BUNDESGERICHTSHOF IM NAMEN DES VOLKES URTEIL IV Z R 50 5 /14 Verkündet am: 20. Mai 2015 Schick Justizangestellte als Urkundsbeamt in der Geschäftsstelle in dem Rechtsstreit - 2 - Der IV. Zivilsenat des Bundesgerichtshofs hat durch die Vorsitzende Richterin Mayen, die Richterin Harsdorf - Gebhardt, die Richter Dr. Karczewski , Lehmann und die Richterin Dr. Brockmöller im schriftl i- chen Verfahren gemäß § 128 Abs. 2 ZPO mit Schrifts atzfrist bis zu m 4 . Mai 2015 für Recht erkannt: Auf die Revision der Klägerseite wird das Urteil der 23 . Zivilkammer des Land g erichts Frankfurt am Main vom 1 4 . Februar 2013 aufgehoben und die Sache zur neuen Verhandlung und Entscheidung, auch über die Kosten des Revisionsverfahrens, an das Berufungsg e- richt zurückverwiesen. Der Streitwert für das Revisionsverfahren wird au f 4.719,36 festgesetzt. Von Rechts wegen Tatbestand: Die Klägerseite (Versicherungsnehmer/in: im Folgenden d. VN) begehrt von dem beklagten Versicherer (im Folgenden Versicherer) Rückzahlung geleisteter Versicherungsbeiträge eine r Rentenv ersich e- rung. Di ese wurde aufgrund eines Antrags d. VN mit Vertragsbeginn zu m 1. April 2003 nach dem so genannten Policenmodell des § 5a VVG in der 1 2 - 3 - bei Antragstellung gültigen Fassung (im Folgenden § 5a VVG a.F.) a b- ge schlossen. Im Oktober 2009 kündigte d. VN den Vertrag u nd der Ve r- sicherer zahlte den Rückkaufswert aus. Mit Schreiben vo m 3. Novem ber 201 0 e rklärte d. VN schließlich u.a. den Widerspruch nach § 5a VVG a.F. Mit der Klage verlangt d. VN Rückzahlung aller auf den Vertrag g e- leisteten Beiträge nebst Zinsen abzü glich des bereits gezahlten Rüc k- kaufswerts (insgesamt 4.719,36 ) . Nach Auffassung d. VN ist der Versicherungsvertrag nicht wirksam zustande gekommen . D as Policenmodell sei mit den Lebensversich e- rungsrichtlinien der Europäischen Union nicht vereinbar. Im Übrigen h a- be auch nach Ablauf der Frist des ebenfalls gegen Gemeinschaftsrecht verstoßenden § 5a Abs. 2 Satz 4 VVG a.F. der Widerspruch noch e r- klärt werden können. Das Amts gericht hat die Klage abgewiesen, das Land gericht die hiergegen gerichte te Berufung zurückgewiesen. Mit der Revision verfolgt d. VN das Klagebegehren weiter. Entscheidungsgründe: Die Revision führt zur Aufhebung des Berufungsurteils und zur Z u- rückverweisung der Sache an das Berufungsgericht. I. Das Berufungsgericht h at einen Prämienrückerstattungsanspruch aus ungerechtfertigter Bereicherung verneint . D. VN habe die Prämien mit Rechtsgrund geleistet. Es könne dahinstehen, ob der Versicherung s- ver trag wirksam zustande gekommen sei , denn d . VN habe die Wide r- 3 4 5 6 7 - 4 - spruchsmöglich keit durch die vorab ausgesprochene Kündigung des Ve r- trag e s verloren . II. Die Revision ist begründet . 1. Ein Anspruch auf Prämienrückzahlung aus § 812 Abs. 1 Satz 1 BGB kann d. VN mit der vom Berufungsgericht gegebenen Begründung nicht versagt wer den. a) Entgegen der Ansicht der Revisionserwiderung hat d er Vers i- cherer d. VN nicht ordnungsgemäß i.S. von § 5a Abs. 2 Satz 1 VVG a .F. über das Widerspruchsrecht belehrt . Die Widerspruchsbelehrung im maßgeblichen Policenbegleitschreiben genügt den A nforderungen des § 5a Abs. 2 Satz 1 VVG a.F. nicht , weil sie den Fristbeginn nur an den Erhalt des Übersendungsschreibens nicht aber auch an den Erhalt des Versicherungsscheins, der Allgemeinen Versicherungsbedingungen und der Verbraucherinformation knüpft (vgl. BGH, Urteil vom 17. Dezember 1992 I ZR 73/91, BGHZ 121, 52, 57 unter II 3) . Für einen solchen Fall bestimmte § 5a Abs. 2 Satz 4 VVG a.F. zwar, dass das Widerspruch s- recht ein Jahr nach Zahlung der ersten Prämie erlischt. Das Widerspruchsrecht bestand hier aber nach Ablauf der Jahre s- frist und noch im Zeitpunkt der Widerspruchserklärung fort. Das ergibt die richtlinienkonforme Auslegung des § 5a Abs. 2 Satz 4 VVG a.F. auf der Grundlage der Vorabentscheidung des Gerichtshofs der Europä i- schen Union vom 19. Dezember 2013 (VersR 2014, 225). Der Senat hat mit Urteil vom 7. Mai 2014 (IV ZR 76/11, BGHZ 201, 101 Rn. 17 - 34) en t- schieden und im Einzelnen begründet, die Regelung müsse richtlinie n- konform teleologisch dergestalt reduziert werden, dass sie im An we n- 8 9 10 11 - 5 - dungsbereich der Zweiten und der Dritten Richtlinie Lebensversicherung keine Anwendung findet und für davon erfasste Lebens - und Rentenve r- sicherungen sowie Zusatzversicherungen zur Lebensversicherung grund - sätzlich ein Widerspruchsrecht fortbesteht, wen n d. VN wie hier nicht ordnungsgemäß über das Recht zum Widerspruch belehrt worden ist und/oder die Verbraucherinformation oder die Versicherungsbedingu n- gen nicht erhalten hat. b) Die Kündigung des Versicherungsvertrages steht dem späteren Widersp ruch nicht entgegen (vgl. Senatsurteil vom 7. Mai 2014 aaO Rn. 36 m.w.N.). Ein Erlöschen des Widerspruchsrechts nach beiderseits vollständiger Leistungserbringung kommt ebenfalls nicht in Betracht (vgl. Senatsurteil vom 7. Mai 2014 aaO Rn. 37 m.w.N.). c) Die Ausübung des Widerspruchsrechts ist entgegen der Ansicht des Berufungsgerichts auch nicht verwirkt. Ein schutzwürdiges Vertrauen kann der Versicherer hier schon deshalb nicht in Anspruch nehmen, weil er die Situation selbst herbeigeführt hat, indem er d. VN keine ordnung s- gemäße Widerspruchsbelehrung erteilt hat (Senatsurteil vom 7. Mai 2014 aaO Rn. 39 m.w.N.). d ) Die bereicherungsrechtlichen Rechtsfolgen der Europarecht s- widrigkeit des § 5a Abs. 2 Satz 4 VVG a.F. sind nicht auf eine Wirkung ab Zugang des Widerspruchs (ex nunc) zu beschränken, sondern nur e i- ne Rückwirkung entspricht dem Effektivitätsgebot (dazu im Einzelnen Senatsurteil vom 7. Mai 2014 aaO Rn. 42 - 44). 2. Der Höhe nach umfasst der Rückgewähranspruch nach § 812 Abs. 1 Satz 1 A lt. 1 BGB nicht uneingeschränkt alle gezahlten Prämien. Vielmehr muss sich d. VN bei der bereicherungsrechtlichen Rückabwic k- 12 13 14 15 - 6 - lung den jedenfalls bis zur Kündigung des Vertrages genossenen Vers i- cherungsschutz anrechnen lassen. Der Wert des Versicherungsschut zes kann unter Berücksichtigung der Prämienkalkulation bemessen werden; bei Lebensversicherungen kann etwa dem Risikoanteil Bedeutung z u- kommen (Senatsurteil vom 7. Mai 2014 aaO Rn. 45 m.w.N.). Da es hierzu an Feststellungen fehlt, ist der Rechtsstreit zur neuen Verhandlung und Entscheidung an das Berufungsgericht zurückzuve r- weisen. Es wird den Parteien Gelegenheit zu ergänzendem Vortrag zu geben haben (vgl. Senatsurteil vom 7. Mai 2014 aaO Rn. 46). Mayen Harsdorf - Gebhardt Dr. Karczewski Lehmann Dr. Brockmöller Vorinstanzen: AG Frankfurt am Main, Entscheidung vom 13.04.2012 - 32 C 3119/11 - LG Frankfurt am Main, Entscheidung vom 14.02.2013 - 2/23 S 10/12 - 16
Full & Egal Universal Law Academy