B u n d e s v e rw a l t u ng s g e r i ch t
T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l
T r i b u n a l e am m in i s t r a t i vo f e d e r a l e
T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l
Abteilung IV
D-3867/2010
U r t e i l v o m 3 0 . M a i 2 0 1 2
Besetzung
Einzelrichter Bendicht Tellenbach,
mit Zustimmung von Richterin Gabriela Freihofer;
Gerichtsschreiber Linus Sonderegger.
Parteien
A._______, geboren am (…),
Afghanistan,
vertreten durch lic. iur. Donato Del Duca, Rechtsanwalt, (…)
Beschwerdeführer,
gegen
Bundesamt für Migration (BFM),
Quellenweg 6, 3003 Bern,
Vorinstanz.
Gegenstand
Asyl und Wegweisung;
Verfügung des BFM vom 27. April 2010 / N (…).
D-3867/2010
Seite 2
Das Bundesverwaltungsgericht stellt fest und erwägt,
dass der Beschwerdeführer aus Afghanistan stammt und eigenen Anga-
ben zufolge am 8. August 2009 in die Schweiz einreiste, wo er am
10. August 2009 um Asyl nachsuchte,
dass er anlässlich der Kurzbefragung im Empfangs- und Verfahrenszent-
rum Basel vom 18. August 2009 sowie der direkten Anhörung vom
31. August 2009 zur Begründung des Asylgesuchs im Wesentlichen gel-
tend machte, er habe 2008 als Dolmetscher für die US-Streitkräfte gear-
beitet und dieser Umstand sei in seinem Dorf bekannt geworden, wo-
durch sein Leben in Gefahr sei,
dass das BFM das Asylgesuch des Beschwerdeführers mit Verfügung
vom 27. April 2010 – eröffnet am 28. April 2010 – ablehnte und die Weg-
weisung aus der Schweiz sowie deren Vollzug anordnete,
dass das BFM zur Begründung im Wesentlichen anführte, die geltend
gemachten Nachteile seien lokal begrenzt und dem Beschwerdeführer
stehe eine innerstaatliche Fluchtalternative in Kabul offen,
dass der Beschwerdeführer mit Eingabe vom 28. Mai 2010 gegen diesen
Entscheid beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde erhob und dabei
beantragte, die Verfügung des BFM sei aufzuheben und dem Beschwer-
deführer Asyl zu gewähren,
dass eventualiter die vorläufige Aufnahme anzuordnen sei,
dass in prozessualer Hinsicht die unentgeltliche Rechtspflege sowie die
unentgeltliche Rechtsverbeiständung zu gewähren sei,
dass mit Zwischenverfügung vom 10. Juni 2010 die unentgeltliche
Rechtspflege im Sinne von Art. 65 Abs. 1 des Verwaltungsverfahrensge-
setzes vom 20. Dezember 1968 (VwVG, SR 172.021) gewährt, die un-
entgeltliche Rechtsverbeiständung im Sinne von Abs. 2 der selben Be-
stimmung jedoch abgelehnt wurde,
dass das BFM in der ersten Vernehmlassung vom 6. Juli 2010 vollum-
fänglich an seinen Anträgen und Erwägungen festhielt,
dass mit Zwischenverfügung vom 2. Mai 2012 dem BFM die Gelegenheit
gegeben wurde, eine ergänzende Stellungnahme abzugeben,
D-3867/2010
Seite 3
dass das BFM in der zweiten Vernehmlassung beantragte, der Asylent-
scheid vom 27. April 2010 sei aufzuheben und zwecks weiteren Abklä-
rungen und Neubeurteilung an das BFM zurückzuweisen,
dass das Bundesverwaltungsgericht auf dem Gebiet des Asyls – Aus-
nahmen vorbehalten – endgültig über Beschwerden gegen Verfügungen
entscheidet (Art. 5 VwVG; Art. 105 des Asylgesetzes vom 26. Juni 1998
[AsylG, SR 142.31] i.V.m. Art. 31 – 33 des Verwaltungsgerichtsgesetzes
vom 17. Juni 2005 [VGG, SR 173.32]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 des Bundesge-
richtsgesetzes vom 17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]),
dass über offensichtlich begründete Beschwerden in einzelrichterlicher
Zuständigkeit mit Zustimmung einer zweiten Richterin entschieden wird
(Art. 111 Bst. e AsylG) und es sich vorliegend, wie nachfolgend aufge-
zeigt, um eine solche handelt, weshalb der Beschwerdeentscheid nur
summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2 AsylG),
dass das BFM die individuellen Vorbringen des Beschwerdeführers nicht
eingehend geprüft hat, da es von einer innerstaatlichen Fluchtalternative
ausgegangen ist,
dass im Lichte der neuen Rechtsprechung (Urteil des Bundesverwal-
tungsgerichts BVGE D-4935/2007 vom 21. Dezember 2011) bei der in-
nerstaatlichen Fluchtalternative auch eine Zumutbarkeitsprüfung vorzu-
nehmen ist,
dass dem BFM daher die Möglichkeit zu eröffnen ist, den vorliegenden
Fall unter diesen Aspekten neu zu beurteilen und etwaige weitere Abklä-
rungen vorzunehmen,
dass demzufolge dem Antrag der Vorinstanz auf Rückweisung des Ver-
fahrens stattzugeben ist,
dass mithin der Asylentscheid vom 27. April 2010 aufzuheben und das
Verfahren zur weiteren Abklärung und Neubeurteilung an die Vorinstanz
zurückzuweisen ist,
dass keine Verfahrenskosten zu erheben sind,
dass dem Beschwerdeführer in Übereinstimmung mit der eingereichten
Kostennote Fr. 2'800.– (inkl. Mehrwertsteuer) als Parteientschädigung zu
bezahlen sind.
(Dispositiv nächste Seite)
D-3867/2010
Seite 4
Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht:
1.
Die Verfügung des BFM vom 27. April 2010 wird aufgehoben und das
Verfahren zur Neubeurteilung im Sinne der Erwägungen an die Vorin-
stanz zurückgewiesen.
2.
Es werden keine Verfahrenskosten erhoben.
3.
Dem Beschwerdeführer wird eine Parteientschädigung von Fr. 2'800.–
zugesprochen, die ihm durch das BFM zu entrichten ist.
4.
Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das BFM und die zuständi-
ge kantonale Behörde.
Der Einzelrichter: Der Gerichtsschreiber:
Bendicht Tellenbach Linus Sonderegger
Versand: