B u n d e s v e rw a l t u ng s g e r i ch t
T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l
T r i b u n a l e am m in i s t r a t i vo f e d e r a l e
T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l
Abteilung IV
D-2262/2015
Ur t e i l vom 9 . Augu s t 2 0 1 6
Besetzung
Einzelrichter Fulvio Haefeli,
mit Zustimmung von Richter Gérald Bovier;
Gerichtsschreiber Gert Winter.
Parteien
A._______, geboren am (…),
dessen Ehefrau
B._______, geboren am (…),
und deren Kind
C._______, geboren am (…),
Türkei,
vertreten durch lic. iur. Ismet Bardakci, Fürsprecher,
(…),
Beschwerdeführende,
gegen
Staatssekretariat für Migration (SEM),
Quellenweg 6, 3003 Bern,
Vorinstanz.
Gegenstand
Asyl (ohne Wegweisung);
Verfügung des SEM vom 9. März 2015 / N (…).
D-2262/2015
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Sachverhalt:
A.
A.a Am 11. April 2011 reichte der Beschwerdeführer ein Asylgesuch im
Empfangs- und Verfahrenszentrum (EVZ) M._______ ein. Zur Begründung
seines Asylgesuchs machte er anlässlich der Befragung vom 14. April 2011
zur Person (BzP) im EVZ M._______ sowie der Anhörungen vom 2. Juli
2012 und 25. November 2014 durch das SEM im Wesentlichen geltend, er
sei alewitischer Türke, stamme aus N._______ (Istanbul) und sei am (…)
2006 spätabends in N._______ von der Gendarmerie festgenommen wor-
den. Man habe ihm fälschlicherweise vorgeworfen, an einer Newroz-Kund-
gebung und auch an den darauffolgenden gewaltsamen Ausschreitungen
teilgenommen zu haben. Nach zweitägiger Untersuchungshaft sei er am
23. März 2006 vor Gericht gestellt worden. Trotz fehlender Beweise habe
er die folgenden Tage im Gefängnis zubringen müssen. Am 18. Juni 2006
sei er nach einer Gerichtsvorführung freigelassen worden. Im Jahre 2006
oder 2007 sei er in den Militärdienst eingerückt. Während seiner Militärzeit
habe man ihm ein Delikt (Brandstiftung) unterstellt. Im Jahre 2008, eine
Woche nach der Rückkehr aus dem Militärdienst, sei er dem zuständigen
Gericht in Istanbul vorgeführt worden. Als er die Begehung der ihm vorge-
worfenen Delikte bestritten habe, sei das Verfahren vertagt worden.
Schliesslich sei er wegen verschiedener Straftaten zu einer Freiheitsstrafe
von 12 Jahren und 6 Monaten verurteilt worden, unter anderem wegen Mit-
gliedschaft in einer illegalen Organisation zu 6 Jahren und 3 Monaten. Spä-
ter sei dieses Urteil teilweise kassiert worden.
A.b Die Beschwerdeführerin reichte am 16. Oktober 2013 im EVZ
M._______ ein Asylgesuch ein, das sie am 21. Oktober 2013 anlässlich
der BzP sowie der Direktanhörung vom 17. Dezember 2013 im Wesentli-
chen damit begründete, sie habe in Istanbul ihren jetzigen Ehemann ken-
nengelernt. Als die Sicherheitsbehörden begonnen hätten, ihren Ehemann
zu verfolgen, habe sich dies auf ihre Psyche negativ ausgewirkt. Nachdem
ihr Ehemann ins Ausland geflohen sei, hätten Sicherheitskräfte bei ihr
mehrmals eine Hausdurchsuchung vorgenommen. Die letzte Razzia habe
im Frühling 2013 stattgefunden. Sie habe von Deutschland ein Schengen-
Visum erhalten und sei in der Folge nach Deutschland geflogen und später
in die Schweiz weitergereist, um endlich wieder mit ihrem Ehemann zu-
sammenleben zu können.
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Seite 3
A.c Zur Untermauerung ihrer Vorbringen reichten die Beschwerdeführen-
den diverse Beweismittel zu den Akten, darunter unter anderem den Ge-
richtsentscheid vom (…), in dem der Beschwerdeführer zu einer hohen
Freiheitsstrafe verurteilt worden ist, eine Berufungsschrift seiner Rechtsan-
wältin, das Urteil des Kassationsgerichts vom (…) sowie ärztliche Berichte.
B.
B.a Mit Verfügung vom 9. März 2015 – eröffnet am folgenden Tag – stellte
das SEM die Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers fest, bezog
die Beschwerdeführerin in die Flüchtlingseigenschaft ihres Ehemannes ein
und lehnte ihre Asylgesuche ab, ordnete ihre Wegweisung aus der Schweiz
an, stellte fest, die Wegweisung der Beschwerdeführenden werde zurzeit
wegen Unzulässigkeit nicht vollzogen und schob den Vollzug der Wegwei-
sung zu Gunsten einer vorläufigen Aufnahme auf.
B.b Die Vorinstanz machte zur Begründung ihres Entscheids im Wesentli-
chen geltend, der Beschwerdeführer sei nach seiner Teilnahme an einer
gewalttätigen Kundgebung vom (…) 2006 wegen Mitgliedschaft bei der il-
legalen politischen Organisation TKP/ML-TIKKO von einem Strafgericht in
Istanbul am (…) zu einer Freiheitsstrafe von sechs Jahren und drei Mona-
ten verurteilt worden. In besagtem Urteil seien ihm weitere Delikte (Sach-
beschädigung, Molotow-Cocktails) zur Last gelegt worden. Hiefür habe das
Gericht eine zusätzliche Strafe ausgesprochen (Totalstrafe: zwölf Jahre
und sechs Monate). Mit Urteil vom 24. Oktober 2013 habe das Kassations-
gericht in Bezug auf die gemeinrechtlichen Delikte das Urteil bestätigt. Hin-
gegen habe es das Urteil hinsichtlich der politischen Vergehen an die Vor-
instanz zurückgewiesen. Das Kassationsgericht habe wegen einer Geset-
zesrevision vom Juli 2012, welche mildere Strafen vorsehe, eine Neubeur-
teilung der rechtlichen Situation verlangt. Im Falle des Beschwerdeführers
könne die Freiheitsstrafe um die Hälfte reduziert werden. Dennoch verblie-
ben nunmehr rund drei Jahre zur Verbüssung. Bei einer Rückkehr in die
Türkei habe er angesichts der Aktenlage zu gewärtigen, zwecks Verbüs-
sung einer Freiheitsstrafe früher oder später festgenommen zu werden.
Diese Strafe ziele auch auf Eigenschaften ab, welche von Art. 3 AsylG
(SR 142.31) geschützt würden. Das Urteil enthalte folglich einen Polit-Ma-
lus. Seine Furcht vor Verfolgung sei daher als begründet im Sinne von
Art. 3 Abs. 1 und 2 AsylG einzustufen. Er erfülle daher die Flüchtlingsei-
genschaft.
B.c Flüchtlingen werde indessen kein Asyl gewährt, wenn sie wegen ver-
werflicher Handlungen dessen unwürdig seien oder wenn sie die innere
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Seite 4
oder äussere Sicherheit der Schweiz verletzten oder gefährdeten. Im Straf-
urteil werde festgehalten, dass der Beschwerdeführer am (…) 2006 einer
Demonstrationsgruppe angehört habe, welche Slogans skandiert und den
Verkehr zum Erliegen gebracht habe. Nach einiger Zeit hätten Sicherheits-
kräfte die Gruppe aufgefordert, sich aufzulösen. Als Reaktion darauf hätten
die Demonstranten damit begonnen, mit Pflastersteinen und Molotow-
Cocktails die gepanzerten Fahrzeuge der Sicherheitskräfte zu bewerfen.
Auch gegen die Sicherheitskräfte sei Gewalt angewendet worden. So
seien Steine gegen die Sicherheitskräfte geworfen worden. Ausserdem
seien die Fahrzeuge weiter beschädigt worden. Der Beschwerdeführer
habe zusammen mit zwei weiteren Männern die Menschenmenge während
der Vorfälle dirigiert. Das dem Beschwerdeführer von den heimatlichen
Strafbehörden zur Last gelegte Verhalten sei auch in der Schweiz straf-
rechtlich relevant. Folgende Straftatbestände fielen wohl am ehesten in Be-
tracht: Art. 129 (Gefährdung des Lebens), Art. 221 (Brandstiftung), Art. 223
(Verursachung einer Explosion), Art. 259 (öffentliche Aufforderung zu Ver-
brechen oder Gewalttätigkeit) sowie Art. 260 (Landfriedensbruch). Mehrere
dieser Strafbestimmungen, nämlich die Art. 129, 221 und 223 fielen unter
den Verbrechensbegriff. Folglich habe der Beschwerdeführer gemäss den
heimatlichen Strafakten verwerfliche Handlungen begangen.
Er habe jedoch – wie bereits im heimatlichen Strafverfahren – behauptet,
er sei an besagtem Termin gar nicht an dieser Newroz-Kundgebung anwe-
send gewesen und habe somit auch nicht an den nachfolgenden Aus-
schreitungen teilnehmen können. Es bestünden auch keine Beweismittel
für eine Verurteilung und es müsse sich um ein Komplott der Sicherheits-
kräfte handeln. Dies, weil er zu den Alewiten gehöre, von denen viele in
seinem Wohnquartier lebten. Auch sei wohl bekannt, dass er ein demokra-
tischer Mensch sei, an Kundgebungen wie dem 8. März oder dem 1. Mai
teilgenommen und sich dort für die Rechte der Frauen und Arbeiter einge-
setzt habe.
Diesen Einwänden des Beschwerdeführers sei wie folgt zu begegnen: In
den Strafurteilen seien die aufgelegten Beweismittel angegeben. Erwähnt
würden Aussagen von drei Sicherheitsbeamten, Fotos zur Täteridentifika-
tion und Tatortprotokolle. Sodann dürfte zu seiner Festnahme in seinem
Wohnquartier nicht so sehr der Umstand geführt haben, dass er Alewit sei
und in einem von Minderheiten geprägten Quartier wohnen würde, sondern
vielmehr die Tatsache, dass die mit gewaltsamen Ausschreitungen en-
dende Demonstration eben in seinem Wohnquartier stattgefunden habe.
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Überdies habe er in der Anhörung geltend gemacht, er sei damals zwi-
schen 22.00 und 23.00 Uhr verhaftet worden. Zwischen der angeblichen
Aktion und der Festnahme seien circa drei Stunden vergangen. Es er-
staune nicht wenig, dass er angeben könne, wann die "Aktion" (Demon-
stration mit anschliessenden Ausschreitungen) stattgefunden habe, ob-
wohl er gar nicht dabei gewesen sein wolle. Ausserdem dürfte es ab Ende
der Kundgebung bis zu seiner Festnahme bedeutend weniger lang als die
von ihm angegebenen rund drei Stunden gedauert haben. Wie bereits er-
wähnt, habe man ihn zwischen 22.00 und 23.00 Uhr festgenommen. Im
Urteil werde jedoch die Tatzeit für die Delikte mit 20.00 bis 22.00 Uhr an-
gegeben. Schliesslich könne seine anfängliche Schilderung in der ergän-
zenden Anhörung auch dahingehend verstanden werden, dass er damit
angetönt habe, an der Kundgebung dabei gewesen zu sein. So habe er
wörtlich vorgetragen: "Als sie mich verhaftet haben, war ich 19 Jahre alt.
