B u n d e s v e rw a l t u ng s g e r i ch t
T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l
T r i b u n a l e am m in i s t r a t i vo f e d e r a l e
T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l
Abteilung III
C-5359/2017
Ur t e i l vom 6 . D e z embe r 2 0 1 8
Besetzung
Richter Christoph Rohrer (Vorsitz),
Richterin Viktoria Helfenstein, Richter David Weiss,
Gerichtsschreiber Michael Rutz.
Parteien
A._______ und B._______, (Italien),
Beschwerdeführer,
gegen
Gemeinsame Einrichtung KVG,
Vorinstanz.
Gegenstand
Krankenversicherung,
Befreiung von der Versicherungspflicht in der Schweiz,
Einspracheentscheid vom 16. August 2017.
C-5359/2017
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Sachverhalt:
A.
A.a Mit undatiertem Schreiben (Eingang: 27. Oktober 2015) ersuchten
A._______ (geboren 1945) und seine Ehefrau B._______ (geboren 1958)
bei der Gemeinsamen Einrichtung KVG zwecks Anmeldung bei der italie-
nischen Krankenversicherung um eine Bestätigung, dass sie von der
schweizerischen Versicherungspflicht befreit seien. Sie wiesen in diesem
Schreiben darauf hin, dass sie seit einiger Zeit in Italien wohnhaft seien
und ihre Krankenversicherung in der Schweiz vor ihrer Abreise gekündigt
hätten (Beilage 2 zu BVGer-act. 3).
A.b Die Gemeinsame Einrichtung KVG teilte A._______ mit Schreiben
vom 15. Mai 2017 bezugnehmend auf das Gesuch um Befreiung von der
Krankenversicherungspflicht mit, dass er die verlangten Unterlagen bisher
nicht eingereicht habe. Sie forderte ihn auf, bis 14. Juni 2017 den italieni-
schen Versicherungsnachweis einzureichen, ansonsten sein Gesuch als
gegenstandslos betrachtet werde (Beilage zu BVGer-act. 1; actorum liegt
nicht bei den Akten der Vorinstanz). A._______ ersuchte daraufhin auf dem
amtlichen Formular, unterzeichnet am 6. Juni 2017, erneut um Befreiung
von der Versicherungspflicht in der Schweiz. Er legte seinem Gesuch eine
Bestätigung der Einwohnerkontrolle C._______ vom 26. März 2012 bei,
wonach er und seine Ehefrau sich per 31. März 2012 nach Italien abge-
meldet haben. Er bat zudem um Ausstellung des Formulars E120 (Beilage
3 zu BVGer-act. 3). Mit Verfügung vom 30. Juni 2017 wies die Gemein-
same Einrichtung KVG das Gesuch von A._______ um Befreiung von der
Krankenversicherungspflicht in der Schweiz ab, weil es nicht innert der
Frist von drei Monaten ab Wohnsitznahme in der EU/EFTA eingereicht wor-
den sei (Beilage 4 zu BVGer-act. 3).
A.c Dagegen erhoben A._______ und B._______ am 25. Juli 2017 Ein-
sprache und brachten vor, dass die Krankenkasse Groupe Mutuel damals
für die Kündigung neben der Abmeldung von der Gemeinde C._______
keine weiteren Unterlagen verlangt habe. Es habe auch keine Informatio-
nen gegeben. Er wies unter Beilage der entsprechenden Versicherungs-
karten («Tessera Sanitaria») zudem darauf hin, dass er und seine Ehefrau
nun seit 24. Juli 2017 in Italien krankenversichert seien (Beilage 5 zu
BVGer-act. 3). Die Gemeinsame Einrichtung KVG wies die Einsprache mit
Entscheid vom 16. August 2017 ab. Zur Begründung hielt sie im Wesentli-
chen fest, dass der Nachweis einer Versicherungsdeckung in Italien bereits
zum Zeitpunkt der Einreichung des Gesuchs innert der gesetzlichen Frist
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von drei Monaten hätte vorliegen müssen. A._______ bleibe daher weiter-
hin in der Schweiz für das Risiko Krankheit versicherungspflichtig. Sollte er
nicht innert einer Frist von 30 Tagen eine Versicherung nach KVG nach-
weisen, werde das Verfahren der Zwangszuweisung an einen KVG-Versi-
cherer eingeleitet (Beilage 6 zu BVGer-act. 3).
