Abtei lung IV
D-5746/2006
{T 0/2}
Urteil vom 1. Mai 2007
Mitwirkung: Richter Haefeli, König, Lang
Gerichtsschreiberin Freihofer
A._______, Türkei,
vertreten durch lic. iur. Werner Greiner, Greiner, Vögeli, Peyer, Felder & Keller,
Ankerstrasse 24, 8004 Zürich,
Beschwerdeführer
gegen
Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern,
Vorinstanz
betreffend
Verfügung vom 10. Januar 2006 i.S. Asyl und Wegweisung / N
B u n d e s v e r w a l t u n g s g e r i c h t
T r i b u n a l a d m i n i s t r a t i f f é d é r a l
T r i b u n a l e a m m i n i s t r a t i v o f e d e r a l e
T r i b u n a l a d m i n i s t r a t i v f e d e r a l
2Sachverhalt:
A. Eigenen Angaben zufolge verliess der Beschwerdeführer seinen Heimatstaat am
11. November 2005 und gelangte am 5. Dezember 2005 in die Schweiz, wo er am
13. Dezember 2005 um Asyl ersuchte. Am 19. Dezember 2005 fand in Kreuzlingen
die Empfangszentrumsbefragung statt, und am 5. Januar 2006 erfolgte die direkte
Anhörung zu den Asylgründen durch das BFM. Im Wesentlichen machte der
Beschwerdeführer dabei geltend, er stamme aus B._______. Als Kurde sei er
bereits seit seiner Kindheit unter Druck gestanden. Die Familie und später auch er
selbst hätten die PKK mit Nahrungsmitteln unterstützt. Es sei bei seiner Familie zu
Hause wiederholt zu Hausdurchsuchungen gekommen. Er sei erstmals im Jahre
1998, in der letzten Klasse des Gymnasiums, verhaftet worden, nachdem Steine
auf die Wohnung des Lehrers geworfen worden seien. Er habe mit dem Vorfall
jedoch nichts zu tun gehabt und sei schliesslich wieder freigelassen worden. In der
Folge sei er immer wieder von der Gendarmerie mitgenommen und bis zu vier
Tage lang auf dem Posten festgehalten worden. Anlässlich dieser Festnahmen sei
er befragt, beleidigt, geschlagen und misshandelt worden. Meist sei er von zu
Hause mitgenommen worden, aber auch einmal im Oktober oder November 2000
oder 2001 aus ..., als er dort einen Verwandten besucht habe. Vom bis ... habe
er Militärdienst leisten müssen. Dieser sei schlecht verlaufen. Er habe ihn als
sinnlos empfunden. Kurz vor Ende des Militärdienstes sei der Vater infolge von
Stress nach einer vorausgegangenen Hausdurchsuchung verstorben. Nach dem
Militärdienst, im März 2005, sei er aufgefordert worden, das Dorfschützeramt zu
übernehmen. Als er sich geweigert habe, weil er nicht gegen Kurden habe
kämpfen wollen, sei er unter Druck gesetzt und mit dem Tode bedroht worden. Am
16. oder 17. September 2005 sei er erneut festgenommen und für vier Tage auf
dem Gendarmerieposten festgehalten worden. Ihm sei vorgeworfen worden,
Kontakte zur PKK zu haben. Er sei auch geschlagen und misshandelt worden.
Zwei oder drei Tage später habe er sich heimlich nach C._______ zu einem
Cousin mütterlicherseits begeben und sei in der Folge ausgereist.
Für den Inhalt der weiteren Aussagen wird auf die Akten verwiesen.
Im Verlaufe des Verfahrens reichte der Beschwerdeführer einen Marschbefehl vom
4. Februar 2005 für die Generalmobilmachung zu den Akten.
B. Mit Verfügung vom 10. Januar 2006 stellte das BFM fest, der Beschwerdeführer
erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, und lehnte das Asylgesuch ab. Gleichzeitig
verfügte es die Wegweisung aus der Schweiz und den Vollzug.
C. Mit Beschwerde vom 15. Februar 2006 liess der Beschwerdeführer beantragen, es
sei die angefochtene Verfügung vollumfänglich aufzuheben und ihm Asyl zu
gewähren. Eventuell sei vom Vollzug der Wegweisung abzusehen, und es sei das
BFM anzuweisen, die vorläufige Aufnahme anzuordnen. Es sei ihm die
unentgeltliche Prozessführung zu bewilligen, und es sei auf die Erhebung einer
Kaution zu verzichten.
3D. Mit Urteil vom 20. Februar 2006 trat die Schweizerische Asylrekurskommission
(ARK) auf die Beschwerde wegen verpasster Beschwerdefrist nicht ein. Das am
27. Februar 2006 dagegen erhobene Revisionsgesuch hiess die ARK mit Urteil
vom 15. März 2006 gut und nahm das Beschwerdeverfahren wieder auf.
E. Mit Zwischenverfügung vom 23. März 2006 verwies der damals zuständige
Instruktionsrichter der ARK die Behandlung des Gesuchs um Gewährung der
unentgeltlichen Rechtspflege auf einen späteren Zeitpunkt.
F. Das BFM schloss in seiner Vernehmlassung vom 30. März 2006 auf Abweisung
der Beschwerde.
G. Am 15. September 2006 heiratete der Beschwerdeführer eine Schweizer Bürgerin.
Am 2. November 2006 ersuchte der Instruktionsrichter der ARK den
Beschwerdeführer um Mitteilung, ob er unter diesen Umständen an seiner
Beschwerde festhalte oder diese allenfalls zurückziehen wolle. Zudem wurde dem
Beschwerdeführer das rechtliche Gehör zur Tatsache gewährt, dass das
Zivilstandsamt Kloten seinen Reisepass sichergestellt und zu den Asylakten
gereicht habe sowie dieses Dokument am 14. August 2006 durch das Konsulat
des behaupteten Verfolgerstaates in Zürich verlängert worden sei. Der
Beschwerdeführer liess sich nicht vernehmen.
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 (VGG; SR
173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden gegen Verfügungen
nach Art. 5 des Bundesgesetzes vom 20. Dezember 1968 über das
Verwaltungsverfahren (VwVG; SR 172.021), sofern keine Ausnahme nach Art. 32
vorliegt. Als Vorinstanzen gelten die in Art. 33 und 34 VGG genannten Behörden.
Dazu gehören Verfügungen des BFM gestützt auf das Asylgesetz vom 26. Juni
1998 (AsylG; SR 142.31); das Bundesverwaltungsgericht entscheidet in diesem
Bereich endgültig (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 des
Bundesgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 [BGG; SR 173.110]).
1.2 Das Bundesverwaltungsgericht übernimmt, sofern es zuständig ist, am 1. Januar
2007 die Beurteilung der bei der damaligen ARK hängigen Rechtsmittel. Das neue
Verfahrensrecht ist anwendbar (vgl. Art. 53 Abs. 2 VGG).
1.3 Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht, die unrichtige oder
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und die
Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
1.4 Wie aus den nachstehenden Erwägungen hervorgeht, erweist sich die Beschwerde
als offensichtlich unbegründet, weshalb der Beschwerdeentscheid nur summarisch
zu begründen ist (Art. 111 Abs. 3 AsylG).
42. Die Beschwerde ist form- und fristgerecht eingereicht; der Beschwerdeführer ist
legitimiert (Art. 6 AsylG i.V.m. Art. 48 und 50 ff. VwVG). Auf die Beschwerde ist
mithin einzutreten.
3.
3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz grundsätzlich Flüchtlingen Asyl.
Als Flüchtling wird eine ausländische Person anerkannt, wenn sie in ihrem
Heimatstaat oder im Land, wo sie zuletzt wohnte, wegen ihrer Rasse, Religion,
Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt ist oder begründete
Furcht hat, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden. Als ernsthafte Nachteile
gelten namentlich die Gefährdung von Leib, Leben oder Freiheit sowie
Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken; den
frauenspezifischen Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 AsylG).
3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen oder
zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die Behörde ihr
Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für gegeben hält.
Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig
begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen
oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden
(Art. 7 AsylG).
4.
4.1 Das BFM lehnte das Asylgesuch des Beschwerdeführers ab, da seine Vorbringen
den Anforderungen an die Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG nicht zu
genügen vermöchten. Im Wesentlichen wurde zur Begründung des ablehnenden
Entscheids angeführt, wenn die Festnahmen des Beschwerdeführers den
Tatsachen entsprächen, sei aufgrund der jeweils schnellen Freilassung zu
schliessen, dass kein konkreter Tatverdacht gegen ihn bestanden habe und keine
formelle Untersuchung gegen ihn eingeleitet worden sei. Zudem bestehe
grundsätzlich kein rechtlich durchsetzbarer Zwang zur Übernahme des
Dorfschützeramtes. Druckversuche und Drohungen bei einer Weigerung, das Amt
zu übernehmen, seien zwar nicht auszuschliessen, landesweite staatliche
Verfolgungsmassnahmen oder eine Strafverfolgung seien jedoch mit an Sicherheit
grenzender Wahrscheinlichkeit auszuschliessen. Der Beschwerdeführer könne
sich den Behelligungen lokaler Behörden durch einen Wohnortswechsel innerhalb
der Türkei entziehen. Des Weiteren sei der Kausalzusammenhang zwischen dem
schlecht verlaufenen Militärdienst vom bis und der Ausreise im November 2005
zu verneinen. Ein allfälliges weiteres militärisches Aufgebot sei schliesslich nicht
asylrelevant.
4.2 Aus der Rechtsmitteleingabe ergibt sich als Rüge die Verletzung von Bundesrecht,
indem zu Unrecht auf fehlende Asylrelevanz der Vorbringen geschlossen worden
sei. Die unsubstanziierten Ausführungen in der Beschwerde erweisen sich jedoch
als zu wenig überzeugend, um damit die Schlussfolgerungen der Vorinstanz
5entkräften zu können. So kann beispielsweise nicht gehört werden, dass die
geltend gemachten behördlichen Mitnahmen beim Beschwerdeführer einen
unerträglichen psychischen Druck bewirkt hätten. Mit diesem Begriff soll nämlich
nicht ein Auffangtatbestand geschaffen werden, um weniger intensive Eingriffe in
Leib, Leben oder Freiheit flüchtlingsrechtlich anzuerkennen. Vielmehr soll diese
Formulierung erlauben, auch staatliche Massnahmen zu erfassen, die sich nicht
unmittelbar gegen die Rechtsgüter Leib, Leben oder Freiheit richten, sondern auf
andere Weise ein menschenwürdiges Leben verunmöglichen (vgl. BBl 1983 III
783). Dass die angeführten Behelligungen ein menschenwürdiges Leben
verunmöglicht oder in unzumutbarer Weise erschwert und eine derart unerträgliche
psychische Belastung dargestellt hätten, dass der Beschwerdeführer sich ihr nur
durch Flucht ins Ausland hätte entziehen können, kann nach Auffassung des
Bundesverwaltungsgerichts nicht bejaht werden (vgl. zum Kriterium des
unerträglichen psychischen Drucks W. Kälin, Grundriss des Asylverfahrens, Basel
und Frankfurt a.M., 1990, S. 47 ff.). Darüber hinaus zeigt die Tatsache, dass der
vom Zivilstandsamt Kloten sichergestellte Reisepass, welcher im Übrigen gemäss
Aussagen des Beschwerdeführers angeblich von den Schleppern zurückbehalten
worden sei und in der Regel nicht mehr zurückgegeben werde (vgl. A1, S. 3 und
4), am 14. August 2006 durch das türkische Konsulat in Zürich verlängert wurde.
Dies spricht offensichtlich gegen eine landesweite, staatliche Verfolgung des
Beschwerdeführers. Bezeichnenderweise unterliess es dieser - trotz
entsprechender Aufforderung vom 2. November 2006 - denn auch, zu dieser
Tatsache Stellung zu nehmen. Es kann an dieser Stelle darauf verzichtet werden,
noch näher auf die Ausführungen in der Beschwerde einzugehen, da sie am
Ergebnis offensichtlich auch nichts zu ändern vermögen. Mit Verweis auf die als
zutreffend erachteten Erwägungen der Vorinstanz ist die erhobene Rüge der
Verletzung von Bundesrecht nach dem Gesagten als unbegründet zu bezeichnen.
4.3 Zusammenfassend ist somit festzustellen, dass der Beschwerdeführer keine Ver-
folgung im Sinne von Art. 3 AsylG glaubhaft machen oder nachweisen und er nicht
als Flüchtling anerkannt werden kann. Mangels erfüllter Flüchtlingseigenschaft ist
ihm zu Recht das nachgesuchte Asyl nicht gewährt worden.
5.
5.1 Lehnt das Bundesamt das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt
es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an;
dabei ist der Grundsatz der Einheit der Familie zu berücksichtigen (Art. 44 Abs. 1
AsylG). Ist der Vollzug der Wegweisung nicht möglich, nicht zulässig oder nicht
zumutbar, so regelt das Bundesamt das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme von Ausländern (Art. 44
Abs. 2 AsylG; Art. 14a Abs. 1 des Bundesgesetzes über Aufenthalt und
Niederlassung der Ausländer [ANAG; SR 142.20]).
Der Beschwerdeführer verfügt seit dem 24. Oktober 2006 infolge Heirat einer
Schweizer Bürgerin am 15. September 2006 über eine fremdenpolizeiliche
Aufenthaltsbewilligung. Damit ist die Anordnung der Wegweisung durch das BFM
dahin gefallen (vgl. EMARK 2001 Nr. 21, Erw. 11 c, S. 178).
66. Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung betreffend
die Flüchtlingseigenschaft und Asylgewährung Bundesrecht nicht verletzt, den
rechtserheblichen Sachverhalt richtig und vollständig feststellt und angemessen ist
(Art. 106 AsylG). Die Beschwerde ist daher diesbezüglich abzuweisen. Hinsichtlich
der Anordnung der Wegweisung ist die Beschwerde als gegenstandslos geworden
abzuschreiben.
7. Die behauptete Bedürftigkeit wurde vom Beschwerdeführer trotz entsprechender
Aufforderung mit Zwischenverfügung der ARK vom 23. März 2006 nicht belegt,
weshalb das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege gemäss
Art. 65 Abs. 1 VwVG androhungsgemäss wegen nicht belegter Prozessarmut
abzuweisen ist.
8. Bei diesem Ausgang des Beschwerdeverfahrens sind die Verfahrenskosten
vollumfänglich dem Beschwerdeführer aufzuerlegen, zumal der Eventualantrag
betreffend die Anordnung der vorläufigen Aufnahme aufgrund der Sachlage vor
Eintritt der Gegenstandslosigkeit (d.h. vor Erteilung einer Aufenthaltsbewilligung)
kaum Aussicht auf Erfolg gehabt hätte (Art. 63 Abs. 1 VwVG; Art. 5, zweiter Satz,
des Reglements über die Kosten und Entschädigungen vor dem
Bundesverwaltungsgericht vom 11. Dezember 2006 [VGKE]), und auf insgesamt
Fr. 600.-- festzusetzen (Art. 16 Abs. 1 Bst. a VGG i.V.m. Art. 2 und 3 VGKE). Es
ist dem Beschwerdeführer keine Parteientschädigung zuzusprechen (vgl. Art. 15
VGKE).
(Dispositiv nächste Seite)
7Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht:
1. Die Beschwerde wird abgewiesen, soweit sie nicht als gegenstandslos geworden
abgeschrieben wird.
2. Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege gemäss Art. 65 Abs.
1 VwVG wird abgewiesen.
3. Die Verfahrenskosten, bestimmt auf Fr. 600.--, werden dem Beschwerdeführer
auferlegt. Dieser Betrag ist innert 30 Tagen zu Gunsten der Gerichtskasse zu
überweisen.
4. Es wird keine Parteientschädigung ausgerichtet.
5. Dieses Urteil geht an:
- den Rechtsvertreter des Beschwerdeführers, 2 Expl. (eingeschrieben; Beilage:
Originalverfügung des BFM; Rechnung folgt mit separater Post)
- die Vorinstanz, Abteilung Aufenthalt und Rückkehrförderung, mit den Akten
(Ref.-Nr. N )
- das Amt für Migration des Kantons D._______
Der Richter: Die Gerichtsschreiberin:
Fulvio Haefeli Gabriela Freihofer
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