ECLI:DE: BGH:2016:051016BXIIZR130.15.0 BUNDESGERICHTSHOF BESCHLUSS XII ZR 130/15 vom 5. Oktober 2016 in de m Rechtsstreit - 2 - Der XII. Zivilsenat des Bundesgerichtshofs hat am 5. Oktober 2016 durch d ie Richter Dr. Klinkhammer, Schilling, Dr. Günter und Dr. Botur und die Richterin Dr . Krüger beschlossen: Auf die Nichtzulassungsbeschwerde der Klägerin wird die Revis i- on gegen das Urteil des 32. Zivilsenats des Oberlandesgerichts München vom 1. Oktober 2015 insoweit zugelassen, als die Ber u- fung der Klägerin gegen die Abweisung ihrer au f Rückzahlung e i- ner Sicherheitsleistung von weiteren 24.990 e- ric h teten Klage zurückgewiesen worden ist. Auf die Revision der Klägerin wird das vorgenannte Urteil im Ko s- tenpunkt und im Umfang der zugelassenen Revision aufgehoben. Im Umfang d er Aufhebung wird die Sache zur neuen Verhandlung und Entscheidung, auch über die Kosten des Revisionsverfahrens, an das Oberlandesgericht zurückverwiesen. Beschwerdewert: 24.990 - 3 - Gründe: I. Die Klägerin macht aus abgetretenem Recht Ansprüche auf Rü ckzahlung von Entgelt für die vorübergehende Nutzung einer Grundstücksfläche sowie auf Rückerstattung einer geleisteten Kaution geltend. Im Jahr 2005 beabsichtigte die B. GmbH & Co. KG auf einem von ihr e r- worbenen Grundstück einen Neubau zu errichten. Mi t den Stadtwerken M. als Eigentümerin des Nachbargrundstücks vereinbarte sie, eine dort belegene Tei l- fläche für die Zufahrt zum Baugrundstück und die Lagerung von Materialien dem Nachbargrundstück eine Grenzmauer abgerissen werden musste, sah die Vereinbarung eine entsprechende Wie derherstellungsverpflichtung vor, zu d e- ren Absicherung die B. GmbH & Co. KG eine Sicherheitsleistung in Höhe von Im April 2007 teilte die Beklagte der B. GmbH & Co. KG mit, dass sie das Grundstück von den Stadtwerken M. erworben habe und die bestehende Ve r- einbarung höchstens bis 30. April 2007 verlängert werde. Nachdem eine neue Nutzungsabrede nicht zustande gekommen war, kündigte die Beklagte mit Schreiben vom 2. Oktober 2008 die Nutzung der Flächen zum 31. Dezember 2007. Zwischen d en Parteien ist streitig, wie lange die B. GmbH & Co. KG die Grundstücksfläche nutzte. Die Beklagte behauptet, die Nutzung sei bis 1. Juni 2009 fortgesetzt worden. 1 2 3 4 - 4 - Die Klägerin, an die die B. GmbH & Co. KG ihre Ansprüche gegen die Beklagte abgetreten h at, verlangt von der Beklagten u. a. Rückzahlung der S i- cherheitsleistung in Höhe von 50.000 Die Beklagte meint, sie habe ihrerseits noch einen Anspruch auf Zahlung die Nutzung bis zum 1. Juni 2009 fortgesetzt habe. Mit diesem Betrag hat sie mit Schriftsatz vom 30. März 2012 hilfsweise die Aufrechnung erklärt. Das Landgericht hat die Klage abgewiesen. Auf die Berufung der Kläg e- rin hat das Berufungsgericht die Beklagte unter Ber ücksichtigung von zur Au f- Rückzahlung eines Teilbetrags aus der Sicherheitsleistung in Höhe von a- gegen wendet sich die Klägerin mit ihrer Nichtzulassungsbeschwerde, mit der sie eine Verurteilung der Beklagten zur Zahlung in Höhe von weiteren 24.990 aus der Sicherheitsleistung erreichen will. II. Die Nichtzulassungsbeschwerde ist begründet und führt gemäß § 544 Abs. 7 ZPO zur teil weisen Aufhebung des angefochtenen Urteils und insoweit zur Zurückverweisung der Sache an das Berufungsgericht. Die Nichtzulassungsbeschwerde rügt mit Recht, dass das Berufungsg e- richt Beweisangebote der Klägerin zu der Behauptung, die Mietfläche sei läng s- tens bis November 2008 genutzt worden, unter unzutreffender Annahme der Voraussetzungen der §§ 529 Abs. 1, 531 Abs. 1 ZPO zurückgewiesen und 5 6 7 8 9 - 5 - dadurch deren Anspruch auf rechtliches Gehör in entscheidungserheblicher Weise verletzt hat. 1. Art. 103 Abs. 1 GG verpflichtet das Gericht, die Ausführungen der Prozessbeteiligten zur Kenntnis zu nehmen und in Erwägung zu ziehen. Dabei soll das Gebot des rechtlichen Gehörs als Prozessgrundrecht sicherstellen, dass die Entscheidung frei von Verfahrensfehlern ergeht , welche ihren Grund in unterlassener Kenntnisnahme und Nichtberücksichtigung des Sachvortrags der Parteien haben. In diesem Sinne gebietet Art. 103 Abs. 1 GG iVm den Grund - sätzen der Zivilprozessordnung die Berücksichtigung erheblicher Beweisantr ä- ge. Die Nichtberücksichtigung eines erheblichen Beweisangebotes verstößt gegen Art. 103 Abs. 1 GG, wenn sie im Prozessrecht keine Stütze findet (vgl. BGH Beschluss vom 16. September 2014 - VI ZR 118/13 - VersR 2015, 338 Rn. 4 mwN). 2. So verhält es sich im Str eitfall. Nach § 531 Abs. 2 Satz 1 Nr. 1 ZPO sind n eue Angriffs - und Verteid i- gungsmittel zuzulassen, wenn sie einen Gesichtspunkt betreffen, der vom G e- richt des ersten Rechtszuges erkennbar übersehen oder für unerheblich geha l- ten worden ist. Diese Voraus setzungen hat das Berufungsgericht verkannt. a) Soweit es die von der Klägerin beantragte Vernehmung des Zeugen - oder Verteidigungsmittels iSv § 531 Abs. 2 Satz 1 ZPO. Neu im Sinne des § 531 Abs. 2 Satz 1 ZPO ist ein Angriffs - oder Verteidigungsmittel, wenn es bis zum Schluss der mündlichen Verhandlung erster Instanz nicht vorgebracht worden und daher im erstinstanzlichen Urteil unberücksichtigt geblieben ist. Die Klägerin hat den Zeugen Dr. W. jedoch bereits im landgerichtlichen Verfahren zu der Tatsache benannt, dass die streitgegenständliche Grundstücksfläche 10 11 12 13 - 6 - bereits Ende November 2008 geräumt gewesen sei. Zwar hat die Klägerin in der mündlichen Verhandlung vom 25. Mai 2012 z unächst (rechtlich unzutre f- fend) die Vernehmung von Dr. W. als Partei beantragt. In ihrem Schriftsatz vom 2. Juli 2012 hat sie dies jedoch noch während des landgerichtlichen Verfahrens berichtigt und klargestellt, dass Dr. W. als Zeuge vernommen werden sol l. b) Der weitere Zeuge B. wurde zwar von der Klägerin erstmals im Ber u- fungsverfahren benannt und stellt damit ein neues Angriffs - oder Verteid i- gungsmittel im Sinne von § 531 Abs. 2 Satz 1 ZPO dar. Trotzdem hätte das Berufungsgericht diesen Beweis erhe ben müssen. Denn nach § 531 Abs. 2 Satz 1 Nr. 1 ZPO sind neue Angriffs - und Verteidigungsmittel zuzulassen, wenn sie einen Gesichtspunkt betreffen, der vom Gericht des ersten Rechtszugs für unerheblich gehalten worden ist. Diese Voraussetzung ist vorli egend erfüllt. Für das Landgericht war es nicht entscheidungserheblich, wann die Klägerin die Grundstücksfläche tatsäc h- lich geräumt hat. Nach der von ihm vertretenen Rechtsauffassung war bereits der Anspruch der Klägerin auf Rückzahlung der Sicherheitsleis tung im Zei t- punkt der Entscheidung noch nicht fällig. Ob der Beklagten die zur Aufrechnung gestellte Gegenforderung auf Nutzungsersatz nach § 546 a Abs. 1 BGB für die Zeit von Dezember 2008 bis Mai 2009 zusteht, war daher für die erstinstanzl i- che Entscheidung ohne Bedeutung. Folglich musste das Landgericht der stritt i- gen Frage, wann die Klägerin ihre Rückgabeverpflichtung erfüllt hat, auch nicht weiter nachgehen. Darauf hat das Gericht die Parteien in der mündlichen Ve r- handlung vom 7. Dezember 2012 ausdrücklich hingewiesen. Damit ist die Rechtsansicht des erstinstanzlichen Gerichts zumindest mitursächlich dafür geworden, dass die Klägerin den Zeugen B. erst im Berufungsverfahren b e- nannt hat (vgl. hierzu BGH Urteil vom 1. Juli 2015 - VIII ZR 226/ 14 - NJW 2015, 3455 Rn. 25 mwN). 14 15 - 7 - c) Die Gehörsverletzung ist auch entscheidungserheblich. Denn es kann nicht ausgeschlossen werden, dass das Berufungsgericht nach der Einverna h- me der beiden Zeugen zu der Überzeugung gelangt, die Klägerin habe die streit gegenständliche Grundstücksfläche lediglich bis November 2008 genutzt und der Klägerin daher kein Anspruch auf Nutzungsersatz nach § 546 a Abs. 1 BGB zusteht, mit dem sie gegen den Anspruch der Klägerin auf teilweise Rüc k- zahlung der Sicherheitsleistung auf rechnen kann. 3. Das Übergehen der entscheidungserheblichen Beweisangebote der Klägerin findet somit im Prozessrecht keine Stütze und verletzt die Klägerin in ihrem Anspruch auf rechtliches Gehör aus Art. 103 Abs. 1 GG. Auf die Nichtz u- lassungsbeschwerd e der Klägerin war daher die Revision zuzulassen. Der S e- nat macht von der Möglichkeit des § 544 Abs. 7 ZPO Gebrauch, das angefoc h- tene Urteil teilweise aufzuheben und die Sache an das Berufungsgericht zur erneuten Verhandlung und Entscheidung zurückzuverwei sen. Klinkhammer Schilling Günter Botur Krüger Vorinstanzen: LG München I, Entscheidung vom 01.03.2013 - 24 O 30029/11 - OLG München, Entscheidung vom 01.10.2015 - 32 U 1382/13 - 16 17
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