B u n d e s v e rw a l t u ng s g e r i ch t
T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l
T r i b u n a l e am m in i s t r a t i vo f e d e r a l e
T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l
Abteilung III
C-6779/2015
Ur t e i l vom 5 . Ok to be r 2 0 1 8
Besetzung
Richter Michael Peterli (Vorsitz),
Richter David Weiss,
Richterin Caroline Bissegger,
Gerichtsschreiberin Sandra Tibis.
Parteien
A._______,
vertreten durch lic. iur. Elisabeth Maier, Advokatin,
Beschwerdeführerin,
gegen
IV-Stelle für Versicherte im Ausland IVSTA,
Vorinstanz.
Gegenstand
Invalidenversicherung, Rentenanspruch,
Verfügung vom 23. September 2015.
C-6779/2015
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Sachverhalt:
A.
Die am (…) 1966 geborene, geschiedene, schweizerische Staatsangehö-
rige A._______ lebt, nach einem temporären Aufenthalt in Nordeutschland,
wieder in der Schweiz. Sie war in den Jahren 1984 bis 2012 in der Schweiz
als Bürokauffrau angestellt und leistete dabei Beiträge an die schweizeri-
sche Alters-, Hinterlassenen- und Invalidenversicherung. Am 14. Novem-
ber 2013 stellte A._______ einen Antrag auf Ausrichtung einer Invaliden-
rente (IV-act. 1 und 8).
B.
Mit Verfügung vom 23. September 2015 (IV-act. 70) sprach die IV-Stelle für
Versicherte im Ausland (nachfolgend: IVSTA oder Vorinstanz) A._______
für die Zeit vom 1. Januar 2014 bis zum 31. Dezember 2014 eine befristete,
halbe Invalidenrente zu.
Die IVSTA stellte zur Beurteilung des Gesuchs namentlich auf folgende
Unterlagen ab: die Berichte von Dr. med. B._______, Fachärztin für Psy-
chiatrie und Psychotherapie, vom 30. September 2013 (IV-act. 10), vom
16. April 2014 (IV-act. 22) und vom 25. Mai 2015 (IV-act. 53 S. 4 f.), den
Bericht und die ergänzenden Stellungnahmen von Dr. med. C._______,
Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, vom 29. September 2014 (IV-
act. 35) sowie vom 27. November 2014 (IV-act. 41) und vom 19. Mai 2015
(IV-act. 58) und die Stellungnahmen von Dr. med. D._______, Fachärztin
für Psychiatrie und Neurologie beim Regionalen Ärztlichen Dienst (RAD),
vom 5. Dezember 2014 (IV-act. 42) und vom 24. Februar 2015 (IV-act. 44).
Die Ärzte diagnostizierten im Wesentlichen eine rezidivierende mittelgra-
dige depressive Störung. Die behandelnde Ärztin, Dr. med. B._______, at-
testierte A._______ ferner das Bestehen einer Persönlichkeitsveränderung
nach Extrembelastung in der Kindheit und im Erwachsenenalter (ICD-10
F62.0).
In Bezug auf die Arbeitsfähigkeit ging die behandelnde Ärztin
Dr. med. B._______ von einer überwiegenden (50% bis 100%) und andau-
ernden Arbeitsunfähigkeit aus, während der Gutachter
Dr. med. C._______ lediglich von einer befristeten vollen Arbeitsunfähig-
keit ausging.
C-6779/2015
Seite 3
C.
Gegen die Verfügung vom 23. September 2015 erhob A._______, vertre-
ten durch Elisabeth Maier, Advokatin, mit Eingabe vom 21. Oktober 2015
(BVGer-act. 1) Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht. Sie bean-
tragte die Aufhebung der angefochtenen Verfügung und die Zusprache der
gesetzlichen Leistungen, eventualiter das Einholen eines Gerichtsgutach-
tens und subeventualiter die Rückweisung der Sache zur weiteren Abklä-
rung an die Vorinstanz. Sie rügte in formeller Hinsicht, dass die Verfügung
nur ihr, nicht aber ihrer Anwältin zugestellt worden sei; die Eröffnung der
Verfügung sei daher fehlerhaft. In verfahrensrechtlicher Hinsicht bean-
tragte sie die Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung und Verbei-
ständung. Zur Begründung führte sie aus, aufgrund der rezidivierenden
mittelgradigen Depression liege eine vollständige Arbeitsunfähigkeit vor.
Der von der Vorinstanz beauftragte Gutachter habe die Situation nicht kor-
rekt eingeschätzt.
D.
Mit Vernehmlassung vom 2. Dezember 2015 (BVGer-act. 3) beantragte die
Vorinstanz unter Hinweis auf die Stellungnahme der IV-Stelle E._______
vom 30. November 2015 die Abweisung der Beschwerde. In Bezug auf die
fehlerhafte Eröffnung führte die IV-Stelle E._______ aus, es treffe zu, dass
die Verfügung versehentlich der Anwältin nicht zugestellt worden sei. Dies
habe vorliegend jedoch nicht zu einem Nachteil für die Beschwerdeführerin
geführt, zumal die Beschwerde rechtzeitig erhoben worden sei, und daher
sei der Umstand der fehlerhaften Zustellung unbeachtlich. In materieller
Hinsicht führte sie aus, der Gutachter, Dr. med. C._______, habe ausge-
führt, dass bei einer rezidivierenden depressiven Störung immer wieder
Phasen auftreten würden, in denen die depressive Störung remittiert sei.
Eine depressive Störung sei überdies behandelbar, so dass die depressi-
ven Phasen nicht immer wieder auftreten würden. Im Übrigen sei mit der
Einschätzung des Gutachters davon auszugehen, dass eine Depression
nicht dissimuliert werden könne, so dass anzunehmen sei, dass die Be-
schwerdeführerin, die auf den Gutachter nicht depressiv gewirkt habe, im
Untersuchungszeitpunkt nicht an einer depressiven Störung gelitten habe.
Bezüglich der von der behandelnden Ärztin festgestellten Traumatisierung
sei festzuhalten, dass sich der Gutachter intensiv mit der medizinischen,
beruflichen und persönlichen Situation der Beschwerdeführerin auseinan-
dergesetzt und nachvollziehbar begründet habe, weshalb keine invalidisie-
rende Persönlichkeitsproblematik vorliege; darauf sei abzustellen.
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Seite 4
E.
Mit Eingabe vom 11. Dezember 2015 (BVGer-act. 5) reichte die Beschwer-
deführerin einen Bericht von dipl. psych. F._______ vom 7. Dezember
2015 ein.
F.
F.a Mit Eingabe vom 19. Januar 2016 (BVGer-act. 6) reichte die Be-
schwerdeführerin das ausgefüllte Formular „Gesuch um unentgeltliche
Rechtspflege“ sowie entsprechende Belege ein.
F.b Mit Zwischenverfügung vom 22. Januar 2016 (BVGer-act. 7) hiess der
Instruktionsrichter das Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege gut.
G.
Mit Replik vom 25. Februar 2016 (BVGer-act. 9) hielt die Beschwerdefüh-
rerin an ihren bisherigen Anträgen und Ausführungen vollumfänglich fest.
H.
Mit Duplik vom 23. März 2016 (BVGer-act. 11) hielt die Vorinstanz unter
Verweis auf die Stellungnahme der IV-Stelle E._______ vom 21. März
2016 an ihrem Abweisungsantrag fest. Zur Begründung führte sie aus, der
eingereichte Bericht von dipl. psych. F._______ erfülle die beweisrechtli-
chen Anforderungen, die an einen Bericht gestellt würden, nicht, da dipl.
psych. F._______ keine medizinische Ausbildung habe. Im Übrigen nenne
er weder neue Diagnosen noch Befunde, die nicht bereits im Gutachten
von Dr. med. C._______ Berücksichtigung gefunden hätten.
I.
I.a Mit Zwischenverfügung vom 20. Oktober 2017 (BVGer-act.19) wurde
die Beschwerdeführerin darauf aufmerksam gemacht, dass die Möglichkeit
besteht, dass der Spruchkörper die angefochtene Verfügung unter Berück-
sichtigung der geltenden bundesgerichtlichen Praxis betreffend Depressi-
onen zu Ungunsten der Beschwerdeführerin abändern könnte.
I.b Mit Stellungnahme vom 21. Dezember 2017 (BVGer-act. 22) machte
die Beschwerdeführerin geltend, dass vorliegend die Voraussetzungen für
eine reformatio in peius nicht erfüllt seien. Zur Begründung führte sie aus,
das Bundesgericht habe mit den Urteilen 8C_841/2016 und 8C_130/2017
vom 30. November 2017 erkannt, dass die bisherige Rechtsprechung fal-
len zu lassen sei und künftig die für die somatoforme Störung entwickelte
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Seite 5
Rechtsprechung auf sämtliche psychischen Erkrankungen anzuwenden
sei. Im Übrigen reichte sie je einen Austrittsbericht der Klinik G._______
vom 11. April 2017 und einen der Kliniken H._______ vom 23. Januar 2017
ein. Sie führte aus, die Berichte zeigten, dass nebst der depressiven Er-
krankung weitere Diagnosen bestünden und Auswirkungen auf die Arbeits-
fähigkeit hätten. Die Beschwerdeführerin hielt an ihrer Beschwerde fest
und erneuerte ihren Antrag auf Durchführung eines Gerichtsgutachtens.
I.c Die Vorinstanz hielt mit Stellungnahme vom 24. Januar 2018 (BVGer-
act. 24) und unter Hinweis auf die Ausführungen der IV-Stelle E._______
vom 18. Januar 2018 an ihrem Abweisungsantrag fest.
I.d Die Beschwerdeführerin äusserte sich mit Eingabe vom 6. März 2018
noch einmal zu den Vorbringen der Vorinstanz und führte aus, der RAD-
Bericht zeige, dass vorliegend keine ergebnisoffene Gesamtbetrachtung
stattgefunden habe, weshalb nicht auf dessen Einschätzung abzustellen
sei.
J.
Auf die weiteren Vorbringen der Parteien und die eingereichten Akten ist –
soweit für die Entscheidfindung erforderlich – in den nachfolgenden Erwä-
gungen einzugehen.
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG (SR 173.32) in Verbindung mit Art. 33 lit. d VGG
und Art. 69 Abs. 1 lit. b des IVG (SR 831.20) beurteilt das Bundesverwal-
tungsgericht Beschwerden von Personen im Ausland gegen Verfügungen
der IV-Stelle für Versicherte im Ausland. Eine Ausnahme im Sinne von
Art. 32 VGG liegt nicht vor.
1.2 Aufgrund von Art. 3 lit. dbis VwVG (SR 172.021) findet das VwVG keine
Anwendung in Sozialversicherungssachen, soweit das ATSG (SR 830.1)
anwendbar ist. Gemäss Art. 1 Abs. 1 IVG sind die Bestimmungen des
ATSG auf die Invalidenversicherung (Art. 1a bis 26bis IVG und 28 bis 70
IVG) anwendbar, soweit das IVG nicht ausdrücklich eine Abweichung vom
ATSG vorsieht.
C-6779/2015
Seite 6
1.3 Die Beschwerdeführerin ist durch die angefochtene Verfügung berührt
und hat ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung oder Änderung,
so dass sie im Sinne von Art. 59 ATSG beschwerdelegitimiert ist.
1.4 Da die Beschwerde im Übrigen frist- und formgerecht (Art. 60 Abs. 1
ATSG und Art. 52 Abs. 1 VwVG) eingereicht wurde, ist auf die Beschwerde
einzutreten.
2.
2.1 Der Anspruch der Beschwerdeführerin auf Leistungen der schweizeri-
schen Invalidenversicherung bestimmt sich nach dem innerstaatlichen
schweizerischen Recht, insbesondere nach dem IVG, der IVV
(SR 832.201), dem ATSG sowie der ATSV (SR 830.11).
2.2 Nach der Rechtsprechung stellt das Sozialversicherungsgericht bei der
Beurteilung einer Streitsache in der Regel auf den bis zum Zeitpunkt des
Erlasses der streitigen Verwaltungsverfügung (hier: 23. September 2015)
eingetretenen Sachverhalt ab (BGE 129 V 1 E. 1.2 mit Hinweis).
2.3 Weiter sind in zeitlicher Hinsicht grundsätzlich diejenigen Rechtssätze
massgebend, die bei der Erfüllung des zu Rechtsfolgen führenden Tatbe-
standes Geltung hatten (BGE 132 V 220 E. 3.1.1, 131 V 11 E. 1). Ein all-
fälliger Leistungsanspruch ist für die Zeit vor einem Rechtswechsel auf-
grund der bisherigen und ab diesem Zeitpunkt nach den neuen Normen zu
prüfen (pro rata temporis; BGE 130 V 445). Da vorliegend der Rentenan-
spruch ab 1. Januar 2014 (sechs Monate nach der Anmeldung) strittig ist,
ist bei den materiellen Bestimmungen vorliegend auf die seit 1. Januar
2012 geltende Fassung des IVG, der IVV des ATSG und der ATSV (Ände-
rungen im Rahmen des ersten Massnahmenpakets der 6. IV-Revision, IVG
in der Fassung vom 18. März 2011 [AS 2011 5659]) abzustellen.
2.4 Die Beschwerdeführenden können im Rahmen des Beschwerdever-
fahrens die Verletzung von Bundesrecht unter Einschluss des Missbrauchs
oder der Überschreitung des Ermessens, die unrichtige oder unvollstän-
dige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts sowie Unangemes-
senheit des Entscheids rügen (Art. 49 VwVG).
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Seite 7
3.
3.1 Anspruch auf eine ordentliche Rente haben gemäss Art. 36 Abs. 1 IVG
diejenigen Versicherten, die bei Eintritt der Invalidität während mindestens
drei Jahren Beiträge geleistet haben.
3.2 Der Rentenanspruch entsteht frühestens nach Ablauf von sechs Mona-
ten nach Geltendmachung des Leistungsanspruchs nach Art. 29 Abs. 1
ATSG, jedoch frühestens im Monat, der auf die Vollendung des 18. Alters-
jahres folgt (Art. 29 Abs. 1 IVG; vgl. auch Urteil des Bundesgerichts [BGer]
9C_562/2012 E. 3). Somit ist vorliegend aufgrund der im Juli 2013 einge-
reichten Anmeldung ein Leistungsanspruch ab 1. Januar 2014 zu prüfen.
3.3 Anspruch auf eine Rente haben Versicherte, die ihre Erwerbsfähigkeit
oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen, nicht durch zu-
mutbare Eingliederungsmassnahmen wieder herstellen, erhalten oder ver-
bessern können, während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch
durchschnittlich mindestens 40% arbeitsunfähig (Art. 6 ATSG) gewesen
sind und nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40% invalid (Art. 8
ATSG) sind (Art. 28 Abs. 1 lit. a bis c IVG).
3.4 Gemäss Art. 8 Abs. 1 ATSG in Verbindung mit Art. 4 Abs. 1 IVG ist In-
validität die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze
oder teilweise Erwerbsunfähigkeit als Folge von Geburtsgebrechen, Krank-
heit oder Unfall. Erwerbsunfähigkeit ist gemäss Art. 7 ATSG der durch Be-
einträchtigung der körperlichen oder geistigen Gesundheit verursachte und
nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder
teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommen-
den ausgeglichenen Arbeitsmarkt. Arbeitsunfähigkeit ist die durch eine Be-
einträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit
bedingte, volle oder teilweise Unfähigkeit, im bisherigen Beruf oder Aufga-
benbereich zumutbare Arbeit zu leisten. Bei langer Dauer wird auch die
zumutbare Tätigkeit in einem anderen Beruf oder Aufgabenbereich berück-
sichtigt (Art. 6 ATSG).
3.5 Um den Invaliditätsgrad bemessen zu können, ist die Verwaltung (und
im Beschwerdefall das Gericht) auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche
und gegebenenfalls andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Auf-
gabe des Arztes im schweizerischen Invalidenverfahren ist es, den Ge-
sundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung zu nehmen, in welchem
Umfang und gegebenenfalls bezüglich welcher Tätigkeiten der Versicherte
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Seite 8
arbeitsunfähig ist. Die ärztlichen Auskünfte sind sodann eine wichtige
Grundlage für die Beurteilung der Frage, welche Arbeitsleistungen dem
Versicherten konkret noch zugemutet werden können (BGE 125 V 256
E. 4, 115 V 134 E. 2; AHI-Praxis 2002, S. 62, E. 4b/cc).
3.5.1 Das Bundesrecht schreibt nicht vor, wie die einzelnen Beweismittel
zu würdigen sind. Für das gesamte Verwaltungs- und Beschwerdeverfah-
ren gilt der Grundsatz der freien Beweiswürdigung. Danach haben Versi-
cherungsträger und Sozialversicherungsgerichte die Beweise frei, das
heisst ohne förmliche Beweisregeln, sowie umfassend und pflichtgemäss
zu würdigen. Dies bedeutet für das Gericht, dass es alle Beweismittel, un-
abhängig, von wem sie stammen, objektiv zu prüfen und danach zu ent-
scheiden hat, ob die verfügbaren Unterlagen eine zuverlässige Beurteilung
des streitigen Rechtsanspruches gestatten. Insbesondere darf es bei ei-
nander widersprechenden medizinischen Berichten den Prozess nicht er-
ledigen, ohne das gesamte Beweismaterial zu würdigen und die Gründe
anzugeben, warum es auf die eine und nicht auf die andere medizinische
These abstellt.
3.5.2 Bezüglich des Beweiswertes eines Arztberichtes ist entscheidend, ob
der Bericht für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Unter-
suchungen beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in
Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgegeben worden ist, in der Beurtei-
lung der medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der medi-
zinischen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen der Exper-
ten begründet sind. Ausschlaggebend für den Beweiswert ist grundsätzlich
somit weder die Herkunft des Beweismittels noch die Bezeichnung der ein-
gereichten oder in Auftrag gegebenen Stellungnahme als Bericht oder als
Gutachten (vgl. dazu das Urteil des BGer I 268/2005 vom 26. Januar 2006
E. 1.2 mit Hinweis auf BGE 125 V 352 E. 3a).
Gleichwohl erachtet es die Rechtsprechung mit dem Grundsatz der freien
Beweiswürdigung als vereinbar, Richtlinien für die Beweiswürdigung in Be-
zug auf bestimmte Formen medizinischer Berichte und Gutachten aufzu-
stellen (vgl. hierzu BGE 125 V 352 E. 3b; AHI 2001 S. 114 E. 3b; Urteil des
BGer I 128/98 vom 24. Januar 2000 E. 3b). So ist den im Rahmen des Ver-
waltungsverfahrens eingeholten Gutachten externer Spezialärzte, welche
aufgrund eingehender Beobachtungen und Untersuchungen sowie nach
Einsicht in die Akten Bericht erstatten und bei der Erörterung der Befunde
zu schlüssigen Ergebnissen gelangen, bei der Beweiswürdigung volle Be-
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weiskraft zuzuerkennen, solange nicht konkrete Indizien gegen die Zuver-
lässigkeit der Expertise sprechen (BGE 125 V 353 E. 3b/bb, mit weiteren
Hinweisen). Berichte der behandelnden Ärzte schliesslich sind aufgrund
deren auftragsrechtlicher Vertrauensstellung zum Patienten mit Vorbehalt
zu würdigen (BGE 125 V 353 E. 3b/cc). Dies gilt für den allgemein prakti-
zierenden Hausarzt wie auch für den behandelnden Spezialarzt (Urteil des
BGer I 655/05 vom 20. März 2006 E. 5.4 mit Hinweisen; vgl. aber Urteil des
BGer 9C_24/2008 vom 27. Mai 2008 E. 2.3.2).
3.5.3 Berichten und Gutachten versicherungsinterner Ärzte kommt Be-
weiswert zu, sofern sie als schlüssig erscheinen, nachvollziehbar begrün-
det sowie in sich widerspruchsfrei sind und keine Indizien gegen ihre Zu-
verlässigkeit bestehen. Die Tatsache allein, dass der befragte Arzt in einem
Anstellungsverhältnis zum Versicherungsträger steht, lässt nicht schon auf
mangelnde Objektivität und auf Befangenheit schliessen. Es bedarf viel-
mehr besonderer Umstände, welche das Misstrauen in die Unparteilichkeit
der Beurteilung objektiv als begründet erscheinen lassen (BGE 125 V 351
E. 3b/ee mit Hinweisen).
3.6 Versicherte haben Anspruch auf eine Viertelsrente, wenn sie zu min-
destens 40 Prozent invalid sind, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens
50 Prozent besteht ein Anspruch auf eine halbe Rente, bei mindestens 60
Prozent auf eine Dreiviertelsrente und bei mindestens 70 Prozent auf eine
ganze Rente (Art. 28 Abs. 2 IVG). Gemäss Art. 29 Abs. 1 IVG werden Ren-
ten, die einem Invaliditätsgrad von weniger als 50 Prozent entsprechen,
jedoch nur an Versicherte ausgerichtet, die ihren Wohnsitz und gewöhnli-
chen Aufenthalt (Art. 13 ATSG) in der Schweiz haben, soweit nicht völker-
rechtliche Vereinbarungen eine abweichende Regelung vorsehen.
4.
Die Vorinstanz stützte sich anlässlich der Beurteilung des Leistungsbegeh-
rens der Beschwerdeführerin auf folgende Unterlagen:
4.1 Dr. med. B._______, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie,
attestierte der Beschwerdeführerin in ihren Berichten vom 30. September
2013 (IV-act. 10) und vom 16. April 2014 (IV-act. 22) eine seit Jahren be-
stehende rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig mittelgradige
Episode (ICD-10 F33.1) und eine Persönlichkeitsveränderung nach Ext-
rembelastung in der Kindheit und im Erwachsenenalter (ICD-10 F62.0). Sie
führte in ihren Berichten aus, die Grundlage für die jetzige anfänglich
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Seite 10
schwere, jetzt mittelschwere depressive Episode sei eine komplexe post-
traumatische Belastungsstörung mit sequentieller Traumatisierung seit der
frühen Kindheit mit der Folge einer anhaltenden Persönlichkeitsstörung mit
den Symptomen von rezidivierenden depressiven Episoden, sozialem
Rückzug, zeitenweise feindlicher Haltung der Umwelt gegenüber und dem
Eindruck immer wieder ungerecht behandelt zu werden, Gefühlen von
Leere und Hoffnungslosigkeit bis zu einer eigentlichen Apathie, was ver-
hindere, dass sie die üblichen Anforderungen des Alltages bewältigen
könne. Die depressive Störung habe durch erfolglose Arbeitsbemühungen
und den Kampf um die Existenz während Jahren zu einer langdauernden
massiven Erschöpfung geführt. Die Beschwerdeführerin weise keine Denk-
störung, Wahnideen oder Halluzinationen auf, jedoch sei ihr Denken ver-
langsamt. Im Gespräch könne ein relativ guter Kontakt bei verminderter
emotionaler Schwingungsfähigkeit hergestellt werden. Die Stimmung sei
resigniert, depressiv. Die Beschwerdeführerin leide unter rascher Er-
schöpfbarkeit, Konzentrationsstörungen und Kraftlosigkeit und es sei mit
verlangsamten Reaktionen im Arbeitsablauf und rascher Überforderung zu
rechnen. Die Ärztin attestierte der Beschwerdeführerin seit 1. Januar 2013
eine Arbeitsunfähigkeit von 100% in der bisherigen Tätigkeit als kaufmän-
nische Angestellte.
4.2 Dr. med. C._______, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, be-
gutachtete die Beschwerdeführerin im Auftrag der Vorinstanz und hielt
seine Erkenntnisse im Bericht vom 29. September 2014 fest. Er diagnosti-
zierte bei der Beschwerdeführerin eine rezidivierende depressive Störung,
aktuell remittiert (ICD-10 F33.4). Er führte aus, in der Untersuchung finde
sich eine psychopathologisch völlig unauffällige Explorandin, die angebe
unter Depressionen zu leiden, aber objektive Befunde habe er keine erhe-
ben können. Die Explorandin wirke in keiner Weise niedergeschlagen, sie
sei affektiv unauffällig sowie kognitiv und psychomotorisch ebenfalls nicht
beeinträchtigt. Es werde sozialer Rückzug angegeben, doch die Exploran-
din berichte, dass sie offen sei für Kontakte und vor allem in ihrer Heimat-
stadt auch verschiedene persönliche Kontakte pflege. Die Explorandin er-
zähle zwar von verschiedenen schwierigen Situationen im Leben, habe
aber keine Mühe darüber zu sprechen. Die von der behandelnden Psychi-
aterin attestierte Traumatisierung in der Vergangenheit sei daher zu relati-
vieren. Es müsse eher vermutet werden, dass eine gewisse neurotische
Persönlichkeitsproblematik vorliege, wobei am ehesten an eine narzissti-
sche Störung zu denken sei. Es falle überdies auf, dass sie keine konse-
quente psychiatrische Behandlung verfolge, was den subjektiven Leidens-
druck relativiere. In Bezug auf die Arbeitsfähigkeit führte der Gutachter aus,
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Seite 11
es sollte der Beschwerdeführerin möglich sein, einer Tätigkeit nachzuge-
hen, bei welcher sie keine Alleinverantwortung übernehmen müsse. Es sei
dabei von keiner weiteren Einschränkung auszugehen. Diese Einschät-
zung gelte mindestens seit dem Untersuchungstermin, eventuell schon ein
paar Monate früher. Im Gegensatz zur behandelnden Psychiaterin, welche
der Beschwerdeführerin eine volle Arbeitsunfähigkeit attestiere, halte er
eine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit von 100% für eher unwahrschein-
lich, allenfalls hätten kurzfristige Einschränkungen bestanden.
4.3 Dr. med. D._______, Fachärztin für Psychiatrie und Neurologie beim
RAD, führte in ihren Stellungnahmen vom 5. Dezember 2014 (IV-act. 42)
und vom 24. Februar 2015 (IV-act. 44) aus, versicherungspsychiatrisch
werde praxisgemäss bei einer mittelgradig depressiven Symptomatik eine
Arbeitsunfähigkeit von 50% angenommen. Daher sei die Arbeitsunfähigkeit
vom 1. Januar 2013 bis zum Gutachten von Dr. med. C._______ auf 50%
festzulegen.
4.4 Dr. med. B._______, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie,
führte in ihrem Bericht vom 25. Mai 2015 (IV-act. 53 S. 4 f.) aus, bei der
Beschwerdeführerin sei schon immer auffällig gewesen, dass sie den
Schweregrad der depressiven Zustände jeweils in remittierten Phasen dis-
simuliert und sich als „für immer gesund“ betrachtet habe. Auch kenne sie
die Fähigkeit der Beschwerdeführerin, sich auch in schwierigen psychi-
schen Zuständen als gesund zu zeigen. Dies sei eine Fähigkeit, die immer
wieder bei traumatisierten Personen beobachtet werden könne. Zudem sei
davon auszugehen, dass es der Beschwerdeführerin aufgrund einer Erho-
lungszeit in Norddeutschland (ohne Arbeitsbelastung und ohne Bedrohung
durch ihre Familie) wieder besser gehe. Sie habe bei der letzten Konsulta-
tion am 20. Februar 2015 eine leichte Besserung des Gesundheitszu-
stands feststellen können, wobei immer noch ein massiver sozialer Rück-
zug bestanden habe. Die Arbeitsfähigkeit sei auf maximal 50% einzuschät-
zen.
4.5 Dr. med. C._______, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie,
äusserte sich mit Stellungnahme vom 19. Juni 2015 (IV-act. 58) zum Be-
richt von Dr. med. B._______ und hielt fest, es seien keine Hinweise auf
eine gravierende Traumatisierung und eine daraus folgende Persönlich-
keitsänderung zu finden. Die depressive Störung sei gegenwärtig remit-
tiert, da keine Anzeichen für eine Depression vorhanden seien. Eine Dissi-
mulation halte er nicht für möglich, da depressive Störungen nicht willent-
lich überwindbar seien. Vorliegend handle es sich wohl vielmehr um eine
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Seite 12
psychosoziale Situation, die bedrohend sei und zu einem Umzug geführt
habe.
4.6 Mit Stellungnahme vom 24. Juni 2015 (IV-act. 59) bestätigte
Dr. med. D._______, Fachärztin für Psychiatrie und Neurologie beim RAD,
dass auf das Gutachten von Dr. med. C._______ abzustellen sei und dass
für die Zeit vom 1. Januar 2013 bis zur Begutachtung durch
Dr. med. C._______ von einer Arbeitsfähigkeit von 50% in der angestamm-
ten Tätigkeit auszugehen sei, da bei einer mittelgradig depressiven Symp-
tomatik versicherungspsychiatrisch praxisgemäss von einer Arbeitsunfä-
higkeit von 50% auszugehen sei.
5.
Nach Verfügungserlass wurden weitere ärztliche Berichte erstellt, die nach-
folgend zusammenzufassen sind.
5.1 Dipl. psych. F._______, Psychologischer Psychotherapeut, hielt in sei-
nem Bericht vom 7. Dezember 2015 (Beilage zu BVGer-act. 5) Folgendes
fest: Die Patientin sei im Kontakt offen und zugewandt, es werde aber deut-
lich, dass sie zunächst nur wenig von sich zeige. Die Stimmung sei zum
Teil depressiv und bedrückt und die Vitalgefühle und der Antrieb seien ver-
mindert. Sie könne ausreichend gut über sich und ihre Konflikte berichten,
Introspektion und Reflexion seien im Ansatz bei einer ausreichend differen-
zierten Persönlichkeit vorhanden. Bei durchschnittlicher Intelligenz seien
keine kognitiven Einschränkungen zu erkennen. Die Patientin sei bewusst-
seinsklar und allseits orientiert, keine Hinweise auf inhaltliche oder formale
Denkstörungen, keine gröberen psychopathologischen Auffälligkeiten.
Thematisch wirke sie etwas eingeengt auf ihre Insuffizienzgefühle und Be-
findlichkeitsstörung. Akute Suizidaliät lag, bzw. liege nicht vor. Die Patientin
berichtete, sie fühle sich immer häufiger niedergeschlagen, freudlos und
ohne Energie. Sie schlafe häufig schlecht, grüble vermehrt und ziehe sich
zunehmend zurück. Auf viele Tätigkeiten im Alltag könne sie sich kaum
noch konzentrieren. Diese Symptomatik sei ihr bekannt seit ihrer Ehe
(1983-1990), welche durch Gewalt und Unterdrückung geprägt gewesen
sei und aus der sie sich nur mit grosser Mühe habe befreien können. Jeder
Tag sei für sie ein Kampf und sie habe oft kaum Antrieb, worunter auch ihre
aktuelle Beziehung leide. Zur Arbeitsfähigkeit äusserte sich der Psychothe-
rapeut nicht.
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Seite 13
5.2 Dem Austrittsbericht der Kliniken H._______ vom 23. Januar 2017
(Beilage zu BVGer-act. 22) über den teilstationären Aufenthalt vom 28. No-
vember 2016 bis zum 6. Januar 2017 sind folgende Diagnosen zu entneh-
men: mittelgradige depressive Episode (F32.1), Probleme mit Bezug auf
Schwierigkeiten bei der Lebensbewältigung (Z73), Akzentuierte Persön-
lichkeitszüge (Z73.1), DD kombinierte und andere Persönlichkeitsstörung
(narzisstische und vermeidende Züge) (F61) und schädlicher Gebrauch
von Cannabis (F11.1). Der psychopathologische Befund beim Eintritt be-
schrieben die Ärzte wie folgt: Wach, orientiert, berichtet von keinen mnes-
tischen Auffälligkeiten. Grübelnd. Kein Hinweis auf Zwang oder Phobien.
Keine Anhaltspunkte für Wahn, Sinnestäuschungen und Ich-Störungen.
Wirkt im Affekt leicht ratlos, Störung der Vitalgefühle, deprimiert. Suizidge-
danken vorhanden, aber klare Distanzierung von suizidalen Handlungsim-
pulsen. Die Ärzte führten aus, die Patientin sei zu Beginn der Behandlung
sehr damit beschäftigt gewesen, die Tagesstruktur der Psychotherapeuti-
schen Tagesklinik halten zu können. Die depressive Symptomatik sei im
Verlauf der Behandlung zurückgegangen und die Patientin habe regelmäs-
sig an allen Behandlungen teilnehmen können. Verschiedene Themen hät-
ten aber nicht bearbeitet oder gar angesprochen werden können, weshalb
der Patientin eine weiterführende ambulante psychotherapeutische Be-
handlung empfohlen worden sei. Der psychopathologische Befund beim
Austritt wurde wie folgt beschrieben: Wach, orientiert, keine Aufmerksam-
keits- und Gedächtnisstörungen. Eingeengt auf ein Leben in der Natur als
„Lösung“ ihrer Probleme. Misstrauische Befürchtungen bezüglich Ämtern
und Behörden. Kein Wahn, Sinnestäuschungen und Ich-Störungen. Im Af-
fekt ratlos, affektarm, gereizt, ambivalent im Beziehungsleben. Keine Sui-
zidalität. Zur Arbeitsfähigkeit sind dem Bericht keine Angaben zu entneh-
men.
5.3 Die Ärzte der Klinik G._______ berichteten in ihrem Austrittsbericht
vom 11. April 2017 (Beilage zu BVGer-act. 22) über die stationäre Behand-
lung vom 6. März 2017 bis 1. April 2017. Als Diagnosen nannten sie eine
rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig mittelgradige Episode
(F33.1), aufgrund einer Belastungssituation mit Problemen in Bezug auf
die Berufstätigkeit (Z56), mit Ausbildung eines Erschöpfungssyndroms, mit
akzentuierten Persönlichkeitszügen (narzisstisch/ängstlich-vermeidend)
(Z73). In Bezug auf den Verlauf hielten die Ärzte fest, die Patientin habe zu
Beginn des stationären Aufenthaltes eine deutliche depressive Symptoma-
tik mit Antriebslosigkeit, Energielosigkeit, Reizempfindlichkeit, Konzentrati-
onsschwierigkeiten und Vergesslichkeit gezeigt. Im Vordergrund der Ein-
zelgespräche hätten die berufliche Situation, familiäre und biographische
C-6779/2015
Seite 14
Themen gestanden. Stark spürbar sei dabei ihre Energielosigkeit und ihr
Gefühl: „Ich bleibe stehen. Ich spüre mich nicht.“ gewesen. Es sei ihr ge-
lungen, sich mit diesen schwierigen Gefühlen auseinanderzusetzen und
Unterstützung anzunehmen. Durch die in den Therapien erlernten Strate-
gien sei es ihr schneller gelungen, wieder aus einer Krise herauszukom-
men. Die Patientin habe die Klinik in einer gestärkten Verfassung verlas-
sen. Die Ärzte bestätigten eine Arbeitsunfähigkeit von 100% bis zum 2. Ap-
ril 2017 (ein Tag nach Austritt aus der Klinik).
6.
Zu prüfen ist im Folgenden, ob sich der medizinische Sacherhalt als genü-
gend abgeklärt erweist und ob die Beschwerdeführerin einen Anspruch auf
eine Rente hat.
6.1 Die Vorinstanz stützte sich hinsichtlich Feststellung des Gesundheits-
zustands im Wesentlichen auf die Feststellungen von Dr. med. C._______,
Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, der weder eine depressive
Störung noch eine Persönlichkeitsveränderung nach Extrembelastung
feststellen konnte und deshalb von einer vollen Arbeitsfähigkeit (mindes-
tens) seit dem Untersuchungsdatum ausging. Die Vorinstanz wich jedoch
von diesen Feststellungen insoweit ab, als sie nicht von einer durchgehend
vollen Arbeitsfähigkeit ausging, sondern für die Zeit vom 1. Januar 2013
bis zur Begutachtung am 26. September 2014 eine Arbeitsfähigkeit von
50% annahm. Sie stützte sich dabei auf die Stellungnahme der RAD-Ärztin
Dr. med. D._______, Fachärztin für Psychiatrie und Neurologie, vom
24. Februar 2015, welche ihre Einschätzung unter Hinweis auf die versi-
cherungsmedizinische Praxis bei mittelgradigen Depressionen abgab.
6.2 Die Beschwerdeführerin machte im Wesentlichen geltend, sie habe an-
lässlich der lediglich einstündigen und einmaligen Exploration bei Dr. med.
C._______ ihre tatsächliche Situation nicht zum Ausdruck bringen können.
Es gehe nicht an, dass eine gutachterlich-psychiatrische Exploration nur
eine Stunde dauere. In einer solch kurzen Zeit sei es nicht möglich, einen
Exploranden adäquat zu erfassen. Im Übrigen habe sich der Gutachter
nicht mit allen Aspekten aus den Vorakten auseinandergesetzt. So habe er
sich namentlich nicht mit der neurotischen Persönlichkeitsproblematik und
der von der behandelnden Ärztin attestierten Traumatisierung befasst.
Ohne weitere Würdigung geblieben sei auch ein allfälliger Zusammenhang
zwischen der Erkrankung und des Umstands, dass die Beschwerdeführe-
rin nicht in der Lage gewesen sei, eine Zwangsräumung ihrer untervermie-
C-6779/2015
Seite 15
teten Wohnung und die Vernichtung ihres gesamten Hausrates zu verhin-
dern. Die behandelnde Ärztin sei besser in der Lage, Aussagen über ihren
Gesundheitszustand zu machen, weshalb auf deren Einschätzung abzu-
stellen und demnach seit Frühjahr/Sommer 2014 von einer langdauernden
eingeschränkten Arbeitsfähigkeit von mindestens 50% auszugehen sei.
Eventualiter sei ein Gerichtsgutachten einzuholen und subeventualiter sei
die Angelegenheit zur weiteren Abklärung des Sachverhalts an die Vor-
instanz zurückzuweisen.
6.3 Zunächst ist darauf hinzuweisen, dass die gutachterlichen Ausführun-
gen zwar eine wichtige Grundlage für die Beurteilung der Zumutbarkeit von
Arbeitsleistungen bilden, es aber keineswegs allein Sache der mit dem
konkreten Einzelfall gutachtlich befassten Arztpersonen ist, selber ab-
schliessend und für die rechtsanwendende Stelle verbindlich zu entschei-
den, ob das medizinisch festgestellte Leiden zu einer andauernden oder
vorübergehenden Arbeitsunfähigkeit in bestimmter Höhe und Ausprägung
führt. Weil die Arbeitsfähigkeit keine rein medizinische, sondern letztlich
auch eine juristische Frage ist, können sich Konstellationen ergeben, bei
welchen von der in einem medizinischen Gutachten festgestellten Arbeits-
unfähigkeit abzuweichen ist, ohne dass dieses seinen Beweiswert verliert
(vgl. BGE 140 V 193 E. 3.2; Urteil des BGer 9C_651/2014 vom 23. Dezem-
ber 2014 E. 5.1). Wenn allerdings MEDAS-Ärzte lege artis begutachten
und unter Berücksichtigung der normativen Vorgaben auf eine erhebliche
Arbeitsunfähigkeit schliessen, ist dem aus rechtlicher Sicht zu folgen, so-
fern die rechtsanwendende Stelle nicht konkrete, fallgebundene Gesichts-
punkte zu nennen vermag, die im Rahmen der Folgenabschätzung eine im
Vergleich zum medizinisch-psychiatrischen Sachverständigen abwei-
chende Ermessensausübung gebieten (vgl. Urteil des BGer 9C_358/2014
vom 21. November 2014 E. 5).
6.4
6.4.1 Der von der Vorinstanz eingeholte Bericht von Dr. med. C._______
vom 29. September 2014 (inkl. Ergänzung vom 27. November 2014)
wurde erstellt, bevor das Bundesgericht am 3. Juni 2015 mit BGE 141 V
281 die Rechtsprechung zum invalidisierenden Charakter pathogenetisch-
ätiologisch unklarer syndromaler Beschwerdebilder ohne nachweisbare
organische Grundlage geändert hat. Mit BGE 141 V 281 hat das Bundes-
gericht die Überwindbarkeitsvermutung aufgegeben und das bisherige Re-
gel-/Ausnahme-Modell durch ein strukturiertes normatives Prüfungsraster
C-6779/2015
Seite 16
ersetzt. In dessen Rahmen wird im Regelfall anhand von auf den funktio-
nellen Schweregrad bezogenen Standardindikatoren das tatsächlich er-
reichbare Leistungsvermögen ergebnisoffen und symmetrisch beurteilt, in-
dem gleichermassen den äusseren Belastungsfaktoren wie den vorhande-
nen Ressourcen Rechnung getragen wird (BGE 141 V 574 E. 4.2 mit Hin-
weisen; Urteil des BGer 9C_534/2015 vom 1. März 2016 E. 2.2 mit Hinwei-
sen). Die Anerkennung eines rentenbegründenden Invaliditätsgrades ist
nur zulässig, wenn die funktionellen Auswirkungen der medizinisch festge-
stellten gesundheitlichen Anspruchsgrundlage im Einzelfall anhand der
Standardindikatoren schlüssig und widerspruchsfrei mit (zumindest) über-
wiegender Wahrscheinlichkeit nachgewiesen sind. Fehlt es daran, hat die
Folgen der Beweislosigkeit die materiell beweisbelastete versicherte Per-
son zu tragen (BGE 141 V 281 E. 6; 141 V 547 E. 2; Urteil des BGer
8C_28/2016 vom 15. April 2016 E. 3.2). Die Durchführung eines struktu-
rierten Beweisverfahrens nach dem festgelegten Prüfungsraster erübrigt
sich, wenn Ausschlussgründe vorliegen, etwa wenn die Leistungsein-
schränkung überwiegend auf Aggravation oder einer ähnlichen Erschei-
nung beruht, welche die Annahme einer gesundheitlichen Beeinträchtigung
von vornherein ausschliessen (BGE 141 V 281 E. 2.2; vgl. Urteile des BGer
9C_549/2015 vom 29. Januar 2016 E. 4.1 und 9C_899/2014 vom 29. Juni
2015 E. 4).
Gemäss altem Verfahrensstandard eingeholte Gutachten verlieren jedoch
nicht per se ihren Beweiswert. Im Rahmen einer gesamthaften Prüfung des
Einzelfalls mit seinen spezifischen Gegebenheiten und den erhobenen Rü-
gen ist entscheidend, ob das abschliessende Abstellen auf die vorhande-
nen Beweisgrundlagen vor Bundesrecht standhält (BGE 137 V 210 E. 6).
In sinngemässer Anwendung auf die materiell-beweisrechtlich geänderten
Anforderungen ist in jedem einzelnen Fall zu prüfen, ob die administrativen
und/oder gerichtlichen Sachverständigengutachten – gegebenenfalls im
Kontext mit weiteren fachärztlichen Berichten – eine schlüssige Beurtei-
lung im Lichte der massgeblichen Indikatoren erlauben oder nicht (BGE
141 V 281 E. 8).
Aus Gründen der Verhältnismässigkeit kann dort von einem strukturierten
Beweisverfahren abgesehen werden, wo es nicht nötig oder auch gar nicht
geeignet ist. Daher bleibt es entbehrlich, wenn im Rahmen beweiswertiger
fachärztlicher Berichte (vgl. BGE 125 V 351) eine Arbeitsunfähigkeit in
nachvollziehbar begründeter Weise verneint wird und allfälligen gegentei-
ligen Einschätzungen mangels fachärztlicher Qualifikation oder aus ande-
ren Gründen kein Beweiswert beigemessen werden kann (vgl. BGE 143 V
C-6779/2015
Seite 17
418 E. 7.1). Namentlich in Fällen, bei denen nach bestehender Aktenlage
überwiegend wahrscheinlich von einer bloss leichtgradigen depressiven
Störung auszugehen ist, die ihrerseits nicht schon als chronifiziert gelten
kann und auch nicht mit Komorbiditäten einhergeht, bedarf es daher in aller
Regel keiner Weiterungen in Form eines strukturierten Beweisverfahrens
(BGE 143 V 409 E. 4.5.3 mit Hinweisen).
6.4.2 Für die Diagnostik psychischer Störungen ist weder im naturwissen-
schaftlichen noch im psychologisch-testtheoretischen Sinn von einer ho-
hen Objektivität auszugehen. Es gibt unterschiedlich hohe, von Studie zu
Studie schwankende Übereinstimmungswerte (bei denen depressive Stö-
rungen z.B. nicht besser abschneiden als andere, z.B. somatoforme Syn-
drome), aber Aussagen, dass bestimmte Typen psychischer Störungen
grundsätzlich besser objektivierbar wären als andere, sind auf dieser
Grundlage nicht haltbar. Die Auswirkungen auf Funktions- und Arbeitsfä-
higkeit sind bei somatoformen/funktionellen Störungen auf dem gleichen
Niveau wie bei depressiven Störungen und bei organisch erklärten Krank-
heiten. Psychische Leiden – und nicht nur somatoforme/funktionelle Stö-
rungen – sind wegen ihres Mangels an objektivierbarem Substrat dem di-
rekten Beweis einer anspruchsbegründenden Arbeitsunfähigkeit nicht zu-
gänglich. Dieser Beweis ist indirekt, behelfsweise, mittels Indikatoren, zu
führen. Da bei sämtlichen psychischen Störungen trotz variierender Präg-
nanz der erhebbaren Befunde im Wesentlichen vergleichbare Beweisprob-
leme bestehen, ist das indikatorengeleitete Beweisverfahren grundsätzlich
auf sie alle anzuwenden. Darum werden fortan auch affektive Störungen,
einschliesslich der leichten bis mittelschweren depressiven Erkrankungen,
dem strukturierten Beweisverfahren unterstellt (Urteil des BGer
8C_130/2017 vom 30. November 2017 E. 7.1 mit Hinweisen, publiziert als
BGE 143 V 418).
6.4.3 Die für die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit erwähnten Indikatoren hat
das Bundesgericht wie folgt systematisiert (BGE 141 V 281 E. 4.1.3): Ka-
tegorie «funktioneller Schweregrad» (E. 4.3) mit den Komplexen «Gesund-
heitsschädigung» (E. 4.3.1; Ausprägung der diagnoserelevanten Befunde
und Symptome; Behandlungs- und Eingliederungserfolg oder -resistenz;
Komorbiditäten), «Persönlichkeit» (Persönlichkeitsentwicklung und -struk-
tur, grundlegende psychische Funktionen [E. 4.3.2]) und «sozialer Kon-
text» (E. 4.3.3) sowie Kategorie «Konsistenz» (Gesichtspunkte des Verhal-
tens [E. 4.4]) mit den Faktoren gleichmässige Einschränkung des Aktivitä-
C-6779/2015
Seite 18
tenniveaus in allen vergleichbaren Lebensbereichen (E. 4.4.1) und be-
handlungs- und eingliederungsanamnestisch ausgewiesener Leidens-
druck (E. 4.4.2).
6.5 Zu klären ist zunächst, ob der begutachtende Psychiater, auf dessen
Einschätzung sich die Vorinstanz im Wesentlichen abgestützt hat, die Di-
agnose rezidivierende depressive Störung, aktuell remittiert, respektive
den Ausschluss der von der behandelnden Ärztin gestellten Diagnosen (re-
zidivierende depressive Störung, gegenwärtig mittelgradige Episode und
Persönlichkeitsveränderung nach Extrembelastung in der Kindheit und im
Erwachsenenalter) den Anforderungen von BGE 141 V 281 entsprechend
so begründet hat, dass die Rechtsanwender nachvollziehen können, ob die
klassifikatorischen Vorgaben tatsächlich eingehalten sind.
Vorweg ist festzuhalten, dass der Gutachter Dr. med. C._______ in Über-
einstimmung mit den Feststellungen der behandelnden Psychiaterin,
Dr. med. B._______, davon ausgeht, dass bei der Beschwerdeführerin
eine rezidivierende depressive Störung vorliegt respektive vorlag. Im Gut-
achtenszeitpunkt konnte er keine psychopathologischen Auffälligkeiten
feststellen, so dass er festhielt, die depressive Störung sei aktuell remittiert.
Die von Dr. med. B._______ diagnostizierte Persönlichkeitsveränderung
nach Extrembelastung in der Kindheit und im Erwachsenenalter konnte er
nicht bestätigen und gab stattdessen an, er vermute eine gewisse neuroti-
sche Persönlichkeitsproblematik. Dr. med. C._______ hielt in Bezug auf
die Arbeitsfähigkeit fest, es sollte der Beschwerdeführerin (mindestens seit
dem Untersuchungsdatum) möglich sein, einer Tätigkeit nachzugehen, in
welcher sie keine Alleinverantwortung übernehmen müsse. Es sei dabei
von keiner weiteren Einschränkung auszugehen. Er begründete dabei
nicht, weshalb die Beschwerdeführerin keine Alleinverantwortung überneh-
men könne und er liess überdies eine Beurteilung der Arbeitsfähigkeit für
die Zeit vor dem Gutachten vermissen. Dazu hielt die RAD-Ärztin
Dr. med. D._______, Fachärztin für Psychiatrie und Neurologie, fest, ver-
sicherungspsychiatrisch könne bei einer mittelgradig depressiven Sympto-
matik praxisgemäss von einer Arbeitsunfähigkeit von 50% ausgegangen
werden und attestierte der Beschwerdeführerin deshalb für die Zeit vom
1. Januar 2013 bis zur Begutachtung eine Arbeitsunfähigkeit von 50%. Sie
wich dabei von der Einschätzung der behandelnden Ärztin (Arbeitsunfähig-
keit 100%) ab, begründete dies jedoch nicht mit Bezug auf die Einschrän-
kungen im konkreten Fall, sondern lediglich mit einem Hinweis auf die ver-
sicherungspsychiatrische Praxis. Keine der ärztlichen Beurteilungen äus-
C-6779/2015
Seite 19
sert sich demnach dazu, welche funktionellen Beeinträchtigungen im Ein-
zelnen durch die depressive Störung resultieren und die Arbeitsfähigkeit
einschränken. Auch fehlt eine Beurteilung des Verlaufs (Längsschnitt ret-
rospektiv), um Aussagen über die zukünftige Entwicklung und Beeinfluss-
barkeit durch therapeutische und/oder rehabilitatitve Interventionen treffen
zu können (vgl. Qualitätsleitlinien für versicherungspsychiatrische Gutach-
ten SGPP/SGVP, Version 16.06.2016 [
/sgpp/fachleute-und-kommissionen/leitlinien/, zuletzt besucht am
6. Juli 2018], Anhang 3, S. 27). Insbesondere die nach Verfügungserlass
erstellten und im Beschwerdeverfahren eingereichten Berichte über einen
teilstationären Aufenthalt in den Kliniken H._______ vom 28. November
2016 bis 6. Januar 2017 und über einen stationären Aufenthalt in der Klinik
G._______ vom 6. März 2017 bis zum 1. April 2017 sowie die Berichte der
langjährig behandelnden Ärztin weisen darauf hin, dass die depressive
Störung bei der Beschwerdeführerin wiederkehrend ist, so dass eine Be-
trachtung des Längsschnittes zwingend notwendig ist, um eine zuverläs-
sige Beurteilung der Arbeitsfähigkeit vornehmen zu können. Bei der von
Dr. med. C._______ abgegebenen Beurteilung handelt es sich lediglich um
eine Momentaufnahme, die den Verlauf ausser Acht lässt, weshalb diese
die gesundheitliche Problematik und deren Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit
nur ungenügend abbildet. Schlüssige medizinische Ausführungen, die eine
zuverlässige Beurteilung der Arbeitsfähigkeit im nunmehr anzuwendenden
strukturierten Beweisverfahren erlauben würden, liegen nicht vor.
Demzufolge hat die Vorinstanz den Sachverhalt ungenügend abgeklärt.
Somit ist es dem Bundesverwaltungsgericht nicht möglich, aufgrund der
vorliegenden Akten mit dem im Sozialversicherungsrecht erforderlichen
Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit zu beurteilen, ob und
gegebenenfalls in welchem Umfang und ab wann ein Anspruch auf Leis-
tungen der Invalidenversicherung besteht. Vielmehr sind dazu weitere psy-
chiatrische Abklärungen respektive Präzisierungen und eine Auseinander-
setzung mit den unterschiedlichen Angaben in den Berichten notwendig.
Ein besonderes Augenmerk ist dabei auf Therapieerfolg oder -resistenz zu
richten.
6.6 Die Beschwerdeführerin beantragte im Rahmen ihrer Beschwerde die
Zusprache der gesetzlichen Leistungen, eventualiter die Einholung eines
Gerichtsgutachtens und subeventualiter die Rückweisung der Sache zur
weiteren Abklärung an die Vorinstanz.
C-6779/2015
Seite 20
6.6.1 Gemäss bundesgerichtlicher Rechtsprechung können die Sozialver-
sicherungsgerichte nicht frei entscheiden, ob sie eine Streitsache zu wei-
teren medizinischen Abklärungen an die Verwaltung zurückweisen. So hat
es erkannt, dass es zwar nicht angebracht ist, in jedem Beschwerdefall auf
der Grundlage eines Gerichtsgutachtens zu urteilen, doch drängt es sich
auf, dass die Beschwerdeinstanz im Regelfall ein Gerichtsgutachten ein-
holt, wenn sie einen medizinischen Sachverhalt überhaupt für gutachterlich
abklärungsbedürftig hält oder wenn eine Administrativexpertise in einem
rechtserheblichen Punkt nicht beweiskräftig ist. Eine Rückweisung an die
IV-Stelle bleibt hingegen möglich, wenn sie allein in der notwendigen Erhe-
bung einer bisher vollständig ungeklärten Frage begründet ist oder wenn
lediglich eine Klarstellung, Präzisierung oder Ergänzung von gutachtlichen
Ausführungen erforderlich ist (BGE 137 V 210 E. 4.4.1 ff.).
6.6.2 Vorliegend erscheint eine Rückweisung der Streitsache an die IVSTA
im Lichte der dargelegten Rechtsprechung aus nachfolgenden Gründen
ausnahmsweise möglich. Zu beachten sind insbesondere die Ausführun-
gen des Bundesgerichts im hiervor zitierten BGE 137 V 210, wonach eine
weitgehende Verlagerung der Expertentätigkeit von der administrativen auf
die gerichtliche Ebene sachlich nicht wünschbar ist. Die Rechtsstaatlichkeit
der Versicherungsdurchführung litte empfindlich und wäre von einem Sub-
stanzverlust bedroht, so das Bundesgericht, wenn die Verwaltung von
vornherein darauf bauen könnte, dass ihre Arbeit in jedem verfügungs-
weise abgeschlossenen Sozialversicherungsfall auf Beschwerde hin
gleichsam gerichtlicher Nachbesserung unterliege. Im Rahmen der de lege
lata gegebenen Organisation dränge es sich vielmehr auf, das drohende
Defizit dort durch gerichtliche Expertisen auszugleichen, wo die Gerichte
bei der Würdigung des Administrativgutachtens im Kontext der gesamten
Aktenlage zum Schluss kommen, weitere Abklärungen seien notwendig
(BGE 137 V 210 E. 4.2).
6.6.3 Hier liegen zwar mehrere vom Bundesverwaltungsgericht zu würdi-
gende Berichte im Recht, die jedoch eine abschliessende Beurteilung der
Arbeitsfähigkeit nicht zulassen. Eine Beurteilung ohne eingehende Diskus-
sion der die Arbeitsfähigkeit beeinflussenden Faktoren und ohne die
Durchführung eines strukturierten Beweisverfahrens ist im vorliegenden
Fall nicht zulässig. Die vorliegende Konstellation hätte zwangsläufig zu ei-
ner Präzisierung der vorhandenen Unterlagen führen müssen. Würde eine
derart mangelhafte Sachverhaltsabklärung respektive -würdigung durch
Einholung eines Gerichtsgutachtens im Beschwerdeverfahren korrigiert,
C-6779/2015
Seite 21
bestünde die Gefahr der unerwünschten Verlagerung der den Durchfüh-
rungsorganen vom Gesetz übertragenen Pflicht, den rechtserheblichen
Sachverhalt nach dem Untersuchungsgrundsatz (Art. 43 Abs. 1 ATSG) ab-
zuklären (so dass gestützt darauf die Verfügung über die in Frage stehende
Leistung ergehen kann), auf das Gericht. Daher und aufgrund dessen,
dass vorliegend aufgrund der Aktenlage der Gesundheitszustand und dem-
nach auch die Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin nicht abschliessend
beurteilt werden kann, ist die Beschwerde gutzuheissen und die Angele-
genheit zur Vervollständigung des medizinischen Sachverhalts an die Vo-
rinstanz zurückzuweisen.
Die Beschwerde ist deshalb gutzuheissen und die Verfügung vom 23. Sep-
tember 2015 ist aufzuheben. Die Sache ist zur Durchführung der notwen-
digen medizinischen Abklärungen und Prüfung des Leistungsanspruchs an
die Vorinstanz zurückzuweisen.
7.
Zu befinden bleibt noch über die Verfahrenskosten und eine allfällige Par-
teientschädigung.
7.1 Die Verfahrenskosten sind bei Streitigkeiten um die Bewilligung oder
die Verweigerung von IV-Leistungen nach dem Verfahrensaufwand und un-
abhängig vom Streitwert im Rahmen von 200-1'000 Franken festzulegen
(Art. 69 Abs. 1bis IVG). Die Verfahrenskosten werden in der Regel der un-
terliegenden Partei auferlegt (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Die Rückweisung der
Sache an die Verwaltung zu erneuter Abklärung und neuer Verfügung gilt
im Sozialversicherungsrecht praxisgemäss als volles Obsiegen der Be-
schwerde führenden Partei (BGE 137 V 210 E. 7.1 und 132 V 215 E. 6).
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind der Beschwerdeführerin keine
Kosten aufzuerlegen. Einer unterliegenden Vorinstanz sind gemäss Art. 63
Abs. 2 VwVG ebenso wenig Verfahrenskosten aufzuerlegen.
7.2 Die Beschwerdeinstanz kann der ganz oder teilweise obsiegenden
Partei von Amtes wegen oder auf Begehren eine Entschädigung für ihr er-
wachsene notwendige und verhältnismässig hohe Kosten zusprechen
(Art. 64 Abs. 1 VwVG in Verbindung mit Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom
21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes-
verwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Die Parteientschädigung um-
fasst die Kosten der Vertretung sowie allfällige weitere notwendige Ausla-
gen der Partei (Art. 8 VGKE). Die Beschwerdeführerin war im vorliegenden
C-6779/2015
Seite 22
Verfahren anwaltlich vertreten, weshalb ihr zu Lasten der unterliegenden
Vorinstanz eine Parteientschädigung zuzusprechen ist.
Die Vertreterin der Beschwerdeführerin macht mit den eingereichten Ho-
norarnoten vom 7. April 2016 (Beilage zu BVGer-act. 13) und vom 6. März
2018 (Beilage zu BVGer-act. 26) einen Aufwand von insgesamt
Fr. 5‘072.05 (entsprechend 18 Stunden 35 Minuten à Fr. 250.-/Stunde zu-
züglich Auslagen von Fr. 271.70 und Mehrwertsteuer) geltend. Der hier an-
gegebene Zeitaufwand erscheint für den vorliegenden Fall mit Blick auf den
mittelgrossen Umfang der Akten, des durchgeführten doppelten Schriften-
wechsels und der zusätzlich eingeholten Stellungnahme zu einer allfälligen
reformatio in peius und der in der Rechtsprechung geführten Diskussion
grundsätzlich als angemessen. Nicht als für das Beschwerdeverfahren not-
wendig zu erachten ist jedoch jeglicher Aufwand im Zusammenhang mit
Kommunikation mit der SAK (vgl. Bemühungen vom 28. Oktober 2015,
4. November und 11. Dezember 2015) und der Sozialhilfebehörde (vgl. Be-
mühungen vom 7. und 16. November 2017). Vom geltend gemachten Zeit-
aufwand von 18 Stunden und 35 Minuten ist deshalb eine Stunde abzuzie-
hen und eine Entschädigung für einen Zeitaufwand von 17 Stunden und
35 Minuten zuzusprechen. In Bezug auf die geltend gemachten Auslagen
für Fotokopien ist festzuhalten, dass gemäss Art. 11 Abs. 4 VGKE für Fo-
tokopien lediglich Fr. 0.50 pro Seite verrechnet werden dürfen. Da vorlie-
gend jeweils mit Fr. 1.- pro Seite gerechnet wurde, ist der Gesamtbetrag
von Fr. 183.- entsprechend zu kürzen. Für im Ausland wohnende Perso-
nen, welche die Dienste eines in der Schweiz ansässigen Rechtsvertreters
in Anspruch nehmen, ist keine Mehrwertsteuer geschuldet (vgl. Art. 1 Abs.
2 lit. a des Bundesgesetzes vom 2. September 1999 über die Mehrwert-
steuer [MWSTG, SR 641.20] i.V.m. Art. 8 Abs. 1 MWSTG und Art. 9 Abs. 1
lit. c VGKE). Die Beschwerdeführerin hatte bis und mit 11. Februar 2016
Wohnsitz in Deutschland und zog danach in die Schweiz (vgl. Bescheini-
gung über die erfolgte Anmeldung des Einwohneramts J._______ vom
23. Februar 2016; Beilage 2 zu BVGer-act. 9). Es sind somit lediglich die
seit 12. Februar 2016 erbrachten Dienstleistungen der Rechtsvertreterin
mehrwertsteuerpflichtig. Demnach ist folgende Berechnung anzustellen:
Vom 19. Oktober 2015 bis zum 25. Januar 2016 ist ein Stundenaufwand
von 8 Stunden 25 Minuten à Fr. 250.- (= Fr. 2‘104.20) zuzüglich Auslagen
von Fr. 38.80 und 96 Kopien à Fr. 0.50 (= Fr. 48.-) ohne Mehrwertsteuer-
zuschlag zu berücksichtigen (Zwischentotal 1 Fr. 2‘191.-, vgl. Honorarnote
Nr. 2911 und Leistungsjournal vom 7. April 2016). Vom 17. Februar 2016
bis zum 7. April 2016 liegt ein anrechenbarer Stundenaufwand von 2 Stun-
den 20 Minuten à Fr. 250.- (= Fr. 583.25) und Auslagen von Fr. 9.- sowie
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Seite 23
17 Kopien à Fr. 0.50 (= Fr. 8.50) zuzüglich Mehrwertsteuer von 8% vor
(Zwischentotal 2 Fr. 648.80, vgl. Honorarnote Nr. 2911 und Leistungsjour-
nal vom 7. April 2016). Vom 7. April 2016 bis zum 21. Dezember 2017 liegt
ein anrechenbarer Stundenaufwand von 5 Stunden 45 Minuten à
Fr. 250.- (= Fr. 1‘437.50) und Auslagen von Fr. 31.60.- sowie 30 Kopien à
Fr. 0.50 (= Fr. 15.-) zuzüglich Mehrwertsteuer von 8% vor (Zwischentotal 3
Fr. 1‘602.80, vgl. Honorarnote Nr. 3683 und Leistungsjournal vom 6. März
2018). Schliesslich sind gemäss Honorarnote Nr. 3684 vom 6. März 2018
für die Zeit vom 8. Januar 2018 bis zum 6. März 2018 ein Stundenaufwand
von 1 Stunde 5 Minuten (= Fr. 270.75) zuzüglich Auslagen von 9.30 und
40 Fotokopien à Fr. 0.50 (= Fr. 20.-) zuzüglich Mehrwertsteuer in der Höhe
von 7,7% zu berücksichtigen (Zwischentotal 4 Fr. 323.15). Die Addition der
Zwischentotale 1-4 ergibt somit eine Parteientschädigung von insgesamt
Fr. 4‘765.75, die von der Vorinstanz zu leisten ist.
Der unterliegenden Vorinstanz ist keine Parteientschädigung zuzuspre-
chen (Art. 64 Abs. 1 VwVG e contrario).
C-6779/2015
Seite 24
Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht:
1.
Die Beschwerde wird in dem Sinn gutgeheissen, dass die angefochtene
Verfügung vom 23. September 2015 aufgehoben und die Sache an die Vor-
instanz zurückgewiesen wird, damit diese im Sinne der Erwägungen den
Sachverhalt ergänzt und über den Anspruch der Beschwerdeführerin er-
neut verfügt.
2.
Es werden keine Verfahrenskosten erhoben.
3.
Der Beschwerdeführerin wird zu Lasten der Vorinstanz eine Parteientschä-
digung von Fr. 4‘765.75 zugesprochen.
4.
Dieses Urteil geht an:
– die Beschwerdeführerin (Gerichtsurkunde)
– die Vorinstanz (Ref-Nr. […]; Einschreiben)
– das Bundesamt für Sozialversicherungen (Einschreiben)
Für die Rechtsmittelbelehrung wird auf die nächste Seite verwiesen.
Der vorsitzende Richter: Die Gerichtsschreiberin:
Michael Peterli Sandra Tibis
C-6779/2015
Seite 25
Rechtsmittelbelehrung:
Gegen diesen Entscheid kann innert 30 Tagen nach Eröffnung beim Bun-
desgericht, Schweizerhofquai 6, 6004 Luzern, Beschwerde in öffentlich-
rechtlichen Angelegenheiten geführt werden (Art. 82 ff., 90 ff. und 100
BGG). Die Rechtsschrift ist in einer Amtssprache abzufassen und hat die
Begehren, deren Begründung mit Angabe der Beweismittel und die Unter-
schrift zu enthalten. Der angefochtene Entscheid und die Beweismittel
sind, soweit sie der Beschwerdeführer in Händen hat, beizulegen (Art. 42
BGG).
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