B.
Gegen diesen Einspracheentscheid erhoben A._______ und B._______
mit Eingabe vom 17. September 2017 (Poststempel) Beschwerde beim
Bundesverwaltungsgericht und beantragten sinngemäss, dass der ange-
fochtene Entscheid aufzuheben sei und sie von der Krankenversicherungs-
pflicht in der Schweiz zu befreien seien (BVGer-act. 1).
C.
Die Vorinstanz beantragte mit Vernehmlassung vom 18. Oktober 2017 die
Abweisung der Beschwerde (BVGer-act. 3).
D.
A._______ und B.________ machten von der Gelegenheit zur Einreichung
einer Replik keinen Gebrauch.
E.
Auf den weiteren Inhalt der Akten sowie der Rechtsschriften ist – soweit
erforderlich – in den nachfolgenden Erwägungen einzugehen.
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
Das Bundesverwaltungsgericht ist zur Behandlung der vorliegenden Be-
schwerde zuständig (Art. 90a Abs. 1 KVG [SR 831.10] i.V.m. Art. 18
Abs. 2bis KVG sowie Art. 31, 32 und 33 Bst. d VGG). A._______ ist als Ad-
ressat des angefochtenen Einspracheentscheides durch diesen besonders
berührt und hat ein schutzwürdiges Interesse an dessen Aufhebung oder
Abänderung, weshalb er zur Erhebung der Beschwerde legitimiert ist (Art.
48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde
ist daher grundsätzlich einzutreten (Art. 50 Abs. 1 und Art. 52 Abs. 1
VwVG).
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Seite 4
2.
Anfechtungsobjekt und damit Begrenzung des Streitgegenstandes des
vorliegenden Beschwerdeverfahrens (vgl. BGE 131 V 164 E. 2.1) bildet der
Einspracheentscheid vom 16. August 2017, mit dem die Vorinstanz in Be-
stätigung ihrer Verfügung vom 30. Juni 2017 das Gesuch von A._______
um Befreiung von der Krankenversicherungspflicht in der Schweiz abge-
wiesen hat. Obwohl sich das bei der Vorinstanz eingereichte Gesuch um
Befreiung von der Versicherungspflicht in der Schweiz sowie die in diesem
Zusammenhang geführte Korrespondenz auf beide Ehegatten beziehen,
hat die Vorinstanz nur bezüglich des Ehemanns verfügt. Über das Gesuch
der Ehefrau wird die Vorinstanz ebenfalls noch zu verfügen haben. Soweit
aber mit der Beschwerde auch die Befreiung der Ehefrau von der Versi-
cherungspflicht in der Schweiz beantragt wird, liegt dies ausserhalb des
Anfechtungsobjekts, weshalb darauf nicht einzutreten ist. Prozessthema ist
lediglich das Gesuch des Ehemanns (nachfolgend: Beschwerdeführer).
3.
