BUNDESGERICHTSHOF BESCHLUSS V ZB 98/11 vom 30. Juni 2011 in der Abschiebungshaftsache - 2 - Der V. Zivilsenat des Bundesgerichtshofs hat am 30. Juni 2011 durch den Vo r- sitzenden Richter Prof. Dr. Krüger, die Richter Dr. Lemke und Prof. Dr. Schmidt - Rä ntsch, die Richterin Dr. Stresemann und den Richter Dr. Czub beschlossen: Auf die Rechtsmittel des Betroffenen werden der Beschluss der 3. Zivilkammer des Landgerichts Magdeburg vom 19. April 2011 und der Beschluss des Amtsgerichts Halberstadt vom 4. Apri l 2011 aufgehoben. Der Antrag der beteiligten Behörde auf Anordnung der Haft zur S i- cherung der Abschiebung des Betroffenen vom 4. April 2011 wird zurückgewiesen. Gerichtskosten werden nicht erhoben. Die zur zweckentspreche n- den Rechtsverfolgung notwendigen Auslagen des Betroffenen in allen Instanzen werden dem Landkreis W . auferlegt. Der Gegenstandswert des Verfahrens beträgt in allen Instanzen 3.000 Gründe: I. Der Betroffene, ein türkischer Staatsangehöriger, reiste erstmals im Jahr 2004 illegal in die Bundesrepublik Deutschland ein und beantragte - erfolglos - die Anerkennung a ls Asylberechtigter. Das Bundesamt für Migration und Flüch t- linge (BAMF) forderte ihn mit seinen damaligen Verfahrensbevollmächtigten am 1 - 3 - 12. Mai 2006 zugestellten Bescheid zum Verlassen der Bundesrepublik Deutschland auf und drohte darin die Abschiebung an. Zu der Abschiebung kam es jedoch nicht, weil der Betroffene untertauchte. Am 25. März 2011 reiste er erneut illegal in die Bundesrepublik Deutsc h- land ein und stellte bei dem BAMF wiederum einen Asylantrag. Auf Antrag der beteiligten Behörde hat das Am tsgericht gegen den B e- troffenen die Haft zur Sicherung der Abschiebung für die Dauer von längstens drei Monaten und die sofortige Wirksamkeit dieser Entscheidung angeordnet. Die Beschwerde ist ohne Erfolg geblieben. Dagegen richtet sich die Rechtsb e- schwerd e des Betroffenen. II. Nach Ansicht des Beschwerdegerichts liegen die in § 62 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 und 5 AufenthG genannten Haftgründe vor. Der erneut gestellte Asyla n- trag stehe der Haftanordnung nicht entgegen. Zu der Dauer der Haft sei darauf hinzuweis en, dass das Amtsgericht antragsgemäß die Sicherungshaft angeor d- net habe, deren Dauer drei Monate nicht überschreiten solle. III. Die nach § 70 Abs. 3 Satz 1 Nr. 3, Satz 2 FamFG statthafte und auch im Übrigen zulässige (§ 71 Abs. 1 und 2 FamFG) Rechtsbe schwerde ist begrü n- det. Die Abschiebungshaft durfte nicht angeordnet werden. 2 3 4 5 - 4 - 1. Der Haftanordnung lag kein zulässiger Haftantrag (§ 417 FamFG) z u- grunde. a) Dies folgt entgegen der Annahme des Betroffenen allerdings nicht aus dem Umstand, dass der Hafta ntrag vom 4. April 2011 nicht unterschrieben ist. Denn die Unterschrift unter einem verfahrenseinleitenden Antrag (§ 23 Abs. 1 Satz 4 FamFG) ist ausnahmsweise dann entbehrlich, wenn sich aus anderen Anhaltspunkten eine der Unterschrift vergleichbare Gewähr für die Urhebe r- schaft und den Willen ergibt, das Schreiben in den Rechtsverkehr zu bringen; dazu müssen dem Schriftstück der Inhalt der Erklärung, die abgegeben werden soll, und die Person, von der sie ausgeht, hinreichend zuverlässig entnommen werden kön nen, und es muss feststehen, dass es sich bei dem Schriftstück nicht nur um einen Entwurf handelt, sondern dass es mit Wissen und Willen des Berechtigten dem Gericht zugeleitet worden ist (Senat, Beschluss vom 28. O k- tober 2010 - V ZB 210/10, InfAuslR 2011, 71, 72 Rn. 11 mwN). Demnach ist der Haftantrag hier wirksam. Nach dem Protokoll der Anh ö- rung des Betroffenen vor dem Amtsgericht ist der ohne weiteres der beteiligten Behörde zuzuordnende Antrag im Beisein einer Mitarbeiterin des Landkreises H . , die in Amtshilfe für die beteiligte Behörde aufgetreten ist, nicht nur erö r- tert, sondern auch von dieser ergänzt worden. Damit standen die Urheberschaft der beteiligten Behörde und die Bestimmung des Schriftstücks als verfahren s- einleitender Antrag fest. b) Der Haftantrag ist jedoch deshalb unzulässig, weil er keine ausre i- chende Begründung enthält. Es fehlen Ausführungen zu der erforderlichen Dauer der Freiheitsentziehung (§ 417 Abs. 2 Nr. 4 FamFG) und zu der Durc h- führbarkeit der Abschiebung (§ 417 Abs. 2 Nr. 5 FamFG). Insoweit ist der schriftliche Antrag später nicht, auch nicht in dem Beschwerdeverfahren, e r- 6 7 8 9 - 5 - gänzt worden. Da jedoch der Antrag und dessen Begründung die Grundlage für die Anhörung des Betroffenen bilden, muss sowohl die Antragstellung als auch d ie Antragsbegründung aus den Verfahrensakten selbst ersichtlich sein; diese müssen daher entweder den vollständigen schriftlichen Haftantrag enthalten, oder die Antragsbegründung muss sich aus dem Protokoll über die Anhörung des Betroffenen ergeben (Senat, Beschluss vom 29. April 2010 - V ZB 218/09, NVwZ 2010, 1508, 1509; Beschluss vom 21. Oktober 2010 - V ZB 96/10 Rn. 13, juris; Beschluss vom 9. Dezember 2010 - V ZB 136/10 Rn. 6, juris). Fehlt beides, ist eine Überprüfung der Ordnungsmäßigkeit der Haftanor dnung in den Rechtsmittelinstanzen nicht möglich (Senat, Beschluss vom 29. April 2010 - V ZB 218/09, aaO; Beschluss vom 9. Dezember 2010 - V ZB 136/10, aaO). Die deshalb verbleibenden Zweifel an eine den Anforderungen des § 417 Abs. 2 Satz 2 FamFG entsprec hende Antragstellung wirken zu Lasten der b e- te i ligten Behörde (vgl. Senat, Beschluss vom 29. April 2010 - V ZB 218/09, aaO; Beschluss vom 9. Dezember 2010 - V ZB 136/10, aaO). Das führt zur Aufhebung sowohl des die Haft anordnenden Beschlusses als auch des sie au f- rechterhaltenden Beschlusses des Beschwerdegerichts. 2. Die Beschwerdeentscheidung und die Haftanordnung enthalten im Ü b- rigen - worauf der Senat bereits in dem Aussetzungsbeschluss vom 6. Mai 2011 hingewiesen hat - keine Prognose im Sinne von § 62 Abs. 2 Satz 4 AufenthG. Auch deshalb sind sie aufzuheben. IV. Die Kostenentscheidung beruht auf § 81 Abs. 1 Satz 1 und 2, § 83 Abs. 2 FamFG, § 128c Abs. 3 Satz 2 KostO. Unter Berücksichtigung der Regelung in Art. 5 Abs. 2 EMRK entspricht es billigem Ermessen, den Landkreis W . , 10 11 - 6 - dem die beteiligte Behörde angehört, zur Erstattung der zur zweckentspreche n- den Rechtsverfolgung notwendigen Auslagen des Betroffenen zu verpflichten (vgl. § 430 FamFG). Die Festsetzung des Gegenstandswerts folgt aus § 128c Abs. 2 KostO in Verbindung mit § 30 Abs. 2 KostO. Krüger Lemke Schmidt - Räntsch Stresemann Czub Vorinstanzen: AG Halberstadt, Entscheidung vom 04.04.2011 - 11 XIV 6/11 B - LG Magdeburg, Entscheidung vom 19.04.2011 - 3 T 170/11 - 12
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