Das war für mich das erste Ereignis und ich bin inhaftiert worden". Schliess-
lich spreche auch seine Angabe, vor dem (…) 2006 habe er nie Probleme
mit den Behörden gehabt, gegen die von ihm angeführte Komplott-These.
Wäre er nämlich den Sicherheitskräften schon früher negativ aufgefallen,
so wären diese wohl schon früher gegen ihn vorgegangen, was ihm schon
damals Probleme hätte bereiten dürfen. Eine Würdigung der Aktenlage
führe nach dem Gesagten zum Schluss, dass seine Behauptung, er habe
die ihm in den heimatlichen Strafakten zur Last gelegten Taten nicht be-
gangen, als unglaubhaft zu taxieren sei.
Bei der Beurteilung der Asylunwürdigkeit sei der Grundsatz der Verhältnis-
mässigkeit zu beachten. Dies bedinge eine verhältnismässige Anwendung
von Art. 53 AsylG im Hinblick auf das begangene Delikt, die Umstände und
die seither vergangene Zeit. Zwar seien seit der Tatbegehung mittlerweile
beinahe neun Jahre vergangen. Auch habe er in der Zwischenzeit gehei-
ratet und plane, eine Familie zu gründen. Diesen an und für sich positiven
Aspekten seien folgende negative Punkte gegenüberzustellen: Es müsse
festgehalten werden, dass er Mitglied einer Gruppe von Demonstranten
gewesen sei, welche Gewalttaten begangen hätten. Dabei seien nicht nur
Fahrzeuge beschädigt, sondern auch Menschenleben gefährdet worden.
Zudem habe er die gegen ihn ausgesprochene Freiheitsstrafe nicht ver-
büssen müssen. Schliesslich halte er auch den Asylbehörden gegenüber
immer noch daran fest, dass er damals gar nicht an einer Demonstration
teilgenommen habe. Wegen seines Aussageverhaltens bleibe das Motiv
für seinen damaligen Aktivismus ungeklärt. Bei der Asylunwürdigkeit sei
sodann noch zu beachten, dass die Auswirkungen der Anwendung von
Art. 53 AsylG insofern weniger schwerwiegend seien, als der Flüchtling vor
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Seite 6
einer Rückschiebung in den Verfolgerstaat geschützt sei. Weiter sei darauf
hinzuweisen, dass ein Asylausschluss keine Strafe im strafrechtlichen
Sinne und somit eine milde Massnahme darstelle. Auch diese Umstände
gelte es im Rahmen der Verhältnismässigkeitsprüfung zu berücksichtigen.
Eine Gesamtwürdigung führe zum Schluss, dass im vorliegenden Fall die
Anwendung der Bestimmungen von Art. 53 AsylG als angemessen zu ta-
xieren sei.
Abschliessend bleibe festzuhalten, dass die Asylvorbringen der Beschwer-
deführerin der Asylrelevanz entbehrten. Die von ihr geschilderten Haus-
durchsuchungen stellten zwar unangenehme Eingriffe in ihre Privatsphäre
dar. Andererseits habe sie jedoch nicht erwähnt, dass sie dabei irgendwel-
chen Übergriffen ausgesetzt gewesen wäre.
Der Beschwerdeführer erfülle zwar die Flüchtlingseigenschaft. Sein Asyl-
gesuch müsse jedoch aus den oben dargelegten Gründen abgelehnt wer-
den. Gestützt auf den Grundsatz der Einheit der Familie werde die Be-
schwerdeführerin ebenfalls als Flüchtling anerkannt.
C.
C.a Mit Eingabe vom 9. April 2015 liessen die Beschwerdeführenden ge-
gen diese Verfügung Beschwerde anheben und die nachfolgend aufgeführ-
ten Rechtsbegehren stellen: Die Verfügung des SEM vom 9. März 2015 sei
aufzuheben, soweit nicht die Zuerkennung der Flüchtlingseigenschaft des
Beschwerdeführers betreffend. Den Beschwerdeführenden sei für das Be-
schwerdeverfahren die unentgeltliche Rechtspflege und unentgeltliche
Rechtsverbeiständung zu gewähren.
C.b Die Beschwerdeführenden machen zur Begründung ihrer Beschwer-
debegehren im Wesentlichen geltend, der Beschwerdeführer habe anläss-
lich seiner Befragungen glaubhaft dargelegt, dass er sich weder am New-
rozfest beteiligt noch Molotowcocktails getragen oder an Dritte weitergege-
ben habe. Er gehe von einem Komplott gegen ihn aus, weil er sich als Ale-
wit für die Rechte der Unterdrückten der Gesellschaft eingesetzt habe.
Auch im türkischen Strafverfahren habe er mit Vehemenz bestritten, etwas
mit den ihm vorgeworfenen Straftaten zu tun gehabt zu haben. Die Mitan-
geklagten hätten ihn ebenfalls nicht belastet. Es habe auch sonst keine
Beweise gegeben. Nur die Polizisten hätten mit falschen Aussagen in all-
gemeiner Weise alle Verhafteten beschuldigt. Deshalb habe der türkische
Kassationshof das Urteil kassiert.
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Im Übrigen hätten sich gemäss einem Bericht vom 1. November 2010 von
Human Rights Watch die Gerichte bei der Strafverfolgung von Demon-
stranten auf weit gefasste Terrorismusparagraphen, die neu in das türki-
sche StGB von 2005 eingefügt worden seien und auf einzelne Fälle beru-
fen, um Demonstranten zu verfolgen. Die Gerichte seien zum Schluss ge-
kommen, schon allein die Anwesenheit bei einer Demonstration, zu deren
Teilnahme die PKK aufgerufen habe, komme einem Handeln auf Anord-
nung der PKK gleich. Demonstranten erhielten selbst dann hohe Strafen
für terroristische Handlungen, wenn ihr Vergehen lediglich darin bestanden
habe, das Victory-Zeichen zu machen, Beifall zu klatschen, PKK-Parolen
zu rufen, Steine zu werfen oder Reifen in Brand zu setzen.
Im Zusammenhang mit der Frage der Verhältnismässigkeit sei davon aus-
zugehen, es gehe um ein politisches Delikt. Es sei zu berücksichtigen, dass
seit dem Vorfall neun Jahre vergangen seien. Der Beschwerdeführer habe
seither geheiratet und werde bald Vater. Die dem Beschwerdeführer vor-
geworfene Handlung, Tragen eines gefährlichen Gegenstands, wäre in der
Schweiz wohl mit einem Strafbefehl geahndet worden. Die Straftat wäre
ohnehin längstens verjährt.
D.
D.a Mit Zwischenverfügung vom 20. April 2015 lehnte der Instruktionsrich-
ter des Bundesverwaltungsgerichts das Gesuch um Gewährung der unent-
geltlichen Rechtspflege für die Verfahrenskosten und um Bestellung eines
amtlichen Rechtsbeistands ab und forderte die Beschwerdeführenden auf,
bis zum 5. Mai 2015 einen Kostenvorschuss von Fr. 600.– zu Gunsten der
Gerichtskasse zu überweisen.
D.b Mit Eingabe vom 28. April 2015 liessen die Beschwerdeführenden ein
Ausstandsbegehren gegen den Instruktionsrichter sowie die nachfolgend
aufgeführten Rechtsbegehren stellen: Die Zwischenverfügung vom 20. Ap-
ril 2015 sei aufzuheben. Die Gesuche um Gewährung der unentgeltlichen
Rechtspflege sowie um Bestellung eines amtlichen Rechtsbeistands im
Beschwerdeverfahren seien gutzuheissen. Die Akten des Beschwerdever-
fahrens D-2262/2015 seien beizuziehen. Im Gesuchsverfahren sei den Be-
schwerdeführenden die unentgeltliche Rechtspflege und Rechtsvertretung
zu gewähren.
