 3a;
ECKERT, a.a.O., Rz. 1 zu Art. 938; KRISTINA TENCHIO-KUZMIC, in:
Spühler/Tenchio/Infanger [Hrsg.], Basler Kommentar Schweizerische
Zivilprozessordnung, Basel 2010, Rz. 11 zu Art. 66). Durch die
Löschung im Handelsregister des Kantons S. hat die H. Holding AG
somit ihre Rechtspersönlichkeit verloren; sie ist damit als im rechtlichen
Sinne inexistent zu betrachten.
4.4 Indem die Vorinstanz im vorliegenden Fall ihre Verfügung vom
13. September 2012 an die H. Holding AG richtete, fasste sie eine
Verfügungsadressatin ohne Rechtspersönlichkeit ins Recht. Die Ver-
fügung leidet damit an einem schweren Mangel (vgl. E. 4.2), welcher
überdies leicht erkennbar ist. Ebenso führt im vorliegenden Fall die
Feststellung der Nichtigkeit zu keiner ernsthaften Gefährdung der
Rechtssicherheit. Folglich ist die Verfügung vom 13. September 2012
nichtig.