Zu beurteilen ist ein grenzüberschreitender Sachverhalt mit Bezug zur EU,
weshalb das am 1. Juni 2002 in Kraft getretene Abkommen vom 21. Juni
1999 zwischen der Schweizerischen Eidgenossenschaft einerseits und der
Europäischen Gemeinschaft und ihren Mitgliedstaaten andererseits über
die Freizügigkeit (FZA; SR 0.142.112.681) zu beachten ist. Im Rahmen des
FZA ist auch die Schweiz als «Mitgliedstaat» im Sinne der Koordinierungs-
verordnungen zu betrachten (Art. 1 Abs. 2 Anhang II FZA; vgl. BGE 141 V
246 E. 2.1). Nach Art. 1 Abs. 1 des auf der Grundlage von Art. 8 FZA aus-
gearbeiteten und Bestandteil des Abkommens bildenden (Art. 15 FZA) An-
hangs II FZA in Verbindung mit Abschnitt A dieses Anhangs wenden die
Vertragsparteien untereinander insbesondere die Verordnungen (EWG)
Nr. 1408/71 des Rates vom 14. Juni 1971 zur Anwendung der Systeme der
sozialen Sicherheit auf Arbeitnehmer und Selbstständige sowie deren Fa-
milienangehörige, die innerhalb der Gemeinschaft zu- und abwandern (AS
2004 121), und (EWG) Nr. 574/72 des Rates vom 21. März 1972 über die
Durchführung der Verordnung (EWG) Nr. 1408/71 (AS 2005 3909; nachfol-
gend: V [EWG] Nr. 1408/71) oder gleichwertige Vorschriften an. Mit Wir-
kung auf 1. April 2012 sind diese beiden Rechtsakte durch die Verordnun-
gen (EG) Nr. 883/2004 des Europäischen Parlaments und des Rates vom
29. April 2004 zur Koordinierung der Systeme der sozialen Sicherheit (SR
0.831.109.268.1; nachfolgend: V [EG] Nr. 883/2004) sowie (EG)
Nr. 987/2009 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 16. Sep-
tember 2009 zur Festlegung der Modalitäten für die Durchführung der Ver-
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ordnung (EG) Nr. 883/2004 über die Koordinierung der Systeme der sozi-
alen Sicherheit (SR 0.831.109.268.11) abgelöst worden (BGE 143 V 52 E.
6.1).
4.
4.1 Nach Art. 3 Abs. 1 KVG muss sich jede Person mit Wohnsitz in der
Schweiz innert drei Monaten nach der Wohnsitznahme oder der Geburt in
der Schweiz für Krankenpflege versichern oder von ihrem gesetzlichen
Vertreter beziehungsweise ihrer gesetzlichen Vertreterin versichern lassen.
Für die gesamte Schweiz gilt somit ein Versicherungsobligatorium (BGE
143 V 52 E. 4). Art. 1 der vom Bundesrat erlassenen KVV (SR 832.102)
präzisiert, dass Personen mit Wohnsitz im Sinn von Art. 23 bis 26 ZGB in
der Schweiz der Versicherungspflicht nach Art. 3 KVG unterstehen
(Abs. 1).
4.2 Der Bundesrat kann die Versicherungspflicht gemäss Art. 3 Abs. 3 KVG
auf Personen ohne Wohnsitz in der Schweiz ausdehnen, insbesondere auf
solche, die in der Schweiz tätig sind oder dort ihren gewöhnlichen Aufent-
halt (Art. 13 Abs. 2 ATSG [SR 830.1]) haben (Bst. a) oder die im Ausland
von einem Arbeitgeber mit einem Sitz in der Schweiz beschäftigt werden
(Bst. b). Zudem erklärt Art. 1 Abs. 2 Bst. d KVV – neben den Personen mit
einem zivilrechtlichen Wohnsitz in der Schweiz – unter anderem Personen,
welche in einem Mitgliedstaat der Europäischen Union wohnen und nach
dem in Art. 95a Bst. a KVG genannten FZA sowie seinem Anhang II der
schweizerischen Versicherung unterstellt sind. Nach Art. 7 Abs. 8 KVV sind
versicherungspflichtige Personen nach Art. 1 Abs. 2 Bst. d KVV verpflichtet,
sich innert drei Monaten nach Entstehung der Versicherungspflicht in der
Schweiz zu versichern. Versichern sie sich innert dieser Frist, so beginnt
die Versicherung im Zeitpunkt der Unterstellung unter die schweizerische
Versicherung.
4.3 Nach Art. 2 Abs. 6 KVV sind Personen auf Gesuch hin von der Versi-
cherungspflicht ausgenommen, die in einem Mitgliedstaat der Europäi-
schen Union wohnen, sofern sie nach dem Freizügigkeitsabkommen sowie
seinem Anhang II von der Versicherungspflicht befreit werden können und
nachweisen, dass sie im Wohnstaat und während eines Aufenthalts in ei-
nem anderen Mitgliedstaat der Europäischen Union und in der Schweiz für
den Krankheitsfall gedeckt sind. Weiter sind nach Art. 2 Abs. 8 KVV auf
Gesuch hin von der Versicherungspflicht ausgenommen Personen, für wel-
che eine Unterstellung unter die schweizerische Versicherung eine klare
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Verschlechterung des bisherigen Versicherungsschutzes oder der bisheri-
gen Kostendeckung zur Folge hätte und die sich auf Grund ihres Alters
und/oder ihres Gesundheitszustandes nicht oder nur zu kaum tragbaren
Bedingungen im bisherigen Umfang zusatzversichern könnten. Dem Ge-
such ist eine schriftliche Bestätigung der zuständigen ausländischen Stelle
mit allen erforderlichen Angaben beizulegen. Die betreffende Person kann
die Befreiung oder einen Verzicht auf die Befreiung ohne besonderen
Grund nicht widerrufen.
