BUNDESGERICHTSHOFIM NAMEN DES VOLKESURTEILIX ZR 64/02 Verkündet am:13. März 2003PreußJustizangestellteals Urkundsbeamtinder Geschäftsstellein dem RechtsstreitNachschlagewerk:jaBGHZ:jaBGHR:ja InsO § 132 Abs. 1 Nr. 2, § 21 Abs. 2 Nr. 2 Alt. 2Veranlaßt ein Gläubiger, der mit seiner Forderung nach Eröffnung des Insol-venzverfahrens über das Vermögen des Schuldners lediglich Insolvenzgläu-biger wäre, durch die Weigerung, andernfalls eine für die Fortführung desUnternehmens des Schuldners notwendige Leistung nicht zu erbringen, denunter Erlaß eines Zustimmungsvorbehalts bestellten vorläufigen Insolvenz-verwalter dazu, dem Gläubiger nicht nur das Entgelt für die neue Leistung zuzahlen, sondern ihn auch wegen seiner Altforderung voll zu befriedigen, so istdie Zusage der zweiten Leistung unmittelbar gläubigerbenachteiligend undanfechtbar.BGH, Urteil vom 13. März 2003 - IX ZR 64/02 -OLG Hamm - 2 - LG Dortmund - 3 -Der IX. Zivilsenat des Bundesgerichtshofs hat auf die mündliche Verhandlungvom 13. Februar 2003 durch die Richter Kirchhof, Dr. Ganter, Raebel, Kayserund Dr. Bergmannfür Recht erkannt:Auf die Revision des Klägers wird das Urteil des 27. Zivilsenatsdes Oberlandesgerichts Hamm vom 17. Januar 2002 aufgehoben.Die Berufung der Beklagten gegen das Urteil der 6. Zivilkammerdes Landgerichts Dortmund vom 21. März 2001 wird zurückge-wiesen.Die Beklagte hat die Kosten beider Rechtsmittelzüge zu tragen.von Rechts wegenTatbestand: Die O. GmbH (im folgenden: Schuldnerin) errichtete in Saudi-Arabien eine industrielle Anlage. Die Beklagte sollte diese für die Schuldnerinin Betrieb nehmen und das Personal einweisen. Bevor es dazu kam, stellte dieSchuldnerin am 14. April 2000 einen Antrag auf Eröffnung des Insolvenzverfah-rens über ihr Vermögen. Der Kläger wurde zum vorläufigen Insolvenzverwalterbestellt. Das Insolvenzgericht ordnete an, daß Verfügungen der Schuldnerin - 4 -nur noch mit Zustimmung des vorläufigen Insolvenzverwalters wirksam sind(§ 21 Abs. 2 Nr. 2 Alt. 2 InsO); außerdem ermächtigte es diesen, mit rechtlicherWirkung für die Schuldnerin zu handeln. Später fragte die Schuldnerin bei derBeklagten an, zu welchen Bedingungen sie ihren Auftrag erfülle. Die Beklagteverlangte neben der vereinbarten Vergütung für diesen Auftrag in Höhe von29.000 DM zusätzlich die Begleichung einer Forderung von 41.760 DM, dieaus der Zeit vor der Bestellung des vorläufigen Insolvenzverwalters stammte.Dieser war zwar zur Bezahlung der Kosten für die Inbetriebnahme bereit,lehnte es aber ab, die Altforderung zu begleichen, weil dies eine Gläubigerbe-nachteiligung darstelle und eine gleichwohl erfolgte Zahlung anfechtbar sei.Die Beklagte bestand auf der Bezahlung. Daraufhin überwies der vorläufigeInsolvenzverwalter die geforderte Summe, hinsichtlich der Altforderung jedoch"unter Vorbehalt der Rückforderung und der Anfechtung". Die Beklagte erfüllteanschließend den Auftrag.Nach der Insolvenzeröffnung hat der nunmehr zum endgültigen Insol-venzverwalter bestellte Kläger - gestützt auf die Vorschriften der Insolvenzan-fechtung - den Betrag von 41.760 DM mit der Klage geltend gemacht. DasLandgericht hat der Klage stattgegeben. Das Oberlandesgericht (dessen Urteilin ZIP 2002, 676 mit ablehnender Anm. v. Tetzlaff EWiR 2003, 437 abgedrucktist) hat sie abgewiesen. Mit der - zugelassenen - Revision begehrt der Klägerdie Wiederherstellung des erstinstanzlichen Urteils.Entscheidungsgründe: Das Rechtsmittel hat Erfolg. - 5 -I.Das Berufungsgericht hat ausgeführt, die Bezahlung der Altforderung seinicht anfechtbar. Da § 55 Abs. 2 InsO auf den vorliegenden Fall zumindestentsprechend anwendbar sei, habe der Kläger der Beklagten die Stellung einerMassegläubigerin verschafft. Er habe für die Schuldnerin eine neue Verbind-lichkeit begründet, welche die Bezahlung der Altforderung als zusätzliche Ge-genleistung mitumschlossen habe. Die Beklagte habe für die Erbringung derLeistung als zusätzliche Vergütung die Bezahlung der Altforderung verlangendürfen. Umgekehrt sei der Kläger zu diesem Entgegenkommen berechtigt ge-wesen, weil er das weitere Tätigwerden der Beklagten im Gesamtinteresse derMasse für erforderlich und nützlich erachtet habe und dieses Tätigwerden ohneein Eingehen auf die Forderung der Beklagten nicht erreichbar gewesen sei.Daß die Beklagte eine Zwangslage des Klägers ausgenutzt habe und der Vor-teil für die Masse, den der Kläger sich von dem weiteren Tätigwerden der Be-klagten erhofft habe, möglicherweise nicht eingetreten sei, habe keine Bedeu-tung.II.Diese Ausführungen halten einer rechtlichen Prüfung nicht stand.1. Allerdings war die Tilgung der Altforderung - also die dingliche Verfü-gung - möglicherweise nicht gemäß § 130 InsO anfechtbar. - 6 -a) Dies folgt entgegen der Auffassung des Berufungsgerichts nicht dar-aus, daß der Kläger etwa rechtswirksam eine Masseschuld begründet hätte.Die Vorschrift des § 55 Abs. 2 InsO ist im vorliegenden Fall weder unmittelbarnoch entsprechend anwendbar. Sie setzt für die Begründung derartiger Ver-bindlichkeiten im Eröffnungsverfahren voraus, daß entweder ein allgemeinesVerfügungsverbot erlassen ist oder der Insolvenzverwalter - jedenfalls in Ver-bindung mit dem Erlaß eines besonderen Verfügungsverbots - vom Insolvenz-gericht ermächtigt worden ist, einzelne, im Voraus genau festgelegte Ver-pflichtungen zu Lasten der späteren Insolvenzmasse einzugehen (BGH, Urt. v.18. Juli 2002 - IX ZR 195/01, NJW 2002, 3326, 3327, z.V.b. in BGHZ 151,353). Weder das eine noch das andere war hier der Fall. Die statt dessen er-teilte umfassende Ermächtigung, "mit rechtlicher Wirkung für die Schuldnerinzu handeln", war unzulässig (BGH, aaO S. 3329). Daß die Absprache, der Be-klagten die Altforderung voll zu bezahlen, von einem vorläufigen Verwalter mitbegleitendem Zustimmungsvorbehalt getroffen worden ist, rechtfertigt keineanaloge Anwendung des § 55 Abs. 2 InsO (vgl. BGH, aaO S. 3328).b) Die Bezahlung der Altforderung der Beklagten hat die Insolvenz-masse auch verringert und dadurch die Insolvenzgläubiger benachteiligt. Mög-licherweise war aber diese Erfüllungshandlung deswegen nicht gemäß § 130InsO anfechtbar, weil der Kläger als vorläufiger Insolvenzverwalter ihr zuge-stimmt hat (vgl. Kirchhof, in: MünchKomm-InsO § 129 Rn. 46). Der Gesetzge-ber hat gewollt, daß unter bestimmten Voraussetzungen der Schuldner weiteram Rechtsverkehr teilnehmen und daß insbesondere ein erhaltungswürdigesSchuldnerunternehmen fortgeführt werden kann. Nicht zuletzt zu diesen Zwek-ken wurde die Einrichtung des vorläufigen Insolvenzverwalters mit Zustim- - 7 -mungsvorbehalt (§ 21 Abs. 2 Nr. 2 Alt. 2 InsO) geschaffen. Der Zustimmungs-vorbehalt soll zwar die künftige Insolvenzmasse schützen, aber nicht zugleichdas Vertrauen des Rechtsverkehrs in die Insolvenzbeständigkeit von Zustim-mungen