BUNDESGERICHTSHOF BESCHLUSS NotZ(Brfg) 21/13 vom 17. März 2014 in der verwaltungsrechtlichen Notarsache wegen Erlöschen des Notaramts Nachschlagewerk: ja BGHZ: nein BGHR: ja BNotO § 47 Nr. 1, § 48a Die in § 47 Nr. 1, § 48a BNotO bestimmte Altersgrenze ist - die Anwendba r keit der Charta der Grundrechte der Europäischen Union (GRC) unterstellt - mit Art. 15, 16, 17 und 21 GRC vereinbar. BGH, Beschluss vom 17. März 2014 - NotZ(Brfg) 21/13 - Kammergericht - 2 - Der S enat für Notarsachen des Bundesgerichtshofs hat am 17. März 2014 durch den V orsitzenden Richter Galke, die Richter Dr. Herrmann und Wös t- mann, die Notarin Dr. Doyé sowie den Notar Dr. Strzyz beschlossen: Der Antrag des Antragstellers, die Berufung gegen das Urteil des Senats für Notarsachen des Kammergerichts vom 16. September 2013 zuzulassen, wird abgelehnt. Die Kosten des Zulassungsverfahrens hat der Kläger zu tragen . Gründe: I. Der im Mai 1943 geborene Kläger i st Rechtsanwalt und wurde 1983 zum Notar bestellt. Er beantragte bei der Beklagten, festzustellen, dass sein Amt als Notar nicht mit Ablauf des Monats, in dem er das 70. Lebensjahr vol lende, erl ö- sche. Er ist der Auffassung, die in § 47 Nr. 1, § 48a BNotO bestimmte Alter s- grenze verstoße gegen deutsches Verfassungsrecht und europäisches Recht. Die Beklagte lehnte den Antrag ab. Der Kläger hat seinen Feststellungsantrag gerichtlich weiterv erfolgt und überdies beantragt, die Beklagte zu verurteilen, die Fortsetzung seiner Tätigkeit als Notar über den 31. Mai 2013 hinaus zu du l- den und Maßnahmen zu unterlassen, die ihn in seiner freien notariellen Beruf s- 1 - 3 - ausübung im bisherigen Umfang einzuschrä nken geeignet seien. Hilfsweise hat er die Einholung einer Vorabentscheidung des Gerichtshofs der Europäischen Union beantragt. Das Kammerge richt hat die Klage abgewiesen. II. Der Antrag des Klägers, die Berufung gegen das Urteil der Vorinstanz z uzulassen, ist zulässig, aber unbegründet. Ein Zulassungsgrund (§ 124 Abs. 2 VwGO i.V.m. § 111d Satz 2 BNotO) besteht nicht. Insbesondere hat die Rechtssache weder grundsätzliche Bedeutung (§ 124 Abs. 2 Nr. 3 VwGO i.V.m. § 111d Satz 2 BNotO) noch weist die Sache besondere Schwierigkeiten auf (§ 124 Abs. 2 Nr. 2 VwGO i.V.m. § 111d Satz 2 BNotO) oder bestehen ernstl i- che Zweifel an der Richtigkeit des Urteils des Oberlandesgerichts (§ 124 Abs. 2 Nr. 1 VwGO i.V.m. § 111d Satz 2 BNotO). 1. Die entscheidungser heblichen Rechtsfragen sind durch den Senatsb e- schluss vom 22. März 2010 (NotZ 16/09, BGHZ 185, 30), den die Verfassung s- beschwerde gegen diese Entscheidung zurückweisenden Beschluss des Bu n- desverfassungsgerichts vom 5. Januar 2011 (1 BvR 2870/10, NJW 2011, 1131) und die Senatsbeschlüsse vom 23. Juli 2012 (NotZ(Brfg) 15/11, DNotZ 2013, 76 sowie vom 25. November 20 13 (NotZ(Brfg) 11/13, juris, NotZ(Brfg) 8/13 , juris und NotZ(Brfg) 12/1 3, juris ) bereits - weitgehend - zum Nachteil des Kl ä- gers geklärt. Danach ve rstoßen § 47 Nr. 1 und § 48a BNotO weder gegen das Grundgesetz noch gegen das aus der Richtlin ie 2000/78/EG des Rates vom 27. November 2000 zur Festlegung eines allgemeinen Rahmens für die Ve r- 2 3 4 - 4 - wirklichung der Gleichbehandlung in Beschäftigung und Beruf (ABl . EG L 303/16) (fortan: Richtlinie 2000/78/EG) folgende Verbot der Diskriminierung aufgrund des Alters. Hieran hält der Senat auch unter Berücksichtigung der vom Kläger angeführten Gesichtspunkte fest . Insbesondere hat sich der Senat in den Beschlü ss en vom 25. November 2013 (NotZ(Brfg) 11/13 und NotZ(Brfg) 12/13 jew. aaO ) mit der neueren Rech t- sprechung des Gerichtshofs der Europäischen Union zu beruflichen Altersgre n- zen auseinande r gesetzt (aaO jew. Rn. 5 ff). Soweit der Kläger das Bestehen der für die Einführung der Altersgrenze für den Gesetzgeber maßgebenden Gründe in Abrede stellt beziehungsweise geltend macht, diese seien mittlerweile überholt, ist, ebenso w ie in den Senat s- b eschlüssen vom 25. November 2013 (NotZ(Brfg) 11/13 aaO Rn. 11 und NotZ(B rfg) 12/13 Rn. 10 aaO ), auf die von den Gerichten aus Gründen der G e- waltenteilung zu respektierende Einschätzungspr ärogative der Legislative und de r en Gestaltungsspielraum zu verweisen. Da das Vorbrin gen des Klägers zu den aus seiner Sicht nicht (mehr) bes tehenden tatsächlichen Grundlagen für die Altersgrenze aus diesen Gründen nicht entscheidungserheblich ist, ist auch seine Rüge, das Kammergericht habe unter Verstoß gegen Art. 103 Abs. 1 GG und die EU - Grundrechtecharta die hierzu angebotenen Beweise nicht erhoben, unbegründet. 2. Auch die vom Kläger angesprochenen weiteren Gesichtspunkte, die noch nicht Gegenstand der Erörterungen in den vorbezeichneten Entscheidu n- gen waren, rechtfertigen nicht die Zulassung der Berufung. Weder stellen sie die Richtigke it der angefochtenen Entscheidung in Frage noch werfen sie erns t- lich klärungsbedürftige oder schwierige Rechtsfragen auf. 5 6 7 - 5 - a) Unbehelflich ist der Hinweis des Klägers auf die unterschiedliche Altersversorgung im Bereich des hauptberuflichen Notariats ( § 3 Abs. 1 BNotO) und des Anwaltsnotariats (§ 3 Abs. 2 BNotO) sowie auf die lediglich für die hauptberuflichen Notare (in Teilgebieten) gewährleistete Einkommensergä n- zung . Maßgebend für die Altersgrenze des § 48a BNotO ist die Sicherung einer geordneten Al tersstruktur des aktiven Notariats und die Notwendigkeit, im Int e- resse der beruflichen Perspektive jüngerer Anwärter für eine ausreichende Flu k tuation zu sorgen , da anderenfalls für die Besetzung der nur in begrenzter Zahl zur Verfügung stehenden Notar stel len (§ 4 Satz 1 BNotO) nicht, jedenfalls nicht mit der erforderlichen Vorhersehbarkeit und Planbarkeit gewährleistet w ä- re, dass lebensältere Notare die ihnen zugewiesenen Stellen für jüngere B e- werber freimachen ( z.B. Senatsbeschlüsse vom 22. März 2010 aaO Rn. 8 f, 29 und vom 25. November 2013 - NotZ(Brfg) 11/13, aaO Rn. 4, 9 sowie NotZ(Brfg) 12/13, aaO Rn. 6). Für das hauptberufliche wie das Anwaltsnotariat bestehen diese Gründe gleichermaßen, da in beiden Berufsformen im Interesse einer geordneten Rechtspf lege die Limitierung der Stellenanzahl nach § 4 BNotO gilt (vgl. z ur Vereinbarkeit der Begrenzung der Zahl und der örtlichen Zuständigkeit der Notare mit Art. 43 EG und Art. 49 AEUV EuGH, Urteil vom 24. Mai 2011 - C - 54/08, NJW 2011, 2941 Rn. 98). Diesen f ür die Altersgrenze maßgeblichen Gründe n fehlt ein inhaltlicher Bezug zur Art und Weise, wie die Einkommenss i- cherung aktiver Notare und die Versorgung der Notare, deren Amt nach § 47 Nr. 1, § 48a BNotO er loschen ist, ausgestaltet ist . Auch im Übrigen i st nicht von Bedeutung, ob, wie der Kläger geltend macht, die Tätigkeit des Anwaltsnotars in ihrer faktischen Ausgestaltung stärker einem freien Beruf ähnelt als diejenige eines hauptberuflichen Notars. Die für 8 9 - 6 - die Altersgrenze maßgebenden Gründe gelten , w ie ausgeführt, für die Nota - riatsformen des § 3 Abs. 1 und 2 BNotO in gleicher Weise. b) Auch kann der Kläger nicht Art. 15, 16, 17 und 21 der Charta der Grundrechte der Europäischen Union vom 12. Dezember 2007 (Abl. Nr. L 303 S. 1 - GRC) für seine Re chtsposition nutzbar machen. Bereits der Anwe n- dungsbe reich der Charta dürfte auch unter Berück sichtigung der Auslegung von Art. 51 Abs. 1 Satz 1 GRC durch den Gerichtshof der Europäischen Union in seinem Urteil vom 26. Februar 2013 (C - 617/10 - Akerberg Fra nsson , NJW 2013, 1415 Rn. 17 ff) nicht eröffnet sein, da die Zuständigkeit für das Beruf s- recht der Notare nicht auf die Europäische Union übertragen ist (Sena ts - beschlüsse vom 22. März 2010 - NotZ 16/09, BGHZ 185, 30 Rn. 14 und vom 26. November 2007 - NotZ 23/07, BGHZ 174, 273 Rn. 27 ) . D ie notarielle Täti g- keit dürfte zudem nicht vom Schutzbereich der Art. 16 und 17 GRC erfasst sein. Art. 16 GRC garantiert die unternehmerische Freiheit - auch - nach Maßgabe der einzelstaatlichen Rechtsvorschriften und Gepflo genheiten. Die notarielle Tätigkeit ist jedoch entgegen dem Verständnis des Klägers keine unternehmer i- sche, sondern ein öffentliches Amt (§ 1 BNotO). Dies wird durch das Urteil des Gerichtsho fs der Europäischen Union vom 24 . Mai 2011 (C - 54/08, NJW 2011, 29 41) nicht in Frage gestellt , der die Urkundst ätigkeit der deutschen Notare nicht als die Ausübung öffentlicher Gewalt im Sinne des Art. 45 Abs. 1 EG (= Art. 51 Abs. 1 AEUV) qualifiziert hat. Der Senat nimmt insoweit auf sein de n- selben Kläger betreffendes Urteil vom 4. März 2013 ( NotZ(Brfg) 9/12, BGHZ 196, 271 Rn. 19 mwN) Bezug. Unter anderem der (schlicht) hoheitliche Chara k- ter der notariellen Amtstätigkeit dürfte auch ihrer Einbeziehung in den Schut z- bereich des Art. 17 Abs. 1 GRC entgegenstehen, der das p rivate Eigentum g a- rantiert. 10 - 7 - Selbst wenn die Anwendbarkeit der EU - Grundrechtecharta auf den vo r- liegenden Sachverhalt und die Einbeziehung der notariellen Tätig keit in die Schutzbereiche sämtlicher vom Kläger angeführte r Grundrechte unterstellt wird, wü rde sich hieraus ein Widerspruch zu § 47 Nr. 1, § 48a BNotO nicht ergeben. Vielmehr beinhalten diese Bestimmungen eine nach Art. 52 Abs. 1 GRC zulä s- sige Einschränkung der - hypoth etisch - betroffenen aus der Charta folgenden Rechte. Nach dieser Vorschrift muss jede Einschränkung der Ausübung der in der Charta anerkannten Rechte und Freiheiten gesetzlich vorgesehen sein, d e- ren Wesensgehalt achten und unter Wahrung des Grundsatzes der Verhältni s- mäßigkeit erforderlic h sein und den von der Union anerkannt en dem Gemei n- wohl dienenden Zielsetzungen oder den Erfordernissen des Schutzes der Rec h te und Freiheiten anderer tatsächlich entsprechen. Nach der ständigen Rechtsprechung des Gerichtshofs der Europäischen Union zur Verhältnism ä- ßigkeit des festgestellten Eingrif fs dürfen nicht die Grenzen dessen überschri t- ten werden, was zur Erreichung der mit der fraglichen Regelung zulässige r- weise verfolgten Ziele geeignet und erforderlich ist, wobei zu beachten ist, dass dann, wenn mehrere geeignete Maßnahmen zur Auswahl stehe n, die am w e- nigsten belastende zu wählen ist und die verursachten Nachteile nicht außer Verhältnis zu den angestrebten Zielen stehen dürfen (z.B. Eu GH, Urteil vom 22. Januar 2013 - C - 283/11, K&R 2013, 176 Rn. 50 mwN). Die Altersgrenze der Notare dient, wie der Senat bereits wiederholt ausgeführt hat (z.B. Beschlüsse vom 25. November 2013 - NotZ(Brfg) 11/1 3 aaO Rn. 4; vom 23. Juli 2012 - NotZ(Brfg) 15/11, DNotZ 2013, 76 Rn. 8 und vom 22. März 2010 aaO R n. 28 f), einem legitimen Ziel des Allgemeinwohls. Mild ere Mittel, um dieses Ziel, die Sicherung einer geordneten Altersstruktur des aktiven Notariats und die Gewährleistung einer ausreichenden Fluktuation im Interesse der berufl i- chen Perspektive jüngerer Anwärter (nicht, worauf der Kläger wiederholt a b- 11 - 8 - stellt, die Sicherung der körperlichen und geistigen Leistungsfähigkeit der akt i- ven Notare), zu erreichen, sind nicht ersichtlich. 3. Die Voraussetzungen für ein Vorabentscheidungsersuchen des Senats an den Gerichtshof der Europäischen Union gemäß Art. 267 AE UV sind nicht erfüllt. Der Senat nimmt insoweit zunächst auf die Ausführungen in seinen B e- schlüssen vom 22. März 2010 (aaO Rn. 32 ff; siehe h ierzu auch BVerfG Rn. 14) und vom 25. November 2013 (NotZ(Brfg) 11/12 aaO Rn. 14 und NotZ(Brfg) 12 /13 aaO Rn. 14) B ezug. Die in N ummer 2 Buchstabe b dieses Beschlusses angestellten ergänzende n Erwägunge n zum Unionsrecht , lie gen ebenfalls de r- art auf der Hand, dass eine Vorlage gemäß Art. 267 AEUV nach den Maßst ä- ben der so genannten acte - clair - Doktrin (siehe hierzu z.B. Senatsbeschlüsse vom 22. Mär z 2010 aaO Rn. 33 f und vom 26. November 2007 - NotZ 23/07, BGHZ 174, 273 Rn. 34) ausscheidet. 4. Unbegründet ist schließlich die Rüge des Klägers, der Notarsenat des Kammergerichts habe über eine Maßnahme entschieden, die v on der Inhaberin der Dienstaufsicht über die beteiligten Berufsrichter getroffen worden sei. Die Besetzung des Notarsenats mit Richtern des Oberlandesgerichts, dessen Pr ä- sident die von dem Spruchkörper nachzuprüfenden Maßnahmen als Justizve r- waltungsbehörde getroffen hat, ist von §§ 101 f i.V.m. § 111 Abs. 4 BNotO vo r- gegeben und führt, ohne dass im Einzelfall besondere Umstände vorliegen, nicht zu Bedenken gegen die Unvoreingenommenheit der Richter (Senatsb e- schlüsse vom 25. November 2013 - NotZ(Brfg) 7/13 Rn . 4 und vom 21. Februar 2011 - NotZ(Brfg) 7/10, juris Rn. 4). Tatsachen, aus denen sich eine konkrete Besorgnis ergeben könnte, die Richter des Notarsenats des Kammergerichts hätten die gebotene Neutralität gegenüb er den Parteien des Rechtsstreits nicht gewahrt, hat der Kläger nicht vorgetragen un d nach § 42 Abs. 1 ZPO i.V.m. 12 13 - 9 - § 54 Abs. 1 VwGO, § 111b Abs. 1 BNotO geltend gem acht. Sie sind auch sonst nicht ersichtlich. Galke Herrmann Wöstmann Doyé Strzyz Vorinst anz: KG Berlin, Entscheidung vom 16.09.2013 - Not 15/13 -
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