BUNDESGERICHTSHOF BESCHLUSS EnVR 44/13 Verkündet am 3. März 2015 Bürk Amtsinspektorin als Urkundsbeamt in der Geschäftsstelle in dem energiewirtschaftsrechtlichen Verwaltungsverfahren Nachschlagewerk: ja BGHZ: nein BGHR: ja BEW Netze GmbH EnWG § 29 Abs. 2; StromNEV § 7 Abs. 6 a) Ein Widerrufsvorbehalt, der sich in der Bezugnahme auf eine unmittelbar im Gesetz vorgesehene Widerrufsmöglichkeit erschöpft, kann im Einzelfall als bloßer Hinweis auf die bestehende Gesetzeslage anzusehen sein. Ein Hi n- weis dieses Inhalts ist weder ein Verwaltungsakt im Sinne von § 35 VwVfG noch eine mit der Beschwerde anfechtbare Entscheidung im Sinne von § 75 Abs. 1 EnWG. b) Ein Widerrufsvorbehalt hat einen darüber hinausgehenden eigenständigen Regelungsgehalt, wenn er auf die verbindliche Feststellung gerichtet ist, dass die Ausgangsentscheidung in den Anwendungsbereich einer Vorschrift fällt, nach der der Widerruf einer Entscheidung kraft Gesetzes zulässig ist. c) Ein Widerrufsvorbehalt dieses Inhalts ist allenfalls dann z ulässig, wenn darin die Voraussetzungen, unter denen der Widerruf möglich bleiben soll, hinre i- chend konkret festgelegt werden. BGH, Beschluss vom 3. März 2015 - EnVR 44/13 - OLG Düsseldorf - 2 - Der Kartellsenat des Bundesgerichtshofs hat auf die mündliche Verha ndlung vom 3. März 2015 durch die Präsidentin des Bundesgerichtshofs Limperg und die Richter Dr. Raum, Dr. Kirchhoff, Dr. Grüneberg und Dr. Bacher beschlossen: Auf die Rechtsbeschwerde der Betroffenen wird der am 29. Mai 2013 verkündete Beschluss des 3. Ka rtellsenats des Oberlande s- gerichts Düsseldorf aufgehoben. Auf die Beschwerde der Betroffenen wird der Beschluss der Bu n- desnetzagentur vom 31. Oktober 2011 (BK4 - 11 - 304) in Nr. 2 au f- gehoben. Die Bundesnetzagentur hat die Kosten des Beschwerde - und des Recht sbeschwerdeverfahrens einschließlich der notwendigen Au s- lagen der Betroffenen zu tragen. Der Gegenstandswert wird auf 50.000 Euro festgesetzt. - 3 - Gründe: A. Die Betroffene betreibt ein Elektrizitätsversorgungsnetz . Mit Beschluss vom 31. Oktober 2011 (BK4 - 11 - 304) hat die Bundesnet z- agentur die Eigenkapitalzinssätze für Neu - und Altanlagen für die Dauer der zweiten Periode der Anreizregulierung festgelegt. Unter Nr. 2 des Beschluss - tenors hat sie ausgesprochen, die Festlegung stehe unter dem Vorbehalt des Widerr ufs. Mit ihrer Beschwerde hat die Betroffene in erster Linie die Aufhebung dieses Widerrufsvorbehalts begehrt. Die Bundesnetzagentur ist der Beschwerde entgegengetreten. In der mündlichen Verhandlung vor dem Beschwerde gericht hat sie erklärt, mit dem Widerrufsvorbehalt solle ausschließlich deklaratorisch die ihr zustehende Abä n- derungskompetenz nach § 29 Abs. 2 EnWG bestätigt werden. Das Beschwerdegericht hat die Beschwerde zurückgewiesen. Dagegen wendet sich die Betroffene mit der vom Beschwerdegeri cht zugelassenen Rechtsbeschwerde. Die Bundesnetzagentur tritt dem Rechtsmittel entgegen. B. Die zulässige Rechtsbeschwerde führt zur Aufhebung des angefoc h- tenen Vorbehalts. I. Das Beschwerdegericht hat seine Entscheidung im Wesentlichen wie folgt begründet: Dem angefochtenen Widerrufsvorbehalt komme kein eigenständiger R e- gelungsgehalt zu. Die Bundesnetzagentur habe in den Gründen ihrer Entsche i- dung ausgeführt, der Vorbehalt solle insbesondere den Fall erfassen, dass sich die festgelegten Zinssätze im Hinbl ick auf neue gesetzlich vorgesehene Instr u- mente wie zum Beispiel einen Risikozuschlag ("adder") als nicht mehr ang e- 1 2 3 4 5 6 7 8 - 4 - messen erwiesen. Damit habe sie zum Ausdruck gebracht, dass der Vorbehalt nur eine Anpassung an veränderte sachliche oder rechtliche Umstände ermö g- lichen solle, die das Fachrecht in § 29 Abs. 2 EnWG ohnehin vorsehe. Diese Änderungsbefugnis gelte auch für die Festlegung der Eigenkapitalzinssätze. Der Umstand, dass die Festlegung gemäß § 7 Abs. 6 StromNEV vor Beginn der Regulierungsperiode und fü r deren gesamte Dauer zu erfolgen habe, führe nicht zu einer abweichenden Beurteilung. Die Frage, ob der Widerrufsvorbehalt mit § 36 VwVfG vereinbar sei, stelle sich damit nicht. II. Diese Beurteilung hält de r rechtlichen Überprüfung in einem en t- scheidenden Punkt nicht stand . 1. Zu Recht hat das Beschwerdegericht den Widerrufsvorbehalt als selbständig anfechtbar angesehen, weil es sich hierbei um eine Nebenbesti m- mung handelt, die von der Festlegung der Zinssätze trennbar ist (vgl. BGH, B e- schluss vom 14. Augu st 2008 - KVR 36/07, RdE 2008, 337 Rn. 91 - Stadtwerke Trier; Be schluss vom 15. Mai 1984 - KVR 11/83 , BGHZ 91, 178, 179 - Wettb e- werbsregeln; BVerwGE 112, 221, 224; BVerwGE 112, 263, 265). 2. Keiner Entscheidung bedarf die Frage, ob sich die Bundesnetzage n- t ur mit der angefochtenen Nebenbestimmung lediglich Änderung en vorbehalten hat, die gemäß § 29 Abs. 2 EnWG zulässig sind , oder ob sie darüber hinausg e- hende Änderungsbefugnisse in Anspruch genommen hat. Unabhängig von di e- ser Frage kann der Vorbehalt jedenfal ls deshalb keinen Bestand haben, weil er nicht hinreichend deutlich erkennen lässt, unter welchen Voraussetzungen ein Widerruf möglich sein soll. a) Für die Auslegung einer behördlichen Entscheidung ist gemäß §§ 133, 157 BGB nicht der innere Wille der erl assenden Behörde maßgebend , sondern allein der erklärte Wille , wie ihn der Empfänger bei objektiver Würd i- gung verstehen konnte (BGH, Beschluss vom 5. Oktober 2010 - EnVR 52/09, RdE 2011, 59 Rn. 12 - GABi Gas; BVerwGE 126, 149 Rn. 52). Hierbei ist nicht 9 10 11 12 - 5 - nur der Tenor der Entscheidung von Bedeutung . Dieser ist vielmehr im Lichte der Begründung auszulegen (BGH, Beschluss vom 10. Februar 2009 - KVR 67/07, BGHZ 180, 323 Rn. 41 - Gaslieferverträge; Beschluss vom 14. März 1990 - KVR 4/88, BGHZ 110, 371, 377 - Spor tübertragungen). b) D as Beschwerdegericht , dessen Auslegung im Rechtsbeschwerd e- verfahren der uneingeschränkten Überprüfung unterliegt (vgl. zum Revision s- verfahren BGH, Urteil vom 22. September 2009 - XI ZR 286/08, NJW 2010, 144 Rn. 20; BGH, Urteil vom 9. Dezember 1982 - III ZR 106/81, BGHZ 86, 104, 110; BVerwGE 135, 209 Rn. 18), hat diese Grundsätze zwar im Ansatz zutreffend herangezogen. Es hat jedoch nicht hinreichend beachtet, dass dem Vorbehalt auch dann ein eigenständiger Regelungsgehalt zukommt, wenn die Bunde s- netzagentur da mit keine weitergehenden Rechte in Anspruch genommen hat, als dies in § 29 Abs. 2 EnWG vorgesehen ist. aa) Zutreffend ist das Beschwerdegericht allerdings davon ausgegangen, dass ein Widerrufsvorbehalt, der sich in der Bezugnahme au f eine unmittelbar im Gesetz vorgesehene Widerrufsmöglichkeit erschöpft, im Einzelfall als bloßer Hinweis auf die bestehende Gesetzeslage anzusehen sein kann (vgl. dazu BVerwGE 71, 48, 50; BVerwGE 124, 47, 51). E in Hinweis dieses Inhalts ist w e- der ein Verw altungsakt im Sinne von § 35 VwVfG (BVerwGE 71, 48, 50) noch eine mit der Beschwerde anfechtbare Entscheidung im Sinne von § 75 Abs. 1 EnWG. Seine Funktion erschöpft sich darin, die von der Entscheidung Betroff e- nen frühzeitig auf eine kraft Gesetzes besteh ende Widerrufsm öglichkeit au f- merksam zu machen und die eventuelle Entstehung eines Vertrauenstatb e- stands - die bei unmittelbar im Gesetz vorgesehenen Widerrufsgründen im Hi n- blick auf § 49 Abs. 2 Satz 1 Nr. 1 und Abs. 6 Satz 1 VwVfG ohnehin nur in Au s- nahmef ällen in Betracht kommt - zu vermeiden. bb) Ebenfalls noch zutreffend ist das Beschwerdegericht davon ausg e- gangen, dass der angefochtene Vorbehalt sich nicht in einem solchen Hinweis erschöpft. 13 14 15 - 6 - Das Beschwerdegericht hat zwar ausgeführt, der Widerrufsvor behalt h a- be rein deklaratorischen Charakter und enthalte nur einen Hinweis auf die o h- nehin bestehende Rechtslage. Dennoch hat es die auf Aufhebung des Vorb e- halts gerichtete Beschwerde nicht als unzulässig verworfen, sondern sich mit der Frage befasst, ob e ine Festlegung der Eigenkapitalzinssätze gemäß § 7 Abs. 6 StromNEV der in § 29 Abs. 2 EnWG vorgesehenen Änderungsmöglic h- keit unterliegt. Damit ist das Beschwerdegericht, wie die Rechtsbeschwerde zutreffend aufzeigt, implizit davon ausgegangen, dass der Vor behalt doch eine eigenständige Regelung enthält, nämlich die verbindliche Feststellung, dass die getroffene Festlegung in den Anwendungsbereich von § 29 Abs. 2 EnWG fällt . Diese Auslegung ist zutreffend. Sie wird bereits durch den Umstand n a- hegelegt, da ss der Widerrufsvorbehalt in den Tenor der behördlichen Entsche i- dung aufgenommen wurde. Für sie spricht ferner, dass sich weder im Tenor noch in der Begründung ein Hinweis auf § 29 Abs. 2 EnWG oder auf eine son s- tige gesetzliche Vorschrift findet , aus der s ich unmittelbar eine Änderung sb e- fugnis ergibt. Vor diesem Hintergrund ist dem Umstand, dass sich die Bunde s- netzagentur einen Widerruf ausdrücklich "vorbehalten" hat, zu entnehmen, dass sie die Frage, ob eine spätere Änderung der Entscheidung überhaupt in B e- tracht kommt , jedenfalls für den Fall der Einführung eines gesetzlichen Risik o- zuschlags vorab verbindlich entsche i den und damit eine n späteren Streit über die Anwendbarkeit von § 29 Abs. 2 EnWG ausschließen wollte. 16 17 - 7 - c) E ine Nebenbestimmung dieses Inhalts k ann weder auf § 29 Abs. 1 oder 2 EnWG noch auf eine sonstige Ermächtigungsgrundlage gestützt werden. Sie ist vielmehr rechtswidrig, weil sie die Voraussetzungen, unter denen ein Widerruf der getroffenen Festlegung möglich sein soll, nicht hinreichend b e- sti mmt festlegt. aa) § 29 Abs. 2 EnWG ermächtigt die Regulierungsbehörde, eine g e- troffene Festlegung nachträglich zu ändern, soweit dies erforderlich ist, um s i- cherzustellen, dass sie weiterhin den für sie einschlägigen Voraussetzungen entspricht. Ob sich hier aus über den Wortlaut der Vorschrift hinaus auch die Befugnis ergibt , schon bei Erlass der ursprünglichen Entscheidung durch einen Widerrufs - oder Änderungsvorbehalt verbindlich festzulegen, dass die getroff e- ne Entscheidung in den Anwendungsbereich des § 2 9 Abs. 2 EnWG fällt, b e- darf keiner abschließenden Entscheidung. Ein solcher Vorbehalt wäre allenfalls dann zulässig, wenn darin die Voraussetzungen, unter denen ein Widerruf oder eine Änderung möglich bleiben soll, hinreichend konkret festgelegt werden. Di eser Anforderung wird der angefochtene Vorbehalt nicht gerecht. Mit der als möglich dargestellten Einführung gesetzlicher Risikozuschl ä- ge wird zwar eine Konstellation beschrieben, in der eine Änderung der Zinssä t- ze "insbesondere" zulässig sein soll. Da raus geht aber nicht hervor, dass die Einführung solcher Zuschläge unabhängig von ihrer konkreten Ausgestaltung stets eine Änderungsmöglichkeit eröffnen soll, und es werden auch keine Krit e- rien dafür benannt, die eine solche Möglichkeit begründen können. V ielmehr wird ausgeführt, Art und Umfang möglicher Zuschläge seien noch nicht abse h- bar. Damit sind die Voraussetzungen für einen Widerruf nicht hinreichend b e- stimmt festgelegt. Dem angefochtenen Vorbehalt ist vielmehr zu entnehmen, dass sich die Bundesnetza gentur für den Fall der Einführung von gesetzlichen Risikozuschlägen und für weitere, nicht im einzelnen benannte Konstellationen alle Möglichkeiten offenhalten, sich aber gerade noch nicht in der einen oder anderen Richtung festlegen wollte. 18 19 20 - 8 - Ein solch er Vorbehalt ist schon deshalb unzulässig, weil er einerseits d a- rauf gerichtet ist, d as Bestehen einer im Gesetz abstrakt vorgesehenen Wide r- rufsmöglichkeit verbindlich festzulegen, zugleich aber nicht erkennen lässt, wie weit diese Bindungswirkung reichen soll . Der von einer solchen Entscheidung Betroffene muss damit rechnen, dass er sich gegenüber einem später ausg e- sprochenen Widerruf nicht mehr mit inhaltlichen Einwendungen zur Wehr se t- zen kann, wenn er den Vorbehalt in Bestandskraft erwachsen lässt. Wenn er bereits den Vorbehalt anficht, kann er inhaltliche Einwendungen zur Anwen d- barkeit und zur tatbestandlichen Reichweite von § 29 Abs. 2 EnWG allenfalls auf einer abstrakten Ebene geltend machen, weil der Vorbehalt gerade nicht erkennen lässt, für welche konkreten Fallgestaltungen ein Widerruf möglich sein soll. Damit würden die Rechtsschutzmöglichkeiten in nicht mehr zumutbarer Weise eingeschränkt. bb) Vor diesem Hintergrund kann der angefochtene Vorbehalt auch nicht auf § 36 VwVfG gestützt werden. Dab ei kann offen bleiben, ob die Anwendung von § 36 VwVfG bei der Festlegung der Eigenkapitalzinssätze gemäß § 7 Abs. 6 StromNEV in Betracht kommt. Auch nach § 36 VwVfG wäre ein Widerrufsvorbehalt allenfalls dann z u- lässig, wenn die Voraussetzungen, unter dene n der Widerruf möglich sein soll, hinreichend bestimmt festgelegt werden. Dieser Anforderung wird der ang e- foc h tene Vorbehalt aus den bereits dargelegten Gründen nicht gerecht. 3. D ie von der Rechtsbeschwerde eingehend behandelt e und vom B e- schwerdegericht b ejahte Frage, ob eine Festlegung der Eigenkapitalzinssätze gemäß § 7 Abs. 6 StromNEV überhaupt einer Änderung nach § 29 Abs. 2 EnWG zugänglich ist, bedarf mithin keiner Entscheidung. 21 22 23 24 - 9 - III. Die Kostenentscheidung beruht auf § 90 Satz 1 EnWG, die Festse t- zung de s Gegenstandswerts auf § 50 Abs. 1 Satz 1 GKG und § 3 ZPO. Limperg Raum Kirchhoff Grüneberg Bacher Vorinstanz: OLG Düsseldorf, Entscheidung vom 29.05.2013 - VI - 3 Kart 462/11 (V) - 25
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