D.c Die Beschwerdeführenden leisteten den im Beschwerdeverfahren
D-2262/2015 einverlangten Kostenvorschuss am 4. Mai 2015.
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D.d Mit Urteil vom 22. Juli 2015 wies das Bundesverwaltungsgericht das
Ausstandsbegehren ab, überwies die Akten zur Weiterführung des Verfah-
rens D-2262/2015 dem bisherigen Instruktionsrichter Fulvio Haefeli, wies
das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege im Sinne
von Art. 65 Abs. 1 und 2 VwVG ab und auferlegte die Kosten des Aus-
standsverfahrens von Fr. 600.– den Beschwerdeführenden.
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche
Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb
das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht. Die
Beschwerdeführenden haben am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom-
men, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und haben
ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung. Sie sind daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
und 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die
Beschwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterlicher
Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise ei-
ner zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Wie nachste-
hend aufgezeigt, handelt es sich vorliegend um eine solche, weshalb der
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Beschwerdeentscheid nur summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2
AsylG).
Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde vorliegend auf die Durchführung
eines Schriftenwechsels verzichtet.
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl.
4.2 Gemäss Art. 53 AsylG wird unter dem Titel Asylunwürdigkeit Flüchtlin-
gen dann kein Asyl gewährt, wenn sie wegen verwerflicher Handlungen
dessen unwürdig sind oder wenn sie die innere oder äussere Sicherheit
der Schweiz verletzt haben oder gefährden.
5.
5.1 Gemäss Art. 53 AsylG bedingt die Asylunwürdigkeit – unter anderem –
die Begehung einer verwerflichen Handlung, wobei darunter diejenigen
Delikte zu subsumieren sind, welche gemäss allgemeinem Teil des schwei-
zerischen Strafgesetzbuches als "Verbrechen" (vgl. Art. 10 Abs. 2 StGB;
abstrakte Höchststrafe von mehr als drei Jahren Freiheitsstrafe) gelten,
wobei es irrelevant ist, ob die verwerfliche Handlung als rein gemeinrecht-
liches oder aber als politisches Delikt einzustufen ist (vgl. BVGE 2011/29
E. 9.2.2 S. 564, 2011/10 E. 6 S. 131, jeweils mit weiteren Hinweisen).
Hinsichtlich des anzuwendenden Beweismasses ist bei Straftaten, die im
Ausland begangen wurden, kein strikter Nachweis erforderlich. Es genügt
die aus schwerwiegenden Gründen gerechtfertigte Annahme, das heisst
die überwiegende Wahrscheinlichkeit, dass sich die betroffene Person ei-
ner Straftat im erwähnten Sinne schuldig gemacht hat. Dabei ist von einer
pauschalen Betrachtungsweise Abstand zu nehmen und der individuelle
Tatbeitrag − zu welchem die Schwere der Tat und der persönliche Anteil
am Tatentscheid wie auch das Motiv des Täters und allfällige Rechtferti-
gungs- oder Schuldminderungsgründe zu zählen sind − zu ermitteln. Ein
entsprechender Tatbeitrag, der zum Ausschluss von der Asylgewährung
führt, kann zum einen in unmittelbarer Täterschaft erfolgt sein. Zum ande-
ren ist auch nach einer Tatbeteiligung und einer mittelbaren Täterschaft zu
fragen, die sich aus einer Verantwortung für Handlungen Dritter aufgrund
einer entsprechenden Befehlsgewalt ergeben kann (vgl. diesbezüglich das
Urteil des Bundesverwaltungsgerichts D-4291/2012 vom 26. Juli 2013
E. 5.3 mit weiteren Hinweisen).
D-2262/2015
Seite 10
Liegt eine entsprechende Delinquenz vor, ist ausserdem zu prüfen, ob die
Rechtsfolge des Asylausschlusses auch eine verhältnismässige Mass-
nahme darstellt. Dabei ist vorab in Betracht zu ziehen, wie lange die Tat
bereits zurückliegt, wobei auf die Verjährungsbestimmungen des Straf-
rechts verwiesen wird. Ebenso haben das Alter im Zeitpunkt der Tatbege-
hung sowie eine allfällige Veränderung der Lebensverhältnisse nach der
Tat Einfluss auf die diesbezügliche Entscheidfindung (vgl. BVGE 2011/10
E. 6 S. 132 mit weiteren Hinweisen).
Nach Würdigung der Akten kommt das Bundesverwaltungsgericht vorlie-
gend zum Schluss, dass die Vorinstanz die Asylunwürdigkeit des Be-
schwerdeführers zu Recht festgestellt hat, zumal seine sinngemässe Be-
hauptung, die türkischen Behörden hätten ein Komplott gegen ihn ge-
schmiedet und die Urteile beruhten lediglich auf falschen Anschuldigungen,
selbst im türkischen Kontext etwas wirklichkeitsfremd erscheint. Jedenfalls
ist nicht einfach aufgrund von Behauptungen des Beschwerdeführers da-
von auszugehen, die türkische Polizei spiele ihm übel mit, weil er Alewit sei
und sich als vorbildlicher Demokrat für die Mühseligen und Beladenen, ins-
besondere für die Rechte der Unterdrückten der Gesellschaft – der Frauen
und Arbeiter – eingesetzt habe. Demgegenüber kann dem Beschwerdefüh-
rer ohne Weiteres geglaubt werden, dass er schon im türkischen Strafver-
fahren mit Vehemenz bestritten hat, etwas mit den ihm vorgeworfenen
Straftaten zu tun zu haben, dies nicht zuletzt deshalb, weil es sich auch
aus den Gerichtsakten ergibt; insoweit ist im Aussageverhalten des Be-
schwerdeführers in Bezug auf das Leugnen seiner strafrechtlichen Verant-
wortlichkeit eine ungebrochene Kontinuität festzustellen. Trotzdem vermö-
gen seine Beschwerdevorbringen mangels Plausibilität nicht zu überzeu-
gen. Auch nach türkischem Strafrecht können nämlich nur Straftaten sank-
tioniert werden, welche einem Angeschuldigten nachgewiesen werden.
Entgegen den Behauptungen in der Beschwerde beruhen die Urteile nicht
nur auf den Aussagen dreier Polizisten, sondern auch auf Fotos zur Tä-
teridentifikation, einem Datenträger (CD) sowie Tatortprotokollen. Wie der
Beschwerdeführer selbst dargetan hat, hatte er vor dem (…) 2006 keinerlei
Probleme mit den Behörden seines Heimatstaats (vgl. A2/9 Ziff. 15 S. 5).
Es ist deshalb nicht plausibel, dass die Behörden im Anschluss an zwei-
stündige, gewalttätige Ausschreitungen einer vergleichsweise kleinen Per-
sonengruppe einen völlig Unbeteiligten, noch dazu ein unbeschriebenes
Blatt, hätten festnehmen sollen, weil dieser Alewit sei. Nach dem Gesagten
ist vielmehr davon auszugehen, dass die türkischen Strafverfolgungsbe-
hörden im Falle des Beschwerdeführers den relevanten Sachverhalt im
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Seite 11
Wesentlichen korrekt ermittelt haben. Das ihm nachgewiesene Verhalten
wäre entgegen der Darstellung in der Beschwerdeschrift auch nach
schweizerischem Recht strafrechtlich relevant gewesen. Dabei hätte der
Beschwerdeführer mehrere Straftatbestände, die unter den Verbrechens-
begriff fallen, erfüllt. Zur Vermeidung von Wiederholungen kann in diesem
Zusammenhang auf die zutreffenden Erwägungen auf Seite 4 der ange-
fochtenen Verfügung verwiesen werden. Dementsprechend wäre der Be-
schwerdeführer, entgegen der Behauptung in der Beschwerdeschrift, in der
Schweiz bei gleicher Sachlage nicht nur wegen „Tragens eines gefährli-
chen Gegenstands“ zu bestrafen gewesen.
Sodann stellt der von der Vorinstanz angeordnete Asylausschluss auch
eine verhältnismässige Massnahme dar, obwohl die Straftaten mittlerweile
bereits zehn Jahre zurückliegen und der Beschwerdeführer in der Zwi-
schenzeit geheiratet und eine Familie gegründet hat. Demgegenüber sind
die schwer wiegenden Straftaten des Beschwerdeführers, die Mitglied-
schaft in einer Gruppe gewalttätiger Demonstranten, das Mitbringen und
die Weitergabe von Molotov-Cocktails, die damit verbundene Gefährdung
von Menschenleben, die Sachbeschädigungen und die Verantwortung des
Beschwerdeführers, der den Aufzeichnungen zufolge als einer der Rädels-
führer in Erscheinung trat, zu berücksichtigen. Zu diesen zu berücksichti-
genden Aspekten gehört ausserdem der Umstand, dass der Beschwerde-
führer die Freiheitsstrafe in der Türkei nicht verbüsst hat, seine Tatbeteili-
gung nach wie vor konsequent, aber auf unglaubhafte Weise leugnet, wes-
halb seine damaligen Tatmotive und eine allfällige zwischenzeitliche Dis-
tanzierung von der Terrorbande (vgl. Urteil des BGer 1C_644/2015 vom
23. Februar 2015 E. 5.9, 5.10, 5.11 S. 28 und 30) im Dunkeln bleiben und
nicht gewürdigt werden können. Zu berücksichtigen ist schliesslich auch
der Umstand, dass der Beschwerdeführer als Flüchtling von einer Rück-
schiebung in die Türkei geschützt ist. Bei dieser Sachlage ist der Be-
schwerdeführer wegen Asylunwürdigkeit im Sinne von Art. 53 AsylG von
der Asylgewährung auszuschliessen.
5.2 Das SEM hat demnach die Asylgesuche der Beschwerdeführenden
– trotz Bejahung der Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers im
Sinne von Art. 3 AsylG – zu Recht abgelehnt.
6.
6.1 Lehnt das Staatssekretariat das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht
ein, so verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet
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Seite 12
den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Fa-
milie (Art. 44 AsylG).
6.2 Die Beschwerdeführenden verfügen weder über eine ausländerrechtli-
che Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer
solchen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (Art. 44
AsylG; vgl. BVGE 2013/37 E 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
6.3 Mit dem vorliegenden Urteil erwächst die vom SEM mit Verfügung vom
9. März 2015 verfügte Zuerkennung der Flüchtlingseigenschaft sowie die
angeordnete vorläufige Aufnahme der Beschwerdeführenden als Flücht-
linge in Rechtskraft.
7.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
8.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten den
Beschwerdeführenden aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insge-
samt Fr. 600.– festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar
2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungs-
gericht [VGKE, SR 173.320.2]). Der einbezahlte Kostenvorschuss ist zur
Bezahlung der Verfahrenskosten zu verwenden.
(Dispositiv nächste Seite)
D-2262/2015
Seite 13
Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht:
1.
Die Beschwerde wird abgewiesen.
2.
Die Verfahrenskosten von Fr. 600.– werden den Beschwerdeführenden
auferlegt. Der einbezahlte Kostenvorschuss wird zur Bezahlung der Ver-
fahrenskosten verwendet
3.
Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführenden, das SEM und die kanto-
nale Migrationsbehörde.
Der Einzelrichter: Der Gerichtsschreiber:
Fulvio Haefeli Gert Winter
Versand: