B u n d e s v e rw a l t u ng s g e r i ch t
T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l
T r i b u n a l e am m in i s t r a t i vo f e d e r a l e
T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l
Abteilung V
E-5793/2017
Ur t e i l vom 1 . F eb r u a r 2 0 1 8
Besetzung
Richterin Gabriela Freihofer (Vorsitz),
Richterin Jeannine Scherrer-Bänziger,
Richter Markus König,
Gerichtsschreiberin Lara Ragonesi.
Parteien
A._______, geboren am (…),
(Beschwerdeführer)
B._______,
geboren am (…),
(Beschwerdeführerin)
C._______, geboren am (…),
Iran,
alle vertreten durch lic. iur. Lena Weissinger, Rechtsanwältin,
(…),
Beschwerdeführende,
gegen
Staatssekretariat für Migration (SEM),
Quellenweg 6, 3003 Bern,
Vorinstanz.
Gegenstand
Nichteintreten auf Asylgesuch (sicherer Drittstaat)
und Wegweisung (Flughafenverfahren);
Verfügung des SEM vom 4. Oktober 2017 / N (…).
E-5793/2017
Seite 2
Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführenden verliessen eigenen Angaben zufolge am 4. Au-
gust 2017 legal ihr Heimatland und gelangten zusammen mit der Halb-
schwester des Beschwerdeführers (N […]) auf dem Luftweg nach Istanbul
(Türkei). Am (…) reisten sie – mit gefälschten Reisepässen – wiederum auf
dem Luftweg von Istanbul via Flughafen Nikola Tesla (Belgrad, Serbien)
zum Flughafen D._______, wo sie am (…) bei der Flughafenpolizei um
Gewährung von Asyl in der Schweiz nachsuchten.
Noch am gleichen Tag verweigerte das SEM den Beschwerdeführenden
vorläufig die Einreise in die Schweiz und wies ihnen für längstens 60 Tage
den Transitbereich des Flughafens D._______ als Aufenthaltsort zu.
B.
Die Vorinstanz führte am 25. September 2017 (Beschwerdeführerin) und
am 26. September 2017 (Beschwerdeführer) die Befragungen zur Person
(BzP) durch und gewährte den Beschwerdeführenden dabei unter ande-
rem das rechtliche Gehör zu einer allfälligen Wegweisung in einen Dritt-
staat infolge der Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. c AsylG (SR 142.31).
Der Beschwerdeführer brachte zur Begründung seines Asylgesuchs im
Wesentlichen vor, er habe vor der Heirat mit der Beschwerdeführerin in den
Jahren 2010 bis 2012 eine sexuelle Beziehung mit der Ehefrau seines
Cousins gepflegt, wobei es einmal zu einer Filmaufnahme des Liebesaktes
gekommen und dieser Film einige Jahre später von seinem Cousin ent-
deckt worden sei. Dieser habe ihn daraufhin angerufen und mit dem Tod
bedroht, weshalb er sich aus Angst um sein Leben entschlossen habe, sein
Heimatland zu verlassen. Die Beschwerdeführerin machte im Wesentli-
chen die gleichen Gründe geltend wie der Beschwerdeführer. Anlässlich
des im Rahmen der BzP gewährten rechtlichen Gehörs (zu einer allfälligen
Wegweisung in den Drittstaat Serbien) führte der Beschwerdeführer so-
dann aus, es gebe keinen speziellen Grund, weshalb er nicht nach Serbien
wolle. Die Beschwerdeführerin gab diesbezüglich an, sie wisse nicht ein-
mal, wo sich Serbien auf der Weltkarte befinde.
Im vorinstanzlichen Verfahren reichten die Beschwerdeführenden je Ko-
pien einer „Shenasnameh“ (Anmerkung des Gerichts: Personenstandsur-
kunde) und Identitätskarten zu den Akten.
E-5793/2017
Seite 3
C.
Mit Verfügung vom 4. Oktober 2017 – eröffnet durch Vermittlung der Flug-
hafenpolizei am 6. Oktober 2017 – trat das SEM in Anwendung von
Art. 31a Abs. 1 Bst. c AsylG auf die Asylgesuche der Beschwerdeführenden
nicht ein, wies sie aus dem Transitbereich des Flughafens D._______ weg
und ordnete an, die Beschwerdeführenden hätten den Transitbereich am
Tag nach Eintritt der Rechtskraft des Entscheides zu verlassen, ansonsten
sie in Haft genommen und unter Zwang in den Drittstaat Serbien zurück-
geführt würden.
D.
Mit Eingabe vom 12. Oktober 2017 reichten die Beschwerdeführenden mit-
tels Formularbeschwerde (vorab per Telefax) beim Bundesverwaltungsge-
richt Beschwerde ein und beantragten in materieller Hinsicht die Aufhe-
bung der angefochtenen Verfügung und die Gewährung von Asyl oder je-
denfalls die Feststellung ihrer Flüchtlingseigenschaft sowie eventualiter die
Feststellung der Unzulässigkeit oder allenfalls Unzumutbarkeit des Weg-
weisungsvollzugs und die Anordnung der vorläufigen Aufnahme. In formel-
ler Hinsicht beantragten sie die Übersetzung der Beschwerde von Amtes
wegen in eine Amtssprache und die Gewährung der unentgeltlichen
Rechtspflege unter Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses.
Die Begründung der Formularbeschwerde war in der Muttersprache der
Beschwerdeführenden verfasst.
E.
Auf Anfrage des Bundesverwaltungsgerichts vom 12. Oktober 2017, die in
Farsi verfasste Beschwerdebegründung übersetzen zu lassen, liess das
Asylbüro der Flughafenpolizei D._______ dem Gericht am 15. Oktober
2017 vorab per Telefax eine Übersetzung der Beschwerdebegründung in
deutscher Sprache übermitteln. Das Original ging auf postalischem Wege
am 16. Oktober 2017 beim Bundesverwaltungsgericht ein.
F.
Das Bundesverwaltungsgericht lud das SEM mit Verfügung vom 19. Okto-
ber 2017 ein, sich innert Frist zur Beschwerdesache zu äussern.
G.
In seiner Vernehmlassung vom 23. Oktober 2017 hielt das SEM unter zu-
sätzlichen Anmerkungen an seinen Erwägungen fest. Der Vernehmlassung
beigelegt waren zwei Dokumente betreffend das Asylwesen in Serbien und
E-5793/2017
Seite 4
eine Mitteilung (Internet) der serbischen Regierung betreffend visumsbe-
freite Einreise nach Serbien für iranische Staatsangehörige.
H.
Mit Verfügung vom 25. Oktober 2017 bot das Bundesverwaltungsgericht
den Beschwerdeführenden Gelegenheit, sich zur Vernehmlassung der
Vorinstanz vom 23. Oktober 2017 zu äussern.
I.
Die Replik der – nunmehr vertretenen – Beschwerdeführenden vom 1. No-
vember 2017 wurde der Vorinstanz mit Verfügung vom 8. November 2017
überwiesen und sie wurde gleichzeitig eingeladen, sich im Rahmen einer
zweiten Vernehmlassung zu äussern.
J.
Mit zweiter Vernehmlassung vom 13. November 2017 hielt die Vorinstanz
– wiederum unter zusätzlichen Anmerkungen – an ihren Erwägungen fest.
K.
Mit Verfügung vom 16. November 2017 bot das Bundesverwaltungsgericht
den Beschwerdeführenden Gelegenheit, sich zur zweiten Vernehmlassung
der Vorinstanz zu äussern.
L.
Zwischenzeitlich erteilte das SEM den Beschwerdeführenden mit Verfü-
gung vom 20. November 2017 eine Einreisebewilligung für die Schweiz,
damit sie den Ausgang des beim Bundesverwaltungsgericht hängigen Be-
schwerdeverfahrens abwarten können.
M.
Nach einmalig gewährter Fristverlängerung reichten die Beschwerdefüh-
renden am 11. Dezember 2017 eine Stellungnahme zu den Akten.
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
E-5793/2017
Seite 5
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig
(Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, soweit das VGG und das
AsylG nichts anderes bestimmen (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht. Die Beschwer-
deführenden haben am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, sind
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und haben ein
schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung. Sie sind daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
und Art. 108 Abs. 2 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf
die Beschwerde ist – unter nachstehendem Vorbehalt – einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das
SEM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen,
ist die Beurteilungskompetenz der Beschwerdeinstanz grundsätzlich auf
die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu Recht auf das Asylgesuch nicht
eingetreten ist (vgl. BVGE 2011/9 E. 5 m.w.H.).
3.2 Sofern das Bundesverwaltungsgericht den Nichteintretensentscheid
als unrechtmässig erachtet, hebt es die angefochtene Verfügung auf und
weist die Sache zur neuen Entscheidung an das SEM zurück. Die Fragen
der Anerkennung der Flüchtlingseigenschaft, der Gewährung von Asyl und
der Anordnung einer vorläufigen Aufnahme bilden demnach nicht Gegen-
stand des angefochtenen Nichteintretensentscheides und damit auch nicht
des vorliegenden Verfahrens, weshalb auf die entsprechenden Rechtsbe-
gehren nicht einzutreten ist.
4.
4.1 Gemäss Art. 31a Abs. 1 Bst. c AsylG tritt das SEM in der Regel auf ein
Asylgesuch nicht ein, wenn Asylsuchende in einen Drittstaat zurückkehren
können, in welchem sie sich vorher aufgehalten haben.
E-5793/2017
Seite 6
4.2 Art. 31a Abs. 1 Bst. c-e findet jedoch keine Anwendung, wenn Hinweise
bestehen, dass im Einzelfall im Drittstaat kein effektiver Schutz vor Rück-
schiebung nach Art. 5 Abs. 1 AsylG besteht (Art. 31a Abs. 2 AsylG). Der
Rückschiebeschutz verlangt, dass keine Person in irgendeiner Form zur
Ausreise in ein Land gezwungen werden darf, in dem ihr Leib, ihr Leben
oder ihre Freiheit aus einem Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist
oder in dem sie Gefahr läuft, zur Ausreise in ein solches Land gezwungen
zu werden.
5.
5.1 Zur Begründung ihrer Verfügung vom 4. Oktober 2017 brachte die
Vorinstanz im Wesentlichen vor, iranische Staatsangehörige dürften in Ser-
bien visumsfrei einreisen und Serbien gehöre zu den durch den Bundesrat
bezeichneten sicheren Drittstaaten. Serbien habe sich überdies zur Einhal-
tung der einschlägigen flüchtlingsrechtlichen Garantien verpflichtet und
verfüge über ein funktionierendes Rechts- und Asylsystem, wobei die dor-
tigen Behörden schutzfähig und schutzwillig seien. Zudem würden Perso-
nen, denen nach Erreichen eines internationalen Flughafens die Einreise
in den Zielstaat verweigert werde, unabhängig von ihren Reisepapieren,
an den Ausgangspunkt ihrer Reise zurückkehren können (Übereinkommen
über die internationale Zivilluftfahrt [SR 0.748.9], nachfolgend Chicago-
Übereinkommen). Den Aussagen der Beschwerdeführenden seien über-
dies keine Hinweise zu entnehmen, dass sie keinen Zugang zum Asylsys-
tem in Serbien hätten, und es bestünden auch keine Hinweise darauf, dass
für sie in Serbien kein effektiver Schutz vor Rückschiebung im Sinne von
Art. 5 Abs. 1 AsylG bestehe. Weiter würden sie sich, sofern sie – wie an-
gegeben – tatsächlich auf Schutz angewiesen seien, an die Behörden vor
Ort wenden können.
5.2 Der (übersetzten) Beschwerdebegründung ist im Wesentlichen zu ent-
nehmen, dass die Beschwerdeführenden in ihrer Rechtsmitteleingabe
vorab den geltend gemachten Sachverhalt nochmals schildern und im Wei-
teren Einwände gegen die Wegweisung nach Serbien vorbringen. Serbien
habe sich in den letzten 20 Jahren ständig im Krieg befunden, das Land
sei unsicher, die Asylunterkünfte seien nicht medizinisch abgedeckt und die
Versorgung der Asylsuchenden sei nicht optimal. Serbische Landsleute
seien gegen Muslime eingestellt, dies auch aufgrund der Einmischung des
Irans in den Kriegen zwischen Serbien und dem Kosovo sowie in Bosnien
Herzegowina. Im Jahr 2017 sei ein junger iranischer Asylsuchender aus
unbekannten Gründen ums Leben gekommen. Weiter sei die Einreise für
iranische Staatsangehörige nach Serbien bewilligt worden. Die kurdische
E-5793/2017
Seite 7
Familie, die den Beschwerdeführer bedrohe, werde ihn in Serbien erwi-
schen und die Familie sei in Lebensgefahr. Der Beschwerdeführer habe
seit Erhalt des Briefes aus Angst Herzrasen und nehme Medikamente ein.
Schliesslich würden viele Asylsuchende Serbien verlassen und auch sie
seien bei einer Rückkehr nach Serbien gezwungen, das Land wieder zu
verlassen. Ihr Wunsch sei es, in der Schweiz zu bleiben, worauf sie auch
bestehen würden.
5.3 In seiner Vernehmlassung vom 23. Oktober 2017 hielt das SEM im We-
sentlichen fest, das serbische Asylsystem sei seit dem Jahr 2008 in enger
Zusammenarbeit mit dem UNHCR (Amt des Hohen Flüchtlingskommissars
der Vereinten Nationen) fortlaufend optimiert worden. Die von den Be-
schwerdeführenden geltend gemachte negative Haltung der Serben ge-
genüber Muslimen werde mit keinen stichhaltigen Argumenten untermau-
ert und es bestünden keine Hinweise, dass die serbischen Behörden die
Beschwerdeführenden von ihrer Familie trennen würden. Transitzonen
seien keine exterritorialen Gebiete und die Anwendung von Art. 31a Abs. 1
Bst. c AsylG sei zu bejahen, auch wenn die Beschwerdeführenden formell
nicht in das Hoheitsgebiet Serbiens eingetreten seien. Ob sie in Serbien
eingereist seien, müsse vorliegend nicht zwingend berücksichtigt werden,
da die Beschwerdeführenden kein Visum für Serbien benötigen würden
und sie daher den Transitbereich (auch in Zukunft) problemlos verlassen
und ein Asylgesuch in Serbien stellen könnten. Schliesslich spiele die
Dauer des Aufenthalts in einem Drittstaat keine Rolle.
5.4 Dagegen brachten die Beschwerdeführenden mit Replik vom 1. No-
vember 2017 vor, es sei unerheblich, dass sie den Transitbereich hätten
verlassen können, um in den Hoheitsbereich Serbiens zu gelangen. Daher
sei auch Art. 14 der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Par-
laments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und
Verfahren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines
von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen in einem Mitglied-
staat gestellten Antrags auf internationalen Schutz zuständig ist (Neufas-
sung), ABl. L 180/31 vom 29.6.2013 (nachfolgend Dublin-IIII-VO) nicht an-
wendbar. Zudem seien die Voraussetzungen des Aufenthalts (in Bezug auf
die Dauer) im Sinne von Art. 31a Abs. 1 Bst. c AsylG nicht erfüllt.
5.5 Im Rahmen ihrer zweiten Vernehmlassung vom 13. November 2017
hielt die Vorinstanz fest, die Tatsache, dass die Beschwerdeführenden
nicht visumsbefreit nach Serbien eingereist seien, und die fehlende Ab-
sicht, in Serbien Asylgesuche einzureichen, sprächen nicht gegen eine
E-5793/2017
Seite 8
Rückkehr an den Flughafen Belgrad. Fluggesellschaften seien gestützt auf
den Anhang 9 des Chicago-Übereinkommens verpflichtet, sogenannte „In-
admissible persons“ zum Startpunkt ihrer Reise oder zu einem Ort, wo sie
einreisen könnten, zurückzubringen. Dies unabhängig von deren Reisepa-
pieren. Dies entspreche der aktuellen Rechtsprechung, und eine Rück-
übernahmeversicherung des betroffenen Herkunftsstaates sei demnach
nicht nötig. Es sei entsprechend sichergestellt, dass die Beschwerdefüh-
renden nach Serbien zurückkehren könnten. Im Übrigen unterstehe Ser-
bien nicht der europäischen Dublin-Verordnung.
5.6 Dagegen brachten die Beschwerdeführenden in ihrer Eingabe vom
11. Dezember 2017 vor, sie hätten ihre Reise nicht in Serbien begonnen
und die Reise lasse sich auch nicht in zwei Reisen aufteilen. Ausserdem
würden sie über kein Aufenthaltsrecht in Serbien verfügen.
5.7 Nach Durchsicht der Akten gelangt das Bundesverwaltungsgericht zum
Ergebnis, dass die Vorinstanz zu Unrecht nicht auf die Asylgesuche der
Beschwerdeführenden eingetreten ist.
5.7.1 Vorab ist festzuhalten, dass – entgegen der Auffassung der
Vorinstanz – Serbien nicht zu den vom Bundesrat als sichere Drittstaaten
bezeichneten Staaten gehört. Gemäss Art. 6a Abs. 2 Bst. b AsylG bezeich-
net der Bundesrat Staaten, in denen nach seinen Feststellungen effektiver
Schutz vor Rückschiebung im Sinne von Art. 5 Abs. 1 AsylG besteht. Im
Dezember 2007 hat er alle EU- und EFTA-Staaten als sichere Drittstaaten
in diesem Sinne bezeichnet (vgl. Medienmitteilung EJPD vom 14.12.2007,
ref_2007-12-
142.html., abgerufen am 11.01.2018; vgl. Urteil des BVGer
E-3189/2017 vom 12. Juni 2017 E. 4.2). Seither hat er diesbezüglich keine
Anpassungen beziehungsweise Ergänzungen mehr vorgenommen (vgl.
dazu FRANCESCO MAIANI, in: Code annoté de droit des migrations, Volume
IV: Loi sur l’asile [LAsi], 2015, Art. 31a AsylG N. 6 S. 283 und CONSTANTIN
HRUSCHKA, in: Spescha et al., Kommentar zum Migrationsrecht, 4. Aufl.
2015, Art. 6a Abs. 2 Bst. b AsylG N. 2 S. 464), weshalb weiterhin alle EU-
und EFTA-Staaten als sichere Drittstaaten betrachtet werden, zu welchen
Serbien – zum heutigen Zeitpunkt zumindest – nicht gehört.