5.
Es ergibt sich aus den Akten und ist unbestritten, dass der Beschwerde-
führer keinen Wohnsitz in der Schweiz hat. In seiner Beschwerde gibt er
an, nach Italien ausgewandert zu sein, wohin er sich gemäss Bestätigung
seiner früheren Wohnsitzgemeinde in der Schweiz per 31. März 2012 ab-
gemeldet hat. Er korrespondiert zudem unter einer italienischen Adresse
und hat mittlerweile in Italien eine Krankenversicherung abgeschlossen.
Gestützt auf Art. 3 Abs. 1 KVG lässt sich damit mangels Wohnsitzes in der
Schweiz keine Unterstellung des Beschwerdeführers unter das schweize-
rische Krankenversicherungsobligatorium begründen.
6.
Zu prüfen ist, ob der sich im Rentenalter befindende Beschwerdeführer
nach den Bestimmungen des FZA sowie seinem Anhang II der Versiche-
rungspflicht in der Schweiz untersteht.
6.1 Für die Prüfung der Frage, in welchem Mitgliedstaat der Beschwerde-
führer ab 1. April 2012 der Krankenversicherung unterstellt ist, ist die V
(EG) Nr. 883/2004 in sachlicher und zeitlicher Hinsicht anwendbar. In per-
sönlicher Hinsicht gilt die V (EG) Nr. 883/2004 für Staatsangehörige eines
Mitgliedstaats, für Staatenlose und Flüchtlinge mit Wohnort in einem Mit-
gliedstaat, für die die Rechtsvorschriften eines oder mehrerer Mitgliedstaa-
ten gelten oder galten, sowie für ihre Familienangehörigen und Hinterblie-
benen (Art. 2 Ziff. 1 V [EG] Nr. 883/2004). Die Vorinstanz geht implizit da-
von aus, dass die V (EG) Nr. 883/2004 auf den Beschwerdeführer auch in
persönlicher Hinsicht anwendbar ist. In den Akten ist jedoch nicht doku-
mentiert, welche Staatsbürgerschaft der Beschwerdeführer besitzt. Auch
wenn Anhaltspunkte darauf bestehen, dass er Schweizer Staatsbürger ist,
bleibt es aufgrund der Akten unklar, ob er Staatsangehöriger eines Mit-
gliedstaates ist und überhaupt in den Anwendungsbereich der V (EG) Nr.
883/2004 fällt. Der rechtlich massgebenden Sachverhalt ist in dieser Hin-
sicht ungenügend abgeklärt. Dennoch ist im Folgenden zu prüfen, ob sich
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in Anwendung der der V (EG) Nr. 883/2004 eine Unterstellung des Be-
schwerdeführers unter die Krankenversicherung in der Schweiz begründen
lässt.
6.2 Titel II der V (EG) Nr. 883/2004 (Art. 11 ff.) enthält allgemeine Kollisi-
onsregeln zur Bestimmungen der anzuwenden Rechtsvorschriften. Dabei
legt Art. 11 Abs. 1 V (EG) Nr. 883/2004 den kollisionsrechtlichen Grundsatz
der Einheitlichkeit der anwendbaren Rechtsvorschriften in dem Sinne fest,
dass für jede betroffene Person die Rechtsvorschriften nur eines Mitglied-
staats massgebend sind. Eine Person unterliegt stets der Versicherungs-
pflicht eines einzigen Staats (Art. 11 Abs. 1 V [EG] Nr. 883/2004). Zweck
ist die Vermeidung von doppelten Versicherungspflichten (vgl. BEAT
MEYER, Krankenversicherung [Versicherte und Finanzierung], in: Recht der
Sozialen Sicherheit, Handbücher für die Anwaltspraxis, Band XI, 2014,
S. 439 Rz. 12.23; GEBHARD EUGSTER, Die obligatorische Krankenpflege-
versicherung, in: Soziale Sicherheit, SBVR Band XIV, 3. Aufl. 2016, S. 435
Rz. 85 mit Hinweisen). Eine Versicherungspflicht in zwei oder mehr Staa-
ten ist nicht vorgesehen (vgl. Leitfaden der Gemeinsamen Einrichtung KVG
über die Krankenversicherung mit Bezug zur EU/EFTA und über die Leis-
tungsaushilfe für Personen mit einer Grundversicherung in der Schweiz
[Stand: 8. Mai 2018], S. 22, abrufbar unter ). Nichterwerbstä-
tige sind ebenfalls den Rechtsvorschriften (nur) eines Mitgliedstaats unter-
stellt. Nach Art. 11 Abs. 3 Bst. e V (EG) Nr. 883/2004 unterliegen sie den
Rechtsvorschriften des Wohnmitgliedstaats, sofern nichts anderes be-
stimmt ist (vgl. BGE 143 V 52 E. 6.2.2). Die allgemeinen Vorschriften ge-
mäss Titel II V (EG) Nr. 883/2004 gelten jedoch nur insoweit, als die be-
sonderen Bestimmungen für die einzelnen Leistungsarten, die Titel III bil-
den ("Besondere Bestimmungen über die verschiedenen Arten von Leis-
tungen" [Art. 17-70]), nicht etwas anderes bestimmen (vgl. BGE 144 V 127
E. 4.2.2 mit Hinweisen).
6.3 Titel III der V (EG) Nr. 883/2004 (Art. 23 ff.) regelt den Sachleistungs-
anspruch von Rentnerinnen und Rentnern und deren Familienangehörigen
bei Krankheit. Danach erhält eine Person, die eine Rente nach den Rechts-
vorschriften eines Mitgliedstaats bezieht und die keinen Anspruch auf
Sachleistungen nach den Rechtsvorschriften des Wohnmitgliedstaats hat,
dennoch Sachleistungen für sich und ihre Familienangehörigen, sofern
nach den Rechtsvorschriften des für die Zahlung ihrer Rente zuständigen
Mitgliedstaats Anspruch auf Sachleistungen bestünde, wenn sie in diesem
Mitgliedstaat wohnte (Art. 24 Abs. 1 V [EG] Nr. 883/2004). Hat die Rentne-
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rin oder der Rentner nur Anspruch auf Sachleistungen nach den Rechts-
vorschriften eines einzigen Mitgliedstaats, so übernimmt der zuständige
Träger dieses Mitgliedstaats die Kosten für die Sachleistungen (Art. 24
Abs. 2 Bst. a V [EG] Nr. 883/2004). Art. 24 V (EG) Nr. 883/2004 umfasst
den Fall, dass Rentnerinnen und Rentner mangels hinreichender Bezie-
hungen zum Rentensystem des Wohnortstaats keinen originären Anspruch
auf Sachleistungen bei Krankheit im Wohnortstaat haben. Beim Bezug nur
einer Rente ist der Träger für Leistungen bei Krankheit desjenigen Staats
kostenpflichtig, der die Rente leistet. Der Rentnerin oder dem Rentner wird
ein Anspruch auf Sachleistungsaushilfe gegenüber dem Träger des Woh-
nortstaats gewährt (FRANK SCHREIBER, in: Kommentar zur V [EG]
Nr. 883/2004, 2012, N. 1 und 7 zu Art. 24 V [EG] Nr. 883/2004). Anknüp-
fungspunkt bei Art. 23 und 24 V (EG) Nr. 883/2004 ist ein tatsächlicher
Rentenbezug, eine blosse Rentenberechtigung reicht nicht aus (EUGSTER,
a.a.O., S. 441 f. Rz. 109; vgl. auch ROLF SCHULER, in: Kommentar zum
europäischen Sozialrecht, 6. Aufl. 2013, Vorbemerkungen zu Art. 23 ff. Rz.
9; SCHREIBER, a.a.O. N 3 ff. zu Art. 23 V [EG] Nr. 883/2004).
6.4 Die Leistungsaushilferegeln und die Bestimmung des primär zuständi-
gen Trägers in Art. 23 ff. V (EG) Nr. 883/2004 definieren bei Rentnerinnen
und Rentnern das anzuwendende Recht bezüglich der Versicherteneigen-
schaft (vgl. BGE 143 V 52 E. 6.3.2; BGE 138 V 206 E. 2.3; EUGSTER,
a.a.O., S. 441 Rz. 109; Leitfaden, S. 32). Personen, für die nach den Arti-
keln 24, 25 und 26 der V (EG) Nr. 883/2004 die Schweiz die Kosten für
Leistungen trägt, unterliegen den schweizerischen Rechtsvorschriften über
die Krankenversicherungspflicht, auch wenn sie nicht in der Schweiz woh-
nen (Ziffer 3 Bst. a, Schweiz, des Anhangs XI zur V [EG] Nr. 883/2004). Für
Einfachrentnerinnen und Einfachrentner mit Wohnort in einem Mitglied-
staat, nach dessen Vorschriften die Rente gewährt wird, gilt das KV-Recht
dieses Staates. Ein Angehöriger eines Mitgliedstaats, der ausschliesslich
eine schweizerische Sozialversicherungsrente bezieht, untersteht damit
der Versicherungspflicht des KVG, auch wenn er seinen Wohnsitz nicht in
der Schweiz hat (vgl. EUGSTER, a.a.O., S. 442 Rz. 110).
6.5 Für die Frage, ob der Beschwerdeführer der Krankenversicherungs-
pflicht in der Schweiz untersteht, ist somit entscheidend, ob er nur eine
Rente aus der Schweiz (Einfachrentner) oder zusätzlich noch eine Rente
aus einem anderen Mitgliedstaat (Mehrfachrentner) bezieht. Hierzu ergibt
sich ebenfalls nichts aus den Akten. Lediglich in der Beschwerde findet sich
ein Hinweis, dass der Beschwerdeführer eine AHV-Rente aus der Schweiz
beziehe («Sie seien ausgewandert, weil er nicht um Ergänzungsleistungen
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habe betteln wollen [Fr. 1‘984.– AHV]»). Die Vorinstanz hat aber nicht ab-
geklärt, ob der Beschwerdeführer tatsächlich eine Altersrente aus der
Schweiz bezieht und ob ihm insbesondere allenfalls auch von einem wei-
teren Mitgliedstaat eine Rente ausgerichtet wird. Es befindet sich insbe-
sondere kein Nachweis über die Rentenbezüge des Beschwerdeführers in
den Akten. Der rechtserhebliche Sachverhalt erweist sich damit auch in
dieser Hinsicht als ungenügend abgeklärt. Es lässt sich damit nicht beur-
teilen, ob der Beschwerdeführer nach den Bestimmungen des FZA und der
V (EG) Nr. 883/2004 trotz Wohnsitzes in Italien in der Schweiz der Versi-
cherungspflicht untersteht. Diese Frage muss aber zwingend geklärt wer-
den, bevor über ein Gesuch des Beschwerdeführers um Befreiung von der
Versicherungspflicht in der Schweiz entschieden werden kann.
7.
Bevor über das Gesuch des Beschwerdeführers um Befreiung von der Ver-
sicherungspflicht in der Schweiz entschieden werden kann, ist somit zu-
nächst zwingend zu klären, ob er überhaupt in den Anwendungsbereich
der V (EG) Nr. 883/2004 fällt und gegebenenfalls gestützt auf Art. 24 V
(EG) Nr. 883/2004 dem Krankenversicherungsobligatorium in der Schweiz
untersteht. Für den Fall, dass diese Abklärungen ergeben, dass er der
schweizerischen Krankenversicherung untersteht, richtet sich die Beurtei-
lung des Befreiungsgesuchs nach den folgenden Grundsätzen.
7.1 Dem Anhang XI der V (EG) Nr. 883/2004 (Schweiz, Ziffer 3 Bst. b) lässt
sich entnehmen, dass unter anderem die Personen, für die nach den Arti-
keln 24, 25 und 26 der V (EG) Nr. 883/2004 die Schweiz die Kosten für
Leistungen trägt, und deren Familienangehörige, auf Antrag von der Versi-
cherungspflicht befreit werden können, wenn sie unter anderem in Italien
wohnen und nachweisen, dass sie dort für den Krankheitsfall gedeckt sind.
Dieser Antrag ist innerhalb von drei Monaten nach Entstehung der Versi-
cherungspflicht in der Schweiz zu stellen; wird in begründeten Fällen der
Antrag nach diesem Zeitraum gestellt, so wird die Befreiung ab dem Zeit-
punkt der Entstehung der Versicherungspflicht wirksam. Der Antrag
schliesst sämtliche im selben Staat wohnenden Familienangehörigen ein.
Dieses Optionsrecht war bereits in der V [EWG] Nr. 1408/71 (Anhang VI,
Schweiz, Ziff. 3 Bst. b) vorgesehen.
7.2 Die Vorinstanz geht davon aus, dass der Beschwerdeführer diese Drei-
monatsfrist verpasst hat, weshalb sein Befreiungsgesuch abzuweisen sei.
Der Beschwerdeführer macht dagegen sinngemäss geltend, dass es nicht
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ihm anzulasten sei, dass man ihn im Jahr 2012 ohne Nachweis einer Ver-
sicherungsdeckung in Italien und ohne entsprechende Informationen aus
dem Krankenversicherungsobligatorium entlassen habe.
7.3 Den Antrag auf Befreiung von der Versicherungspflicht in der Schweiz
muss eine Rentnerin oder ein Rentner schriftlich und innerhalb von drei
Monaten nach Verlegung des Wohnsitzes ins Ausland oder nach Beginn
des Rentenbezugs bei der Gemeinsamen Einrichtung KVG stellen (Leitfa-
den, S. 77 und 79; Art. 18 Abs. 2bis KVG). Das Optionsrecht zugunsten ei-
ner Versicherung im Wohnstaat anstelle einer Krankenpflegeversicherung
nach dem schweizerischen KVG kann nicht stillschweigend (konkludent)
erfolgen (Urteil des BGer 9C_801/2014 vom 10. März 2015 E. 3.3). Die
versäumte Optierung für den Wohnstaat kann grundsätzlich nicht nachge-
holt werden, es sei denn, die Frist zur Ausübung des Optionsrechts habe
unverschuldet nicht ausgeübt werden können («begründeter Fall»; EUGS-
TER, a.a.O., S. 440 Rz. 104). Wird in begründeten Fällen der Antrag nach
diesem Zeitraum gestellt, so wird die Befreiung ab dem Zeitpunkt der Ent-
stehung der Versicherungspflicht wirksam. Die Verweisung auf begründete
Ausnahmefälle zeigt, dass eine starre Verwirkungsfrist als unverhältnis-
mässig erachtet wird. Auch wenn eine entschuldbare oder sonst wie auf
achtenswerten Gründen beruhende Fristversäumnis nicht schadet, ist den-
noch nicht von einer blossen, mehr oder weniger sanktionsfreien Ord-
nungsvorschrift zu sprechen, da eine Fristversäumnis ohne rechtfertigen-
den Gründe zum Erlöschen des Optionsrecht führt. Der Begriff «begründe-
ter Fall» lässt aber einen grossen Interpretationsspielraum offen (EUGSTER,
a.a.O., S. 429 Rz. 65, mit Hinweis auf BGE 136 V 295).
7.4 Im vorliegenden Fall lässt sich aufgrund der Akten nicht beurteilen, ob
ein «begründeter Fall» vorliegt, der ein Gesuch auch nach Ablauf von drei
Monaten nach Wohnsitznahme im Ausland rechtfertigen würde. Hierzu
sind die Umstände abzuklären, weshalb der Beschwerdeführer im Jahr
2012 seine Krankenversicherung in der Schweiz ohne Weiteres auflösen
konnte. Weiter ist zu klären, ob der zuständige Kanton damals seiner Infor-
mationspflicht gemäss Art. 6a Abs. 1 Bst. c KVG nachgekommen ist. Im
Übrigen ist zu beachten, dass die V (EG) Nr. 883/2004 auch die im schwei-
zerischen Recht weitergehenden Befreiungsmöglichkeiten zulässt, bei-
spielsweise in Ausnahmefällen die Befreiung von der Versicherungspflicht
durch Nachweis einer ausreichenden privaten Versicherung für den Krank-
heitsfall (EUGSTER, a.a.O., S. 441 Rz. 106). Daher ist gegebenenfalls auch
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Seite 11
die Befreiung von der Versicherungspflicht nach Art. 2 Abs. 8 KVV zu prü-
fen, zumal der Beschwerdeführer und seine Ehefrau mittlerweile eine Kran-
kenversicherung in Italien abgeschlossen haben.
8.
Aus dem Dargelegten folgt, dass der entscheidwesentliche Sachverhalt in
mehrfacher Hinsicht nicht genügend abgeklärt wurde, weshalb die Streit-
sache nicht abschliessend materiell beurteilt werden kann. Die Be-
schwerde ist daher – soweit auf sie einzutreten ist – dahingehend gutzu-
heissen, dass der angefochtenen Einspracheentscheid vom 16. August
2017 aufzuheben und die Sache im Sinne der vorstehenden Erwägungen
zur weiteren Abklärung und Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzu-
weisen ist (Art. 61 Abs. 1 VwVG).
9.
Das Verfahren ist kostenlos (Art. 18 Abs. 8 KVG i.V.m. Art. 85bis Abs. 2
AHVG [SR 831.10]), weshalb keine Verfahrenskosten zu erheben sind.
Dem obsiegenden (vgl. BGE 132 V 215 E. 6), nicht vertretenen Beschwer-
deführer, sind keine unverhältnismässig hohen Kosten entstanden, wes-
halb ihm keine Parteientschädigung zuzusprechen ist (vgl. Art. 64 Abs. 1
VwVG i.V.m. Art. 7 Abs. 3 und 4 des Reglements vom 21. Februar 2008
über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht
[VGKE, SR 173.320.2]). Die unterliegende Vorinstanz hat ebenfalls keinen
Anspruch auf eine Parteientschädigung (Art. 64 Abs. 1 VwVG und Art. 7
Abs. 1 VGKE, je e contrario; Art. 7 Abs. 3 VGKE).
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Seite 12
Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht:
1.
Die Beschwerde wird – soweit darauf eingetreten wird – insoweit gutge-
heissen, als der angefochtenen Einspracheentscheid vom 16. August 2017
aufgehoben und die Sache an die Vorinstanz zurückgewiesen wird, damit
sie im Sinne der Erwägungen weitere Abklärungen vornimmt und an-
schliessend über das Gesuch des Beschwerdeführers um Befreiung von
der Versicherungspflicht in der Schweiz neu verfügt.
2.
Es werden keine Verfahrenskosten erhoben.
3.
Es wird keine Parteientschädigung zugesprochen.
4.
Dieses Urteil geht an:
– den Beschwerdeführer (Einschreiben mit Rückschein)
– die Vorinstanz (Gerichtsurkunde)
– das Bundesamt für Gesundheit (Einschreiben)
Für die Rechtsmittelbelehrung wird auf die nächste Seite verwiesen.
Der vorsitzende Richter: Der Gerichtsschreiber:
Christoph Rohrer Michael Rutz
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Seite 13
Rechtsmittelbelehrung:
Gegen diesen Entscheid kann innert 30 Tagen nach Eröffnung beim Bun-
desgericht, Schweizerhofquai 6, 6004 Luzern, Beschwerde in öffentlich-
rechtlichen Angelegenheiten geführt werden, sofern die Voraussetzungen
gemäss den Art. 82 ff., 90 ff. und 100 des Bundesgerichtsgesetzes vom
17. Juni 2005 (BGG, SR 173.110) gegeben sind. Die Rechtsschrift hat die
Begehren, deren Begründung mit Angabe der Beweismittel und die Unter-
schrift zu enthalten. Der angefochtene Entscheid und die Beweismittel
sind, soweit sie der Beschwerdeführer in Händen hat, beizulegen (Art. 42
BGG)
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