eines derart ausgestatteten vorläufigen Verwalters erschüttern (vgl.auch Marotzke, Gegenseitige Verträge im neuen Insolvenzrecht 3. Aufl.Rn. 14.96 ff und in EWiR 2002, 351, 352). Stimmt der vorläufige Insolvenzver-walter einer Verfügung des Schuldners zu, darf der Geschäftspartner alsomöglicherweise darauf vertrauen, daß eine bloß mittelbare - im Zeitpunkt derVerfügung vielleicht noch nicht erkennbare oder sogar noch gar nicht vorlie-gende - Gläubigerbenachteiligung nicht zur Anfechtbarkeit führt.Letztlich braucht der Senat diese Frage ebensowenig abschließend zuprüfen wie diejenige, ob die Tilgung der Altschulden wegen Insolvenzzweck-widrigkeit nichtig war (vgl. BGHZ 118, 374, 379 f). Denn anfechtbar war jeden-falls die kausale Abrede, die der Zahlung zugrunde lag. Darauf bezieht sich derZustimmungsvorbehalt nach § 21 Abs. 2 Nr. 2 Alt. 2 InsO nicht.2. Der Kläger hat die von ihm mit der Beklagten getroffene Abrede, wo-nach er, falls die Beklagte die ausstehende Leistung erbringe, neben der dafürgeschuldeten Vergütung auch die Altforderung bezahle, wirksam nach § 132Abs. 1 Nr. 2 InsO angefochten.a) Die Abrede war ein "Rechtsgeschäft des Schuldners". Da das Insol-venzgericht der Schuldnerin kein allgemeines Verfügungsverbot auferlegt hat-te, war die Verwaltungs- und Verfügungsbefugnis über das Vermögen derSchuldnerin bei dieser verblieben (§ 22 InsO). Der Kläger konnte mit Wirkungfür die Schuldnerin nur handeln, wenn er in deren Namen und mit entspre- - 8 -chender Vollmacht auftrat. Jedenfalls unter dieser Voraussetzung können auchRechtshandlungen vorläufiger Insolvenzverwalter anfechtbar sein (vgl. OLGStuttgart ZIP 2002, 1900, 1901 m.w.N.; OLG Celle ZIP 2003, 412, 413 f). DasVorliegen jener Voraussetzungen ist im Streitfall von niemandem angezweifeltworden.b) Das Rechtsgeschäft wurde nach dem Eröffnungsantrag abgeschlos-sen, und die Beklagte hatte davon auch Kenntnis, weil der Kläger sich ihr ge-genüber als vorläufiger Insolvenzverwalter bezeichnete.c) Die Abrede, auch die Altforderung von 41.750 DM zu bezahlen, hatdie Insolvenzgläubiger, wie im Rahmen des § 132 InsO vorausgesetzt, unmit-telbar benachteiligt. Denn die Altforderung war für sich eine reine Insolvenzfor-derung, auf die im Insolvenzverfahren allenfalls eine Quote entfallen wäre.aa) Zwar hat das Berufungsgericht davon gesprochen, die vorherige Be-zahlung der Altforderung der Beklagten sei als "zusätzliche Gegenleistung" fürdas von ihr versprochene Tätigwerden vereinbart worden. Damit hat das Be-rufungsgericht - im Zusammenhang mit der verfehlten Anwendung des § 55Abs. 2 InsO - jedoch erkennbar nur zum Ausdruck gebracht, daß die Verpflich-tung zur Bezahlung der Altforderung zu einer "neu begründeten Verbindlich-keit" geworden sei. Das schließt eine unmittelbare Gläubigerbenachteiligungnicht aus. Eine solche liegt bei einem Austausch von Leistung und Gegenlei-stung vielmehr dann vor, wenn die an den Schuldner erbrachte Gegenleistungobjektiv nicht gleichwertig ist. Daß der objektive Wert der von der Beklagten inSaudi-Arabien zu erbringenden Leistung mehr als 29.000 DM betragen habe,ist weder festgestellt noch von der Beklagten geltend gemacht worden. Diese - 9 -hat vielmehr selbst vorgetragen, es seien "mindestens 10 namhafte Fachfirmenin Deutschland in der Lage gewesen ..., die Anlage ... in Betrieb zu nehmen".Nicht behauptet hat die Beklagte, daß diese