5.7.2 Für die Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. c AsylG kommt es, wie
die Vorinstanz zutreffend feststellte, tatsächlich nicht auf die Dauer des Auf-
enthalts in einem Drittstaat an. Im geltenden Asylgesetz besteht nämlich –
im Unterschied zum alten, bis Ende 2007 geltenden Recht (vgl. Änderung
E-5793/2017
Seite 9
des AsylG vom 16. Dezember 2005 und Inkraftsetzung [AS 2006 4745,
2007 5573]) und der damit erfolgten Aufhebung von aArt. 52 Abs. 1 AsylG
– keine Bestimmung über eine Mindestdauer des Aufenthaltes in einem
(sicheren) Drittstaat. Gleiches wurde auch in der Botschaft vom 4. Septem-
ber 2002 zur Änderung des Asylgesetzes ausdrücklich festgehalten
(vgl. Botschaft vom 4. September 2002 zur Änderung des Asylgesetzes,
zur Änderung des Bundesgesetzes über die Krankenversicherung sowie
zur Änderung des Bundesgesetzes über die Alters- und Hinterlassenenver-
sicherung [BBl 2002 6845, 6884]; vgl. Urteil des BVGer D-4084/2017 vom
8. August 2017 E. 7.2).
5.7.3 Vorliegend haben sich die Beschwerdeführenden – im Gegensatz
zum Urteil D-4084/2017, wo der Transitbereich verlassen und eine Nacht
ausserhalb des Flughafens in Skopje (Mazedonien) übernachtet wurde –
lediglich für eine sehr kurze Dauer, nämlich höchstens 50 Minuten
(vgl. Akten des Asylverfahrens, A14/28-29), im Transitbereich des Flugha-
fens Nikola Tesla befunden. Letztlich ist die Dauer des Aufenthalts jedoch
– wie vorstehend ausgeführt – nicht ausschlaggebend. Vielmehr stellt sich
die Frage, ob der „Aufenthalt“ in einer Transitzone (zur Weiterreise) über-
haupt einen Aufenthalt in einem Drittstaat im Sinne von Art. 31a Abs. 1 Bst.
c AsylG darstellt.
5.7.4 Das Bundesverwaltungsgericht wendet im Beschwerdeverfahren das
Bundesrecht von Amtes wegen an. Es ist gemäss Art. 62 Abs. 4 VwVG
nicht an die Begründung der Begehren gebunden und kann die Be-
schwerde auch aus anderen als den geltend gemachten Gründen gutheis-
sen oder abweisen; massgebend sind grundsätzlich die tatsächlichen Ver-
hältnisse zum Zeitpunkt seines Entscheides (vgl. BVGE 2012/21 E. 5.1,
2011/1 E. 2).
5.7.5 Unter Einreise wird grundsätzlich ein Grenzübertritt beziehungsweise
das Überschreiten der politischen Grenzlinie verstanden (vgl. dazu bereits
BGE 119 IV 164 E. 2a). Von diesem allgemeinen Einreisebegriff weichen
jedoch sowohl das schweizerische Asyl- als auch das schweizerische Aus-
länderrecht unter Umständen, beispielsweise bei der Ankunft einer asylsu-
chenden oder einer ausländischen Person an einem Schweizerischen
Flughafen, ab. So hat das SEM gemäss Art. 22 AsylG nach Einreichung
eines Asylgesuchs am Flughafen gestützt auf die Erhebung der Persona-
lien und die summarische Anhörung zum Reiseweg und zu den Ausreise-
gründen (Art. 22 Abs. 1 AsylG) zu prüfen, ob die Schweiz für die Durchfüh-
rung des Asylverfahren gemäss den Dublin-Regeln zuständig ist
E-5793/2017
Seite 10
(Art. 22 Abs. 1bis AsylG) sowie ob Gründe für eine sofortige Einreisebewilli-
gung (Art. 22 Abs. 1ter AsylG und Art 11a AsylV1) vorliegen. Die Einreise
einer sich im Flughafen befindlichen Person in die Schweiz wird vorläufig
verweigert, wenn nicht sofort Voraussetzungen für eine Einreisebewilligung
im genannten Sinne festgestellt werden (Art. 22 Abs. 2 AsylG). Da der Ent-
scheid über die (vorläufige) Bewilligung oder Verweigerung der Einreise
einer asylsuchenden Person vom SEM umgehend gefällt wird (während
sich die asylsuchende Person noch im Flughafen befindet), ist zu diesem
Zeitpunkt von einer noch nicht erfolgten Einreise der asylsuchenden Per-
son auszugehen (vgl. dazu Urteil des BVGer D-6502/2010 vom 16. Sep-
tember 2010 S. 4), auch wenn sie sich faktisch bereits auf Schweizer Ter-
ritorium befindet (der Transitbereich ist Teil des Schweizer Hoheitsgebiets)
und in vollem Umfang der Schweizer Rechtsordnung unterworfen ist (vgl.
EGLI/MEYER, in: Handkommentar zum Bundesgesetz über die Auslände-
rinnen und Ausländer, 2010, Vorb. zu Art. 5-9 N 3). Die Zuweisung in den
Transitbereich des Flughafens soll laut Botschaft vom 4. September 2002
zur Änderung des Asylgesetzes nämlich verhindern, dass eine Person un-
berechtigt in das Staatsgebiet einreist (vgl. BBI 2002 6845, 6881). Die Be-
schwerdeführenden haben sich auf ihrer Reise in die Schweiz unbestritte-
nermassen im Transitbereich des serbischen Flughafens Nikola Tesla auf-
gehalten. Der Aufenthalt in einer Transitzone zur Weiterreise ist nach Auf-
fassung des Bundesverwaltungsgerichts – unabhängig davon, ob die Be-
schwerdeführenden visumsbefreit in das Transitland einreisen könnten –
nicht als Aufenthalt im Sinne von Art. 31a Abs. 1 Bst. c AsylG zu verstehen.
Erst nach erfolgter Reisepasskontrolle beziehungsweise Verlassen des
Transitbereichs kann von einer Einreise zwecks Aufenthalts gesprochen
werden. Dies war vorliegend nicht der Fall, weshalb die Beschwerdefüh-
renden formell nicht in den Drittstaat Serbien eingereist sind und sich dort
entsprechend auch nicht im Sinne von Art. 31a Abs. 1 Bst. c AsylG aufge-
halten haben. Ob das serbische Asylwesen den Anforderungen an Art. 31a
Abs. 2 AsylG zu genügen vermag, und ob die Art. 5.3 ff. des Anhangs 9
des Chicago-Übereinkommens zur Anwendung gelangen, kann nach dem
Gesagten offen bleiben.
5.7.6 Aufgrund der vorangegangenen Erwägungen steht fest, dass die
Vorinstanz zu Unrecht in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. c AsylG auf
die Asylgesuche der Beschwerdeführenden nicht eingetreten ist, weshalb
die Beschwerde, soweit die Aufhebung der angefochtenen Verfügung be-
antragt wurde, gutzuheissen ist. Das SEM hat – da gemäss Aktenlage
prima facie auch keine anderen Nichteintretenstatbestände erfüllt sind –
E-5793/2017
Seite 11
auf die Asylgesuche der Beschwerdeführenden einzutreten und diese ma-
teriell zu prüfen.
6.
6.1 Aufgrund der Gutheissung der Beschwerde sind keine Verfahrenskos-
ten zu erheben (Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG). Über den damit gegenstands-
los gewordenen Antrag auf Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege
(inkl. Kostenvorschussverzicht) ist nicht mehr zu entscheiden.
6.2 Den rechtsvertretenen Beschwerdeführenden ist angesichts ihres Ob-
siegens in Anwendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements
vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bun-
desverwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) eine durch die Vorinstanz
auszurichtende Entschädigung für die ihnen notwendigerweise erwachse-
nen Parteikosten zuzusprechen. Es wurde keine Kostennote eingereicht,
weshalb die notwendigen Parteikosten aufgrund der Akten zu bestimmen
sind (Art. 14 Abs. 2 in fine VGKE). Gestützt auf die in Betracht zu ziehen-
den Bemessungsfaktoren (Art. 9–13 VGKE) und in Anbetracht der analo-
gen Eingaben im Verfahren E-5791/2017 ist den Beschwerdeführenden
zulasten der Vorinstanz eine Parteientschädigung von pauschal Fr. 500.–
zuzusprechen.
(Dispositiv nächste Seite)
E-5793/2017
Seite 12
Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht:
1.
Die Beschwerde wird gutgeheissen, soweit darauf eingetreten wird.
2.
Die angefochtene Verfügung wird aufgehoben. Die Vorinstanz wird ange-
wiesen, auf die Asylgesuche der Beschwerdeführenden einzutreten und
diese materiell zu behandeln.
3.
Es werden keine Verfahrenskosten erhoben.
4.
Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege wird als ge-
genstandslos abgeschrieben.
5.
Das SEM wird angewiesen, den Beschwerdeführenden für das Verfahren
vor dem Bundesverwaltungsgericht eine Parteientschädigung von insge-
samt Fr. 500.– auszurichten.
6.
Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführenden, das SEM und die zustän-
dige kantonale Behörde.
Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin:
Gabriela Freihofer Lara Ragonesi
Versand: