B u n d e s v e rw a l t u ng s g e r i ch t
T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l
T r i b u n a l e am m in i s t r a t i vo f e d e r a l e
T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l
Abteilung III
C-1068/2013
U r t e i l v o m 4 . M a i 2 0 1 4
Besetzung
Richter David Weiss (Vorsitz),
Richter Vito Valenti,
Richter Beat Weber,
Gerichtsschreiber Lukas Schobinger.
Parteien
A._______,
Beschwerdeführer,
gegen
Schweizerische Ausgleichskasse SAK,
Avenue Edmond-Vaucher 18, Postfach 3100,
1211 Genf 2,
Vorinstanz.
Gegenstand
AHV, Freiwillige Versicherung,
Einspracheentscheid vom 17. Januar 2013.
C-1068/2013
Seite 2
Sachverhalt:
A.
A._______ (im Folgenden: Beschwerdeführer), geboren am … 1962, ist
Auslandschweizer mit Wohnsitz in Brasilien. Er trat per 1. April 1993 der
freiwilligen Alters-, Hinterlassenen- und Invalidenversicherung (AHV/IV)
bei (Akten der Schweizerische Ausgleichskasse SAK [im Folgenden: act.]
4 f.). Am 1. Februar 1994 meldet er sich bei der Invalidenversicherung
zum Bezug von Leistungen an (act. 8).
B.
Mit Verfügung vom 21. August 1995 sprach die IV-Stelle für Versicherte
im Ausland dem Beschwerdeführer eine ganze Invalidenrente ab 1. No-
vember 1994 zu (act. 45). Zugleich wurden für seine Ehefrau eine Zusatz-
rente und für seine drei Kinder Kinderrenten gesprochen. Mit Verfügung
vom 27. August 2004 wurde die ganze Invalidenrente per 1. November
2004 durch eine Dreiviertelsrente ersetzt (act. 63).
C.
Mit Verfügung vom 16. Juni 2011 legte die Schweizerische Ausgleichs-
kasse SAK (im Folgenden: Vorinstanz) den Beitrag des Beschwerdefüh-
rers an die freiwillige AHV/IV für das Jahr 2010 auf Fr. 936.60 fest (act.
117). Nach Ablauf der Zahlungsfrist erfolgte am 31. August 2011 eine ers-
te Mahnung (act. 118) und am 31. Oktober 2011 eine zweite Mahnung
(act. 119). Darin wurde der Beschwerdeführer darauf aufmerksam ge-
macht, dass die Nichtbezahlung des AHV/IV-Beitrags zum Ausschluss
aus der freiwilligen Versicherung führe. Trotzdem blieb die Zahlung in der
Folge aus. Daher schloss die Vorinstanz den Beschwerdeführer mit Ver-
fügung vom 19. Januar 2012 gemäss ihrer Ankündigung aus der freiwilli-
gen Versicherung aus (act. 120).
D.
Am 25. März 2012 unterzeichnete der Beschwerdeführer seine Erklärung
über Einkommen und Vermögen zwecks Festsetzung des AHV/IV-Bei-
trags 2011. Das ausgefüllte Formular ging am 2. April 2012 bei der Vorin-
stanz ein (act. 121).
E.
Mit Schreiben vom 20. April 2012 ersuchte der Beschwerdeführer die Vor-
instanz sinngemäss, sie solle den AHV/IV-Beitrag 2012 direkt von der In-
validenrente abziehen (act. 122).
C-1068/2013
Seite 3
F.
Daraufhin teilte die Vorinstanz dem Beschwerdeführer mit Schreiben vom
25. September 2012 mit, dass dies nicht möglich sei, nachdem er mit Ver-
fügung vom 19. Januar 2012 aus der freiwilligen AHV/IV ausgeschlossen
worden sei (act. 124).
G.
Eine diesbezügliche Nachfrage des Beschwerdeführers an den General-
konsul der EDA-Vertretung Sao Paulo mit E-Mail vom 8. Oktober 2012
(act. 126; deutsche Übersetzung BVGer act. 17) wurde offenbar an die
Vorinstanz weitergeleitet. Die Vorinstanz nahm die Nachfrage unter Be-
rücksichtigung der schriftlichen Eingabe vom 4. Dezember 2012 (act.
128) als Einsprache gegen die Ausschlussverfügung entgegen. Mit Ein-
spracheentscheid vom 17. Januar 2013 beschloss die Vorinstanz Nicht-
eintreten auf die Einsprache (act. 129). Zur Begründung wurde darin im
Wesentlichen ausgeführt, die Einsprache vom 8. Oktober 2012 sei nicht
rechtzeitig erhoben worden.
H.
Dagegen erhob der Beschwerdeführer am 12. Februar 2013 Beschwerde
beim Bundesverwaltungsgericht (BVGer act. 1; deutsche Übersetzung
BVGer act. 4). Er beantragte darin die Fortführung der Verrechnung des
AHV/IV-Beitrags mit der Invalidenrente. Eine entsprechende Verrechnung
habe seit 1999 stattgefunden. Nun sei sie ohne Ankündigung und Wider-
spruchsmöglichkeit eingestellt worden. Bereits früher habe es deswegen
Probleme mit der Vorinstanz gegeben. Sinngemäss beantragte der Be-
schwerdeführer, er wolle die freiwillige Versicherung weiterführen.
I.
In der Vernehmlassung vom 17. September 2013 beantragte die Vorin-
stanz die Abweisung der Beschwerde (BVGer act. 12). Die Einsprache
gegen die Ausschlussverfügung sei nicht innerhalb von dreissig Tagen
nach deren Eröffnung erhoben worden.
J.
Auf die weiteren Vorbringen der Parteien und die eingereichten Unterla-
gen wird – soweit erforderlich – im Rahmen der nachfolgenden Erwägun-
gen eingegangen.
C-1068/2013
Seite 4
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
Das Bundesverwaltungsgericht prüft von Amtes wegen, ob die Prozess-
voraussetzungen erfüllt sind und ob auf eine Beschwerde einzutreten ist
(BVGE 2007/6 E. 1 mit Hinweisen).
1.1 Das Bundesverwaltungsgericht ist zuständig für die Beurteilung von
Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 des Bundesgesetzes vom
20. Dezember 1968 über das Verwaltungsverfahren (VwVG, SR 172.021)
sofern kein Ausnahmetatbestand erfüllt ist (Art. 31, 32 des Bundesgeset-
zes über das Bundesverwaltungsgericht vom 17. Juni 2005 [Verwal-
tungsgerichtsgesetz, VGG, SR 172.32]). Zulässig sind Beschwerden ge-
gen Verfügungen von Vorinstanzen gemäss Art. 33 VGG. Die Schweizeri-
sche Ausgleichskasse SAK ist eine Vorinstanz im Sinn von Art. 33 Bst. d
VGG (vgl. auch Art. 85bis Abs. 1 Bst. b des Bundesgesetzes vom 20. De-
zember 1946 über die Alters- und Hinterlassenenversicherung [AHVG,
SR 831.10]). Eine Ausnahme nach Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bun-
desverwaltungsgericht ist zur Beurteilung der vorliegenden Beschwerde
zuständig.
1.2 Der Beschwerdeführer ist als Adressat durch den angefochtenen Ein-
spracheentscheid besonders berührt und hat an dessen Aufhebung oder
Änderung ein schutzwürdiges Interesse (Art. 48 Abs. 1 VwVG; vgl. auch
Art. 59 des Bundesgesetzes vom 6. Oktober 2000 über den Allgemeinen
Teil des Sozialversicherungsrechts [ATSG, SR 830.1]). Er ist zur Be-
schwerde legitimiert.
1.3 Der angefochtene Einspracheentscheid datiert vom 17. Januar 2013
und wurde dem Beschwerdeführer postalisch an seine Adresse in Brasi-
lien zugestellt. Die Beschwerde vom 12. Februar 2013 (Poststempel 18.
Februar 2013) ging am 1. März 2013 beim Bundesverwaltungsgericht ein
(BVGer act. 1). Die Beschwerde wurde unbestrittenermassen innerhalb
von dreissig Tagen nach Eröffnung des angefochtenen Einspracheent-
scheids und somit fristgerecht eingereicht (vgl. Art. 22a VwVG in Verbin-
dung mit Art. 60 ATSG). Die Beschwerde enthält einen Antrag und eine
Begründung und wurde vom Beschwerdeführer unterzeichnet. Die Aus-
fertigung des angefochtenen Einspracheentscheids und weitere Beweis-
mittel wurden beigelegt. Die Beschwerde wurde damit formgerecht einge-
reicht (vgl. Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist demzufolge ein-
zutreten (vgl. aber die nachfolgende Erwägung 4).
C-1068/2013
Seite 5
2.
Das Verfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht richtet sich nach dem
VwVG, soweit das VGG nichts anderes bestimmt (vgl. Art. 37 VGG). Ge-
mäss Art. 3 Bst. dbis VwVG bleiben in sozialversicherungsrechtlichen Ver-
fahren die besonderen Bestimmungen des ATSG vorbehalten. Gemäss
Art. 2 ATSG sind die Bestimmungen dieses Gesetzes auf die bundesge-
setzlich geregelten Sozialversicherungen anwendbar, wenn und soweit
die einzelnen Sozialversicherungsgesetze es vorsehen. Nach Art. 1 Abs.
1 AHVG sind die Bestimmungen des ATSG auf die im ersten Teil geregel-
te Alters- und Hinterlassenenversicherung anwendbar, soweit das AHVG
nicht ausdrücklich eine Abweichung vom ATSG vorsieht. Dabei finden
nach den allgemeinen intertemporalrechtlichen Regeln in formellrechtli-
cher Hinsicht mangels anderslautender Übergangsbestimmungen grund-
sätzlich diejenigen Rechtssätze Anwendung, welche im Zeitpunkt der Be-
schwerdebeurteilung Geltung haben (BGE 130 V 1 E. 3.2).
2.1 Das Bundesverwaltungsgericht prüft die Verletzung von Bundesrecht
einschliesslich der Überschreitung oder des Missbrauchs des Ermessens,
die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen
Sachverhalts und die Unangemessenheit (Art. 49 VwVG; Kognition, vgl.
BENJAMIN SCHINDLER, in: Auer/Müller/Schindler [Hrsg.], Kommentar zum
Bundesgesetz über das Verwaltungsverfahren, Zürich 2008, Rz. 1 ff. zu
Art. 49).
2.2 Das Bundesverwaltungsgericht ist gemäss dem Grundsatz der
Rechtsanwendung von Amtes wegen nicht an die Begründung der Be-
gehren der Parteien gebunden (Art. 62 Abs. 4 VwVG). Im Rahmen seiner
Kognition (E. 2.1 hiervor) kann es die Beschwerde auch aus anderen als
den geltend gemachten Gründen gutheissen oder den angefochtenen
Entscheid im Ergebnis mit einer Begründung bestätigen, die von jener der
Vorinstanz abweicht (vgl. FRITZ GYGI, Bundesverwaltungsrechtspflege, 2.
Auflage, Bern 1983, S. 212; vgl. BGE 128 II 145 E. 1.2.2, BGE 127 II 264
E. 1b).
3.
In materiellrechtlicher Hinsicht sind grundsätzlich diejenigen Rechtsvor-
schriften anwendbar, die bei Erfüllung des zu Rechtsfolgen führenden
Sachverhalts Geltung haben (BGE 134 V 315 E. 1.2; BGE 130 V 329 E.
2.3).
C-1068/2013
Seite 6
3.1 Das Sozialversicherungsverfahren der Verwaltung richtet sich nach
Art. 34 ff. ATSG (Art. 3 Bst. dbis VwVG i.V. mit Art. 2 ATSG und Art. 1 Abs.
1 AHVG).
3.2 Da zwischen der Schweiz und Brasilien kein Abkommen im Bereich
des Sozialversicherungsrechts besteht und der Beschwerdeführer
schweizerischer Staatsangehöriger ist, kommt das schweizerische Recht
zur Anwendung.
3.3 Gemäss Art. 5 der Verordnung vom 26. Mai 1961 über die freiwillige
AHV/IV (VFV, SR 831.111) sind die Versicherten gehalten, der Ausland-
vertretung, der Ausgleichskasse und der IV-Stelle für Versicherte im Aus-
land alle zur Durchführung der freiwilligen Versicherung benötigten Anga-
ben zu machen und auf Verlangen deren Richtigkeit zu belegen. Gemäss
Art. 2 Abs. 3 AHVG werden Versicherte, welche die nötigen Auskünfte
nicht erteilen oder ihre Beiträge nicht fristgerecht bezahlen, aus der frei-
willigen Versicherung ausgeschlossen. Art. 13 VFV regelt die Vorausset-
zungen des Ausschlusses. Nach der bundesgerichtlichen Rechtspre-
chung stellt der Ausschluss aus der freiwilligen Versicherung einen
schwerwiegenden Eingriff in die Rechtsstellung des Betroffenen dar. Der
vom Ausschluss bedrohte Versicherte muss daher genau wissen, wie er
den Ausschluss abwenden kann (BGE 117 V 97 E. 2c, bestätigt mit Urteil
H 224/04 vom 28. April 2005 E. 4.3).
4.
Der Anfechtungsgegenstand und damit die Grenze der Überprüfungsbe-
fugnis im Beschwerdeverfahren werden grundsätzlich durch die Verfü-
gung bzw. durch den Einspracheentscheid im Verwaltungsverfahren be-
stimmt (BGE 133 II 30; BGE 122 V 36 E. 2a). Vorliegend ist das Anfech-
tungsobjekt der Einspracheentscheid vom 17. Januar 2013 (act. 129), mit
welchem die Vorinstanz auf die Einsprache des Beschwerdeführers nicht
eingetreten ist. Im Folgenden ist daher einzig die Frage zu prüfen, ob die
Vorinstanz zu Recht nicht auf die Einsprache eingetreten ist. Nicht zum
Streitgegenstand gehört demgegenüber die Frage, ob die Vorinstanz den
Beschwerdeführer zu Recht aus der freiwilligen Versicherung ausge-
schlossen hat und ob die Verrechnung des AHV/IV-Beitrags mit der Inva-
lidenrente möglich und zulässig ist. Soweit der Beschwerdeführer die
Fortführung der freiwilligen Versicherung und der Verrechnung beantragt,
kann auf seine Beschwerde nicht eingetreten werden.
C-1068/2013
Seite 7
5.
Die Vorinstanz stellt sich auf den Standpunkt, die Einsprache gegen die
Verfügung vom 19. Januar 2012 sei erst am 8. Oktober 2012 (act. 126)
bzw. am 4. Dezember 2012 (act. 128) und damit nicht fristgerecht im Sin-
ne von Art. 52 ATSG eingereicht worden. Die Rechtslage bezüglich Eröff-
nung und Anfechtbarkeit einer Verfügung stellt sich folgendermassen dar:
5.1 Nach Art. 52 ATSG kann gegen Verfügungen innerhalb von 30 Tagen
bei der verfügenden Stelle Einsprache erhoben werden. Die nach Tagen
berechnete, mitteilungsbedürftige Frist beginnt an dem auf ihre Mitteilung
an die Partei folgenden Tag zu laufen (Art. 38 ATSG; vgl. auch Art. 20
Abs. 1 VwVG). Fällt der letzte Tag einer Frist auf einen Samstag, einen
Sonntag oder einen am Wohnsitz oder Sitz der Partei oder ihres Vertre-
ters vom kantonalen Recht anerkannten Feiertag, so endigt die Frist am
nächsten Werktag (Art. 38 Abs. 3 ATSG). Die Frist für eine schriftliche
Eingabe ist gewahrt, wenn sie spätestens am letzten Tag der Frist dem
Versicherungsträger eingereicht oder zu dessen Handen der Schweizeri-
schen Post oder einer schweizerischen diplomatischen oder konsulari-
schen Vertretung übergeben wird (Art. 39 Abs. 1 ATSG).
5.2 Damit eine Verfügung überhaupt wirksam werden kann, bedarf es der
Eröffnung, der Bekanntgabe des Inhalts an die Verfügungsadressaten.
Die nicht eröffnete Verfügung vermag keine Rechtswirkung zu entfalten
(vgl. JÜRG STADELWIESER, Die Eröffnung von Verfügungen, St. Gallen
1994, S. 10). Unter Eröffnung der Verfügung ist die gehörige Bekanntga-
be der Verfügung zu verstehen. Dies geschieht bei mittelbarer Bekannt-
gabe, d. h. bei Abwesenheit des Verfügungsadressaten, durch individuel-
le Zustellung der Verfügung an dessen Zustelladresse. Der Vorgang der
Zustellung ist lediglich Teilhandlung des Eröffnungsvorgangs (vgl. STA-
DELWIESER, a.a.O., S. 12).
5.3 Massgebend für die ordnungsgemässe Eröffnung ist das Datum der
Zustellung. Eine Sendung gilt grundsätzlich in dem Moment als zugestellt,
in welchem sie dem Adressaten tatsächlich übergeben wird. Gemäss ei-
nem allgemeinen Rechtsgrundsatz genügt allerdings, wenn sie in den
Machtbereich der betreffenden Person gelangt, indem sie etwa von einer
anderen empfangsberechtigten Person entgegengenommen wird (BGE
122 III 316 E. 4b); effektive Kenntnisnahme oder gar Lektüre ist nicht vor-
ausgesetzt (BGE 109 Ia 15 E. 4; vgl. zum Ganzen auch Urteil des Bun-
desverwaltungsgerichts A-1514/2006 vom 14. Februar 2008, E. 2.3 und
2.4).
C-1068/2013
Seite 8
5.4 Gemäss Rechtsprechung obliegt es grundsätzlich der Vorinstanz, den
Beweis der Tatsache sowie des Zeitpunktes der Zustellung einer Verwal-
tungsverfügung zu erbringen (BGE 136 V 295 E. 5.9, BGE 124 V 400
E. 2a, BGE 117 V 261 E. 3b und BGE 103 V 65 E. 2a; ALFRED KÖLZ / ISA-
BELLE HÄNER, Verwaltungsverfahren und Verwaltungsrechtspflege des
Bundes, 2. Aufl., Zürich 1998, S. 123). Die Feststellung von Tatsachen,
welche für die (den Fristenlauf auslösende) Eröffnung der Verfügung er-
heblich sind, erfolgt mit Blick auf die Eigenheiten der Massenverwaltung
anhand des Beweisgrades der überwiegenden Wahrscheinlichkeit (BGE
124 V 400 E. 2b; s. auch Urteil des Bundesverwaltungsgerichts C-
6346/2008 vom 18. Mai 2010 E. 4.3.2 mit Hinweisen). Dieser Beweis
kann praktisch vor allem mit einem förmlichen Zustellnachweis erbracht
werden (vgl. Urteil des BGer 9C_348/2009 vom 27. Oktober 2009 E. 2.1)
und wird in der Regel durch postalischen Versand der Verfügung/Urteile
als Gerichtsurkunde oder in anderer Weise gegen Empfangsbestätigung
erbracht (vgl. Urteil des BGer 9C_753/2007 vom 29. August 2008 E. 3 mit
Hinweisen). Da die verfügende Behörde die materielle Beweislast hin-
sichtlich der Zustellung sowie ihres Zeitpunktes trägt, ist im Zweifel
grundsätzlich auf die Darstellung des Empfängers abzustellen (BGE 124
V 400 E. 2a). Wollte man aber in einem solchen Fall den Angaben des
Empfängers die Glaubwürdigkeit absprechen, wäre hinsichtlich der Zu-
stellungsfrage Beweislosigkeit anzunehmen, deren Folge die Vorinstanz
zu tragen hat (BGE 122 I 97 E. 3, BGE 117 V 261 E. 3c und BGE 114 III
51 E. 3c je mit weiteren Hinweisen; s. auch Urteil des Bundesgerichts H
170/06 vom 28. Juni 2007 E. 4.2.2).
5.5 Auch die fehlerhaft eröffnete Verfügung kann rechtsbeständig werden,
nämlich dann, wenn der Verwaltungsakt nicht innert vernünftiger Frist seit
jenem Zeitpunkt in Frage gestellt wird, da der Verfügungsadressat Kennt-
nis vom Verfügungsinhalt hat. Der Zeitraum der vernünftigen Frist, innert
der das Zuwarten berücksichtigt wird, bemisst sich praxisgemäss nach
den besonderen Umständen des Einzelfalles, wobei vor allem darauf ab-
gestellt wird, ob der von der fehlerhaften Verfügungseröffnung Betroffene
Anlass hatte, sich bei der Verwaltung nach dem Verfügungserlass zu er-
kundigen (Entscheid C 168/00 des Eidgenössischen Versicherungsge-
richts [seit 1. Januar 2007: Bundesgericht] vom 13. Februar 2001, E. 3b,
sowie LORENZ KNEUBÜHLER, in: Auer/Müller/Schindler [Hrsg.], Kommentar
zum Bundesgesetz über das Verwaltungsverfahren [VwVG], Zürich 2008,
Rz. 10 f. zu Art. 38 mit weiteren Hinweisen).
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Seite 9
6.
Seit der Beschwerdeführer am 27. März 1993 seine Beitrittserklärung zur
freiwilligen AHV/IV unterzeichnet hat (act. 4), ist es zwischen ihm und der
Vorinstanz verschiedentlich zu Problemen im Postverkehr gekommen. In
diesem Zusammenhang fällt beispielsweise auf, dass die verlangten Le-
bens-, Zivilstands- und Wohnsitzbescheinigungen gemäss den Mitteilun-
gen der Vorinstanz vom 28. Dezember 2001 (act. 57), 6. Januar 2003
(act. 61), 29. November 2003 (act. 62), 27. Dezember 2004 (act. 40) und
3. Dezember 2009 (act. 89) nicht zurückgesendet wurden, was jeweils
zur vorübergehenden Einstellung der Rentenzahlungen führte. Auch die
Einkommens- und Vermögenserklärung für 2008 und 2009 musste ge-
mäss Mitteilung der Vorinstanz vom 9. März 2009 (act. 84) und vom 4.
März 2010 (act. 92) wiederholt gemahnt werden.
6.1 Nachdem der Beschwerdeführer den für 2010 verfügten AHV/IV-Bei-
trag von Fr. 936.60 nicht fristgerecht einbezahlt hatte, wurde er von der
Vorinstanz am 31. August 2011 (act. 118) und am 31. Oktober 2011 (act.
119) schriftlich gemahnt. Die zweite Mahnung wurde mit eingeschriebener
Post verschickt. In der Folge hat die Vorinstanz die Ausschlussverfügung
vom 19. Januar 2012 (act. 120) ebenfalls mit eingeschriebener Post an
die Adresse des Beschwerdeführers in Brasilien versandt. In den vorhan-
denen Unterlagen findet sich indessen gleichwohl kein Beleg dafür, ob
und gegebenenfalls wann die Ausschlussverfügung dem Beschwerdefüh-
rer eröffnet worden ist. Auch mit der Vernehmlassung vom 17. September
2013 (BVGer act. 12) wurde kein Beleg über die Zustellung beigebracht.
Die Zustellung der Ausschlussverfügung wird vom Beschwerdeführer im-
plizit bestritten. Aus seiner Darlegung im E-Mail vom 8. Oktober 2012
(act. 126; deutsche Übersetzung BVGer act. 17) ergibt sich zumindest
sinngemäss, dass er erst durch das Schreiben der Vorinstanz vom 25.
September 2012 (act. 124) vom Ausschluss aus der freiwilligen Versiche-
rung Kenntnis erhalten hat.
6.2 Die Darlegung des Beschwerdeführers erscheint in Anbetracht der
bestehenden Aktenlage plausibel. Für die nicht erfolgte Zustellung spricht
zunächst der Umstand, dass er der Vorinstanz Ende März 2012 und so-
mit nach Erlass der Ausschlussverfügung vom 19. Januar 2012 eine aus-
gefüllte Erklärung über sein Einkommen und Vermögen zwecks Festset-
zung des AHV/IV-Beitrags 2011 hat zukommen lassen (act. 121). Dabei
ist der Beschwerdeführer offensichtlich davon ausgegangen, er sei wie
bis anhin der freiwilligen Versicherung angeschlossen. Danach ersuchte
er die Vorinstanz mit Schreiben vom 20. April 2012 (act. 122) um Ver-
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Seite 10
rechnung des AHV/IV-Beitrags 2012 mit seiner Invalidenrente, wie er dies
in den Vorjahren regelmässig getan hat. Diese Eingabe ist ein weiteres
Indiz dafür, dass ihm der Versicherungsausschluss zum damaligen Zeit-
punkt noch nicht eröffnet worden war. Aufgrund der bestehenden Akten-
lage liegt im Ergebnis Beweislosigkeit bezüglich der Zustellungsfrage vor.
6.3 Infolge der Beweislosigkeit bezüglich der Zustellungsfrage ist auf die
Darstellung des Beschwerdeführers abzustellen, wonach er erst mit dem
Schreiben vom 25. September 2012 über den Ausschluss aus der freiwil-
ligen AHV/IV unterrichtet wurde (vgl. die Erwägung 5.4 hiervor). Mit dem
Ausschluss aus der freiwilligen Versicherung wegen unvollständiger Be-
zahlung des AHV/IV-Beitrags soll verhindert werden, dass die Verwaltung
die Beitragsforderungen im Ausland mit erheblichem administrativem
Aufwand auf rechtlichem Weg eintreiben muss. Auf der anderen Seite ist
zu berücksichtigen, dass mit dem Ausschluss aus der freiwilligen Versi-
cherung ein schwerwiegender Eingriff in die Rechtsstellung der versicher-
ten Person vorgenommen wird, da diese danach der freiwilligen Versiche-
rung lebenslang nicht mehr beitreten kann (vgl. Urteil des Eidgenössi-
schen Versicherungsgerichts H 149/05 vom 7. September 2006 E. 3.3.2).
Vor diesem Hintergrund darf von der Vorinstanz erwartet werden, dass
sie den Empfang der eingeschriebenen Mahnung mit der Androhung des
Versicherungsausschlusses ebenso wie den Empfang der Ausschlussver-
fügung mit einer entsprechenden Empfangsbestätigung beweisen kann
(vgl. Art. 13 Abs. 2 und Art. 17 Abs. 2 VFV). Unter den konkreten Um-
ständen wird das Ausschlussverfahren zu wiederholen sein.
7.
Zu prüfen bleibt, ob der Beschwerdeführer nach Kenntnisnahme des Ver-
fügungsinhalts innert vernünftiger Frist reagiert hat. Die Nachfrage des
Beschwerdeführers mit dem E-Mail vom 8. Oktober 2012 (act. 126 und
BVGer act. 17), die von der Vorinstanz als Einsprache entgegen genom-
men wurde, steht in einem direkten Zusammenhang mit dem Schreiben
vom 25. September 2012 (act. 124). Sie erfolgte innert dreissig Tagen
und damit innerhalb einer vernünftigen Frist. Die schriftliche Eingabe mit
Unterschrift vom 4. Dezember 2012 (Poststempel vom 7. Dezember
2012; act. 128), zu welcher der Beschwerdeführer im Sinne einer Verbes-
serung der Einsprache mit einem E-Mail vom 30. November 2012 (act.
128) aufgefordert worden war, erfolgte ebenso innerhalb der gesetzten
Frist von dreissig Tagen. Unter diesen Vorzeichen ist die Einsprache ge-
gen die Ausschlussverfügung als rechtzeitig zu betrachten, schliesslich
darf der betroffenen Person aus einer mangelhaften Eröffnung einer Ver-
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Seite 11
fügung kein Nachteil erwachsen (Art. 49 Abs. 3 ATSG; vgl. UELI KIESER,
ATSG-Kommentar, 2. Aufl., Zürich/Basel/ Genf 2009, Rz. 40 ff. zu Art. 49
mit weiteren Hinweisen, siehe auch BGE 112 V 87 f.). Folglich wäre die
Vorinstanz verpflichtet gewesen, auf die Einsprache einzutreten und ei-
nen materiellen Einspracheentscheid zu fällen. Der angefochtene Nicht-
eintretensentscheid ist zu Unrecht ergangen.
8.
Zusammenfassend ist festzustellen, dass aus den Vorakten und Verfah-
rensakten nicht hervorgeht, ob und gegebenenfalls wann die Ausschluss-
verfügung vom 19. Januar 2012 dem Beschwerdeführer eröffnet wurde.
Die Vorinstanz kann die Zustellung der ersten und zweiten Mahnung so-
wie der Ausschlussverfügung nicht nachweisen. Aufgrund der bestehen-
den Aktenlage ist zu Gunsten des Beschwerdeführers anzunehmen, dass
er erst durch das Schreiben der Vorinstanz vom 25. September 2012 vom
Ausschluss aus der freiwilligen Versicherung erfahren hat. Er reagierte in
der Folge innert vernünftiger Frist und erhob Einsprache gegen den Aus-
schluss aus der freiwilligen Versicherung. Die Vorinstanz wäre daher ver-
pflichtet gewesen, einen materiellen Entscheid zu fällen. Die Beschwerde
ist insofern gutzuheissen und der Nichteintretensentscheid vom 17. Ja-
nuar 2013 ist aufzuheben. Die Sache wird an die Vorinstanz zurückge-
wiesen, damit diese zur Einsprache vom 8. Oktober 2012 einen materiel-
len Entscheid fällt. Bei der Prüfung des Ausschlusses aus der freiwilli-
gen Versicherung wird die Vorinstanz insbesondere zu beachten haben,
dass der Beschwerdeführer wiederholt angeboten hat, die ausstehende
AHV/IV-Prämie für die freiwillige Versicherung mit seinen IV-Rentenleis-
tungen zu verrechnen. Damit hat der Beschwerdeführer seine grundsätz-
liche Zahlungsbereitschaft bekundet. Dieser Umstand ist gerade mit Blick
auf die Verhältnismässigkeit des strittigen Versicherungsausschlusses
nicht ausser Acht zu lassen.
9.
Das Verfahren ist für die Parteien kostenlos (Art. 85bis Abs. 2 AHVG),
weshalb keine Verfahrenskosten zu erheben sind. Da dem obsiegenden
Beschwerdeführer, welcher nicht vertreten war, keine verhältnismässig
hohen Kosten entstanden sind und dieser zu Recht auch keinen entspre-
chenden Antrag gestellt hat, ist überdies keine Parteientschädigung zu-
zusprechen (Art. 64 Abs. 1 VwVG und Art. 7 des Reglements vom 21.
Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes-
verwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]).
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Seite 12
Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht:
1.
Die Beschwerde wird gutgeheissen, soweit darauf eingetreten wird.
2.
Der Einspracheentscheid vom 17. Januar 2013 wird aufgehoben und die
Sache wird an die Vorinstanz zurückgewiesen, damit sie zur Einsprache
vom 8. Oktober 2012 einen materiellen Entscheid fällt.
3.
Es werden keine Verfahrenskosten erhoben.
4.
Es wird keine Parteientschädigung zugesprochen.
5.
Dieses Urteil geht an:
– den Beschwerdeführer (Eröffnung auf diplomatischem Weg)
– die Vorinstanz (Ref-Nr.______)
– das Bundesamt für Sozialversicherungen
Für die Rechtsmittelbelehrung wird auf die nächste Seite verwiesen.
Der vorsitzende Richter: Der Gerichtsschreiber:
David Weiss Lukas Schobinger
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Rechtsmittelbelehrung:
Gegen diesen Entscheid kann innert 30 Tagen nach Eröffnung beim Bun-
desgericht, Schweizerhofquai 6, 6004 Luzern, Beschwerde in öffentlich-
rechtlichen Angelegenheiten geführt werden, sofern die Voraussetzungen
gemäss den Art. 82 ff., 90 ff. und 100 des Bundesgerichtsgesetzes vom
17. Juni 2005 (BGG, SR 173.110) gegeben sind. Die Rechtsschrift ist in
einer Amtssprache abzufassen und hat die Begehren, deren Begründung
mit Angabe der Beweismittel und die Unterschrift zu enthalten. Der ange-
fochtene Entscheid und die Beweismittel sind, soweit sie der Beschwer-
deführer in Händen hat, beizulegen (Art. 42 BGG).
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