Unternehmen mehr als 29.000 DMfür diese Leistung verlangt hätten. Allerdings war die von der Beklagten über-nommene Tätigkeit wohl so eilbedürftig, daß der Kläger tatsächliche Schwie-rigkeiten gehabt hätte, in der zur Verfügung stehenden Zeit einen anderen zurLeistung bereiten Unternehmer zu finden. Das machte die Leistung der Be-klagten jedoch objektiv nicht wertvoller, sondern belegt nur die Notlage desKlägers, die von der Beklagten - auch nach Ansicht des Berufungsgerichts -ausgenutzt worden ist. Soweit die Beklagte Leistungen erbracht hat, die durchden mit der Schuldnerin ursprünglich vereinbarten Betrag von 29.000 DM nichtabgegolten waren, sind sie durch den arabischen Geschäftspartner der Schuld-nerin direkt bezahlt ) Der Eintritt einer unmittelbaren Gläubigerbenachteiligung ist im Rah-men des § 132 Abs. 1 InsO ausschließlich mit Bezug auf das Wertverhältniszwischen den konkret ausgetauschten Leistungen zu beurteilen. Zu berück-sichtigen sind lediglich solche Folgen, die an die anzufechtende Rechtshand-lung selbst anknüpfen (MünchKomm-InsO/Kirchhof, § 129 Rn. 175). Erhält derSchuldner für das, was er aus seinem Vermögen weggibt, unmittelbar einevollwertige Gegenleistung, liegt keine unmittelbare Gläubigerbenachteiligungvor (vgl. BGHZ 118, 171, 173; 128, 184, 187; 129, 236, 240 f; BGH, Urt. v.13. März 1997 - IX ZR 93/96, ZIP 1997, 853, 854; v. 10. Dezember 1998- IX ZR 302/97, ZIP 1999, 146, 147). Erhält er etwas, das zwar keine Gegenlei-stung darstellt, sich aber in anderer Weise als - zumindest gleichwertiger -Vorteil erweist, kommt es darauf an, ob der Vorteil unmittelbar mit dem Vermö-gensopfer zusammenhängt. Das ist nicht schon dann der Fall, wenn das Ver- - 10 -mögensopfer gezielt eingesetzt wird, um den Vorteil zu erreichen. Vielmehrmuß sich der Vorteil unmittelbar in einer - den anderweitigen Nachteil zumin-dest ausgleichenden - Mehrung des Schuldnervermögens niederschlagen.Ist beispielsweise der Betrieb des Schuldners nur mit Zustimmung einesLieferanten günstig zu verwerten und macht dieser seine Einwilligung davonabhängig, daß ihm der Schuldner ausstehende Schulden bezahlt, so benach-teiligt diese Schuldtilgung die anderen Insolvenzgläubiger nicht, wenn derBetrieb ohne die "erkaufte" Einwilligung weniger wert gewesen wäre als dentatsächlich erzielten Kaufpreis abzüglich der Tilgungsleistung (BGH, Urt. v.24. November 1959 - VIII ZR 220/57, WM 1960, 377, 379). Hier schlägt sichder Vorteil unmittelbar und gegenständlich in einer Mehrung des Schuldner-vermögens nieder. Umgekehrt entfällt die gläubigerbenachteiligende Wirkungder Bezahlung der Schulden aus Stromlieferungen nicht deshalb, weil sonst die- berechtigte - Einstellung der Stromversorgung in dem Betrieb des Schuldnerszu einem Produktionsausfall geführt hätte (BGH, Urt. v. 25. September 1952- IV ZR 13/52, BB 1952, 868). Daß ein Subunternehmer sich gegen Bewilligungeiner Sicherheit für ausstehende Forderungen verpflichtet, die ihm übertrage-nen Arbeiten gegen Entgelt weiterzuführen, gleicht den Verlust der Sicherheitfür die Insolvenzgläubiger des Hauptunternehmers nicht aus (BGH, Beschl. v.28. Juni 1984 - IX ZR 21/84, WM 1984, 1194, 1195). Des weiteren ist der Ab-schluß eines Vertrages, durch den einem Beteiligten für den Fall seiner Insol-venz Vermögensnachteile auferlegt werden, die über die gesetzlichen Folgenhinausgehen und nicht zur Erreichung des Vertragszwecks geboten sind, gläu-bigerbenachteiligend, selbst wenn der Beteiligte bei ungestörter Durchführungdes Vertrages wirtschaftliche Vorteile erzielt hätte (BGH, Urt. v. 11. November1993 - IX ZR 257/92, ZIP 1994, 40, 42, insofern in BGHZ 124, 76 nicht abge- - 11 -druckt). Die durch den Schuldner fortgesetzte Nutzung von gemieteten Räu-men gleicht nicht die Beitreibung älterer Mietforderungen durch den Vermieteraus (OLG Frankfurt HRR 1936 Nr. 480 a.E.).cc) Diese enge Abgrenzung danach, ob sich der Vorteil unmittelbar ineiner Mehrung des Schuldnervermögens niederschlägt, ist nicht nur aus Grün-den der Rechtsklarheit, sondern auch deshalb geboten, weil nur so verhindertwerden kann, daß der Grundsatz der Gläubigergleichbehandlung (par condiciocreditorum) ausgehöhlt wird.Die bestmögliche und gemeinschaftliche, d.h. gleichmäßige und anteili-ge Befriedigung der Insolvenzgläubiger ist gemäß § 1 InsO der Hauptzweckdes Insolvenzverfahrens (BGH, Urt. v. 25. April 2002 - IX ZR 313/99,NJW 2002, 2783, 2785, z.V.b. in BGHZ 150, 353 ff; Ganter, in: MünchKomm-InsO, § 1 Rn. 20, 51 f; Kirchhof, in: HK-InsO, § 1 Rn. 4; ders. ZInsO 2000, 297,299; Uhlenbruck, § 1 InsO Rn. 7). Die Erhaltung des Unternehmens desSchuldners ist demgegenüber lediglich ein Weg zur Gläubigerbefriedigung(Beschlußempfehlung und Bericht des Rechtsausschusses zu § 1, BT-Drucks.12/7302 S. 155; dazu Kirchhof, in: HK-InsO, § 1 Rn. 6; Schmerbach, in: FK-InsO, 3. Aufl. § 1 Rn. 27; Prütting, in: Kübler/Prütting, § 1 InsO Rn. 24; ders., in:Kölner Schrift zur Insolvenzordnung 2. Aufl. S. 221, 240 Rn. 60; Braun/Kießner,InsO § 1 Rn. 3). Die Gewährung eines Sondervorteils an einen Gläubiger, derdavon eine betriebsnotwendige Leistung an den Schuldner abhängig macht,mag zwar der Fortführung des Schuldnerunternehmens dienen, für denSchuldner also von Vorteil sein, kann aber gleichwohl dem Grundsatz derGläubigergleichbehandlung zuwiderlaufen. Dieser gebietet, daß alle Insol-venzgläubiger an einem derartigen Vorteil teilhaben. Könnte dagegen ein - 12 -Gläubiger die Erbringung einer vor Antragstellung verabredeten Leistung, dieÜbernahme eines neuen, für das Unternehmen des Schuldners betriebsnot-wendigen Auftrages oder die Ausreichung eines neuen Kredits - ohne eineAnfechtung fürchten zu müssen - insolvenzbeständig davon abhängig machen,daß sonstige Altforderungen aus der vor der Stellung des Insolvenzantragsbestehenden Geschäftsverbindung befriedigt werden, wäre einer Erpressungdurch marktstarke, etwa mit einer Monopolstellung ausgestattete Geschäfts-partner des Schuldners Tür und Tor geöffnet (zutreffend Tetzlaff EWiR 2002,487, 488; Fritsche DZWIR 2002, 324; vgl. ferner Wittig DB 1999, 197, 200).Selbst wenn das Vorgehen des Gläubigers, der eine weitere Kooperation mitdem Insolvenzverwalter von der Gewährung von Sondervorteilen abhängigmacht, im Einzelfall nicht als verwerflich erscheinen sollte, führte der krasseVerstoß gegen den Grundsatz der Gläubigergleichbehandlung dazu, daß an-deren Gläubigern, denen der Insolvenzverwalter neue Aufträge erteilen will,kaum begreiflich zu machen wäre, weshalb gerade sie auf eine bevorzugte Be-handlung verzichten sollten. Der Nachahmungseffekt, der von dem erstenNachgeben ausginge, führte letztlich dazu, daß Gläubiger, mit denen der Insol-venzverwalter neue Geschäfte abschließt, auch bezüglich ihrer Altforderungenzu einer privilegierten Klasse würden. Hinzu kommt, daß der Insolvenzverwal-ter in dem Zeitpunkt, in dem die Bevorzugung des Gläubigers stattfindet, seltenzuverlässig abschätzen kann, ob sich das Nachgeben für die Masse wirklichlohnt.dd) Hiernach ist es entgegen der Meinung der Revision unerheblich,daß erst die - von der Bezahlung der Altforderung abhängig gemachte - Bereit-schaft der Beklagten, den neuen Auftrag auszuführen, es der Schuldnerin er-möglicht hat, ihre vertraglichen Verpflichtungen gegenüber dem saudischen - 13 -Geschäftspartner zu erfüllen. Ob die Leistung der Beklagten letztlich zum Zu-fluß des der Schuldnerin zustehenden restlichen Werklohns von 300.000 DMgeführt hat - was die Beklagte behauptet, der Kläger indessen bestritten hat -,bedurfte keiner Aufklärung. Denn falls dieser Mittelzufluß stattgefunden habensollte, handelte es sich um einen Vorteil, der nicht unmittelbar mit der ange-fochtenen Rechtshandlung zusammenhing. Für den Erwerb der fälligen Werk-lohnforderung - der als Vermögensvorteil verbleibt, falls das Geld nicht geflos-sen sein sollte - gilt das gleiche. Ebenso unerheblich ist es, ob die Insolvenz-masse höheren Schadensersatzansprüchen des saudischen Auftraggebers- als Insolvenzforderungen - ausgesetzt gewesen wäre, wenn die Beklagte dieAnlage nicht für die Schuldnerin in Betrieb genommen hätte.d) Ein Wertungswiderspruch - wie er möglicherweise vorläge, wenn einemit Zustimmung des vorläufigen Insolvenzverwalters vorgenommene Verfü-gung wegen mittelbarer Gläubigerbenachteiligung (§ 130 InsO) anfechtbar wä-re (vgl. oben 1 b) - ist nicht zu befürchten, soweit es um eine unmittelbareGläubigerbenachteiligung geht (§ 132 InsO). Denn die Beteiligten können inder Regel sofort erkennen, ob ein Geschäft unmittelbar gläubigerbenachteili-gend wirkt.e) Eine Anfechtung scheidet allerdings ausnahmsweise aus, wenn derspätere Insolvenzverwalter durch sein Handeln einen schutzwürdigen Vertrau-enstatbestand beim Empfänger begründet hat und dieser infolgedessen nachTreu und Glauben (§ 242 BGB) damit rechnen durfte, ein nicht mehr entziehba-res Recht errungen zu haben (BGHZ 118, 374, 381 f). - 14 -Die Revisionserwiderung hat um Überprüfung gebeten, ob die Beklagteihre Leistungen nicht in dem berechtigten Vertrauen erbracht hat, sie werde alsMassegläubigerin befriedigt. Ein schutzwürdiges Vertrauen der Beklagten istindes nicht erkennbar. Dabei ist unerheblich, ob der Kläger - wie die Beklagtebehauptet hat - sie von seiner umfassenden Ermächtigung durch das Insol-venzgericht in Kenntnis gesetzt hatte. Dahinstehen kann auch, ob ein etwaigerRechtsirrtum der Beklagten, die umfassende Ermächtigung sei zulässig, ent-schuldbar ist. Eine Vertrauenslage scheidet hier schon deshalb aus, weil derKläger lediglich widerstrebend und unter dem Vorbehalt der Anfechtung aufdas Ansinnen der Beklagten eingegangen ist.3. Die Anfechtung des Kausalgeschäfts hat zur Folge, daß die Beklagtesich so behandeln lassen muß (§ 143 InsO), als habe die Schuldnerin ihr aufeine bloße Insolvenzforderung eine volle Befriedigung gewährt. Da dies nachdem Eröffnungsantrag und in Kenntnis der Beklagten von diesem geschehenist, ist deshalb der Rechtsgrund für die Zahlung wirksam angefochten. Die Be-klagte hat das Erhaltene zurückzugewähren. Die Rechtsfolgen für ihre Gegen-leistung regelt § 144 InsO.KirchhofGanter Raebel KayserBergmann
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